Ein Gesicht – die ganze Zeit


»Was für ein gut aussehender Mann«, dachte ich, als ich ein Screenshot von einer Szene machte und ihn frontal betrachtete. Delon war schon sechzig Jahre alt und spielt einen Gynäkologen, der sich auf Geburtsmedizin spezialisiert hatte und dieses auch lehrte. Von dem Gesichtsausdruck habe ich in dem Film zweimal eine Variation gesehen. Da lächelte er.

Den Rest des Filmes nehmen Zuschauer:innen nur dann ein anderes Gesicht bei dem Schauspieler wahr, wenn dieser eine Brille aufsetzt. Für mimische Qualität spricht das nicht, aber für einen Fast-Sechzigjährigen sprintete Delon flott Treppenhäuser rauf und runter. Eine Qualifikation, die in Action-Filmen oft sehr gefragt ist. In Streifen, die als Simenon-Adaption daherkommen, aber nicht zur Schlüssel-Qualifikation zählt.

Irgendwo wurde die schauspielerische Leistung von Delon gelobt, die den mittelmäßigen Film retten soll. Leider kann ich mich nicht erinnern, wo ich das gelesen habe und möchte die Gelegenheit nutzen, dem zu widersprechen. Alles dreht sich um Delon. Es wäre in dem Fall mehr ls komisch, die Mittelmäßigkeit an allen anderen Schauspielern festzumachen. Die Kombination aus Hauptdarsteller und Story sind es, die den Film in Richtung Bedeutungslosigkeit katapultieren.

Wäre es keine Simenon-Verfilmung und hätte ich nicht dieses verdammte preußische Pflichtbewusstsein, diese Zeilen wären nicht geschrieben worden. Spätestens nach fünfzehn Minuten hätte ich abgeschaltet und mich einem anderen Thema gewidmet. Ich kann an der Stelle schon mein Resümee ziehen: Das Anschauen des Films lohnt sich nur für sehr hart gesottene Simenon-Interessierte und diese mögen den Rest lesen, in dem heftig gespoilert wird.

Der von Delon gespielte Professor Jean Rivière ist beruflich erfolgreich, anscheinend auch ein guter Lehrer, allerdings ein mittelmäßiger Vater und ein lausiger Ehemann. Mit einer Reihe von Kolleginnen scheint er Affären gehabt zu haben, zumindest gibt es gewisse Schwingungen, die dies nahe legen. Wo Rivière seine Nächte verbringt, darüber werden die Zuschauer:innen nicht im Unklaren gelassen: Chantal – gespielt von Francesca Dellera – mochte nicht die Hellste sein und hatte auch kein Faible für ausgefallene Wohnkultur. Der Sex, den sie dem Frauenarzt bot, ließ über ihn über diese Schwächen hinwegsehen. Auf die Idee, mit der jungen Frau in einen tieferen Gedankenaustausch zu treten, wäre dem Mann nie gekommen. Aus seiner Sicht mochte sein Leben wunderbar sein.

An der Stelle atmen wir kurz ein und wieder aus. Dann machen wir uns bewusst, dass es sich um die Adaption eines Non-Maigrets von Simenon handelt … in der Welt gibt es kein »wunderbar«. Vielleicht kurz, aber dann kommen die Probleme. 

Für Rivière in Form von Morddrohungen. Warum, fragte er sich, was hatte er getan? Die Antwort wird in dem Film durch den Drohenden gegeben, der dem Professor einen Plüschbären zusendet. In Rückblenden werden die Betrachter:innen eingeweiht: In einer Nachtschicht hatte sich der Mann dazu hinreißen lassen, eine junge Frau zu verführen. Anschließend ignorierte er sie. Ihre Antwort auf die Zurückweisung konnte man drastisch nennen: Sie brachte sich um. Nun gab es jemanden, der das dem Professor nicht ungestraft durchgehen lassen wollte.

Fragwürdige Botschaft

Der Arzt lässt sich, nachdem die drastischen Botschaften angekommen waren, den Namen der Verführten heraussuchen und macht sich auf eine halbherzige Spurensuche. Sie hatte in der Nacht der Verführung einen Teddybären auf den Boden fallen lassen und er hatte das Plüschtier aufgehoben. Dieses Stofftier war es, was ihm als anonyme Botschaft zugesandt wurde und in ihm die Erinnerung wiederbrachte. Nicht einmal den Namen seiner einmaligen, nächtlichen Eroberung wusste er. 

Was in dem Mann bei seiner Suche vorgeht, ist schwer zu sagen: Seine Gefühle bringt er weder verbal noch durch seine Mimik zum Ausdruck. Es bleibt ein Rätsel.

Es war der Bruder der jungen Frau, der mehr als erbost über das Vorgefallene und die Schäbigkeit des Professors war, dass er mit den Drohungen sendete und Versuche unternahm, seine Schwester zu rächen. Nun erscheint mir Selbstjustiz kein vernünftiges Straf-Konzept zu sein. Dass in dieser Adaption der Professor aber als Sieger aus dem Ring steigt und der Bruder umkommt, erschien mir nicht nur hochgradig ungerecht sondern auch derart unsimenonhaft, dass ich mir umgehend den Roman schnappte, um die Story gegenzulesen.

Und was soll ich sagen? Spart euch das Geld für den Film und gebt es für das Buch aus!

(Bitte nicht weiterlesen, wenn das Buch noch auf der To-do-Liste steht!)

Unvermeidlich: der Vergleich Buch/Film

Spielte in dem Buch ein Plüschtier überhaupt eine Rolle? Wenn der Roman schon den Titel hat, wird einem das nahegelegt. Das stimmt aber nicht. In der Geschichte handelte es sich bei der Verführten um Emma und diese erinnerte den Professor, der Chabot heißt, an einen Plüschbären. Hier fällt nichts runter und somit bekommt der Mann auch kein Stofftier zugeschickt. Es sind Zettel mit Drohungen, die ihm hinter die Scheibe seines Autos geklemmt werden.

Die Beziehung zu seiner Frau ist zerrüttet. Chabot ist trotzdem ein Familienmensch und liebt seine Kinder – zum Abendessen schafft er es nicht immer, auf ein gemeinsames Mittagessen besteht er. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, das zu organisieren ist wesentlich komplizierter und unterstreicht die Wichtigkeit. Die Tochter von Rivière ist schon sehr verwundert, als ihr Vater bei ihr in der Schule auftaucht.

Chabot schläft mit seiner Sekretärin Vivianne, deren Aufgabe nicht nur die Koordination seines Tages war, sondern ebenso das Herumkutschieren durch die Gegend, da er nicht gern bei Nacht fuhr. Eine recht interessante Begründung, aber somit ließ sich gut erklären, warum die junge Frau in die Nähe zog – das sparte Zeit und Nerven.

Ein Aspekt, der in dem Film überhaupt nicht behandelt wird: Der Arzt ist Alkoholiker. Trank er etwas, und das machte er in der Geschichte den ganzen lieben Tag, dann nahm er nach dem Drink eine Pastille, die seinen Atem schonte, sodass man ihn nicht für einen Trinker hielt. Letztlich wird das Problem ebenso durch Konsumintensität in Qualität (Cognac) und Quantität (ständig) deutlich – der Roman spielt in einem kurzen Zeitraum und am Ende des Tages konnte der Arzt immer noch Auto fahren. 

Just in der Phase, in der es die Drohungen gab, und sich Chabot mit Schuld auseinanderzusetzen hatte, passiert ihm auch noch ein Lapsus, der sein berufliches Selbstverständnis ins Wanken bringt. Das ist also ein gehöriges Päckchen, was der Doktor zu tragen hat, und mit dem er sich auseinandersetzt. 

Rivière versucht nur sein Leben zu retten und wählt als Lösung Mord. Der Buch-Arzt nimmt früh eine Waffe an sich, die er schon besaß. Er erwägt, sich selbst umzubringen und nicht, die Schuld abzuwälzen. Dass das am Ende nicht passiert, dürfte einer der großen Überraschungen des Romans sein und erscheint völlig irrational. Der große Unterschied: Chabot wird nicht einfach damit durchkommen wie Rivière.

Ein letztes Fazit

Simenon zeigt in seinem Buch eine Entwicklung der Hauptfigur auf, man spürt seine Zweifel und seine Nöte. Chabot mag nicht sympathisch sein, aber man folgt interessiert, was ihm passiert.

Jacques Deray lässt Alain Delon als Rivière herausfinden, was er angerichtet hat, und im Anschluss soll das Problem möglichst mit bewegungsloser Mimik gelöst werden. Das ist nicht tiefgründig, öde inszeniert und langweilig.