Die Suche

Die Spur der jungen Toten


Ganz gewiss hatten wir, als wir in Paris ankamen, nicht die Idee gehabt, den Spuren eines Maigret-Romans zu folgen. Aber vorgestern fiel mir in einem kleinen Antiquariat in Saint-Paul ein Stadt-Plan von Paris aus den zwanziger Jahren in die Hände. Da dachte ich, es wäre doch witzig wenn man einem Roman auf Basis dieses Heftchens folgen würde. Meine Madame ist für solche verrückten Ideen auch immer zu haben.

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Auf die Idee, dass im Register die Straßen am Besten aus einer Kombination aus Buchstaben plus einer zahl angibt, kam man wohl erst später, so stehen dort vier Zahlen, von der eine die Karte und die anderen beiden die Koordinaten des Ortes angaben. Das war aber noch nicht einmal das größte Problem. Egal ob mit oder ohne Brille – man konnte kaum lesen, geschweige denn finden, was man suchte. Es blieb mir nur, ein Foto davon zu machen und dieses dann zu vergrößern. In dem Fall konnte man natürlich auch mit den Karten-Diensten dieser Welt arbeiten, die man im Internet fand. Also: Guter Plan, allerdings etwas realitätsfern.

Für die Auswahl des Romans, nach dem wir wandern wollten, gab es nur eine Bedingung: Er sollte nicht zu umfangreich sein und ich musste ihn als Ebook vorliegen haben: Damit kamen wir auf »Maigret und die junge Tote«. Die Ebook-Bedingung ist in zweierlei Hinsicht interessant gewesen: Als ich es vorgestern Abend las, konnte ich problemlos ohne langes Seitenblättern hin- und herspringen. Auch die Erstellung von Notizen war sehr komfortabel. Aus den Notizen hatte ich dann die Route erstellt, die wir gehen sollten. Schnell stellte sich heraus, dass man nicht in chronologischer Reihenfolge gehen kann, zumindest nicht nach dieser Story, da hätte man – wie Maigret – ein Taxi benötigt. Man bekommt auch nicht alle Orte in so einer Tour unter, es bleibt also bei einer Auswahl.

Wichtig: Man rennt einer Geschichte hinter her, die rein fiktional ist. Wenn man so etwas macht, dann zum eigenen Spaß. Ein großer Pluspunkt ist, dass man in Gegenden kommt, in denen nicht so viele Touristen unterwegs sind, die aber trotzdem reizvoll sind.

Station 1: Rue Caumartin/Rue Saint-Lazare

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Man hatte Louise Laboine gefunden und konnte sich keinen Reim auf ihre Aufmachung machen. Sie war schick gekleidet, aber irgendwie passte sie nicht in das Viertel und auch nicht die Aufmachung. Den Namen hatten die Ermittler noch nicht, denn sie hatte keine Ausweispapiere bei sich, die Frau war auch ihrer Handtasche beraubt worden. Maigret machte sich also daran, die letzten Stunden der jungen Frau zu rekonstruieren.

An der Ecke existiert ein Restaurant, in das die junge Tote eingekehrt war:

Sie kam gegen halb elf und setzte sich in eine Ecke bei der Kasse.
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​Janvier, der nach einer Reihe von Bar- und Restaurant-Besuchen leicht beschwipst Maigret berichtete, was er herausgefunden hatte, hatte diesen Ort gefunden und konnte Maigret auch erzählen, wie der Kellner im Lokal hieß und wo er herkam. Und halt, dass das Mädel dort vorbeigekommen war.

Von der Ecke aus hat man schon einen Blick auf das Warenhaus Printemps und in der Rue St. Lazarett befindet sich rechten Hand ein imposantes Tor mit dem Namen »Le TivOli«. Da sollte man vielleicht auch mal einen Blick drauf werfen, wenn man schon vor Ort ist.

Station 2: Place d'Estienne d'Orves

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​Nur ein paar Meter von unserem Einstieg entfernt lag schon die zweite Station. Es handelte sich um den »Square de la Trinité« auf dem die Église de la Sainte-Trinité steht. Als wir nun ums Eck kamen, war die Kirche christomäßig verhüllt.

Wir können aber bestätigen, dass der Platz davor ein schöner ist. Dass Louise Laboine sich diesen Platz ausgesucht hatte, um die Tage zu verbringen, zeugt von Geschmack. Gewiss wäre es eine bessere Idee gewesen, sich eine Arbeit zu suchen und an den eigenen Fähigkeiten ein wenig zu werkeln (Louise galt als etwas naiv und ungeschickt); aber es gibt schlechtere Orte, an denen man in Paris seine Zeit vertrödeln kann.

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Der Platz hat 1944 einen neuen Namen bekommen und heißt »Place d’Estienne-d’Orves« und erinnert damit an einen hingerichteten Widerstandskämpfer der Résistance.

Die Information, dass sich Louise Laboine hier gern aufhielt, hatte Maigret über ein Dienstmädchen bekommen, das sich telefonisch bei der Polizei gemeldet hatte und verriet, dass man sich in der 113 Rue de Clichy um Madame Crêmieux kümmern solle, die hätte sicher etwas zu dem Fall beizutragen. Dazu werde ich später noch ein paar Worte verlieren, denn das war ein ebenso hilfreicher wie irreführender Hinweis des Mädchens gewesen.

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​Wer nun aber schon mal vor Ort ist, sollte sich die Mühe machen und die Kirche besuchen, die dem Platz und der Metro-Station ihren Namen gibt. Nachdem ich vorher schon einige Kirchen besucht hatte, die völlig überlaufen waren, war es eine Wohltat in dieses Gebäude zu treten. Mit uns war nur noch ein Besucher in der Kirche, die 1867 geweiht wurde. Einige Geräusche ließen darauf hindeuten, dass jemand in der Kirche irgendwas arbeitete, dem Gesamteindruck, dass es sich um ein Rückzugsort handelte, tat das keinen Abbruch.

Louise blieb lieber außerhalb der Kirche. Obwohl sie katholisch war, besuchte sie die Kirche nicht. Sagte zumindest ihre Vermieterin.

Station 3: Rue Notre-Dame-de-Lorette

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​Hier passierte eigentlich nicht viel, genau genommen gar nichts. Es wird erwähnt, dass aus der Straße die Schuhe stammen würde. Ich fragte mich, ob man hier die Schuhe der Toten gefunden hatte, aber gemeint ist wohl vielmehr, dass Louise Laboine die Schuhe hier gekauft oder geliehen hatte, oder sie in der Straße hergestellt worden sind. Aber auf jeden Fall ist wohl nicht anzunehmen, dass man sie in der Straße umgebracht hatte.

Abgesehen davon, dass ich meine Madame beeindrucken konnte, indem ich ihr erzählte, dass man in dieser Straße Joséphine Papet umgebracht hatte (»Maigrets Jugendfreund«), finde ich auch den kleinen Platz in der Straße und das angrenzende Ensemble reizend. Dass sich dort keine Touristen einfinden, möchte ich nicht behaupten, aber die Touristen-Dichte ist an der Stelle angenehm gering.

Station 4: 35, Rue de Douai

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Louise Laboine hatte nicht viel mehr als sie am Leib trug. Deshalb fehlte ihr ein Kleid, mit dem etwas hermachte. Das ist auch die erste Spur, die Maigret hatte, denn im Kleid war die Adresse 35, Rue de Douai zu finden und an der Stelle soll eine Mademoiselle Irène ihr Geschäft betrieben haben, welches im Kleiderverleih und -verkauf bestand. Hier bekam Maigret seine ersten Eindrücke vom Opfers und konnte bestimmte Annahmen gleich mal streichen.

Steht man vor dem Haus, könnte man sich vorstellen, wie es damals gewesen ist. In den Räumlichkeiten, in denen nun ein Bäcker agiert, dürfte man das Geschäfte von Mademoiselle Irène sicher nicht finden, aber in diesem kleinen Ladenlokal, wo nun Massagen angeboten werden, kann man sich das Geschäft sehr gut vorstellen. Massagen, das sei nun am Rande erwähnt, bekommt man in diesem Viertel an jeder Ecke angeboten – ich weiß nur nicht, ob man mit einem Rezept besonders weit kommt.

Station 5: Place Adolphe-Max

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Noch so ein Platz, der in der Geschichte so nicht vorkommt. Früher hieß der Ort Place Vintimille. Darauf weist noch der Name eines Restaurants hin, bei dem der Besitzer wohl keine Lust hatte, sich ständig umzubenennen oder »Adolphe-Max« als Restaurantnamen nicht für gelungen hielt.

Spekulieren kann ich nur darüber, warum Simenon die alten Namen benutzte. Immerhin war die Umbenennung zum Zeitpunkt der Entstehung des Romans schon zehn Jahre her. Entweder interessierte es ihn nicht oder er verwendete altes Kartenmaterial – bei der Vielzahl von Straßen, die Simenon in seinen Maigret-Romanen verwendet, kann ich mir nicht vorstellen, dass er jede einzelne kannte und allein ein Telefonbuch als Arbeitsmaterial dürfte wohl dürftig gewesen sein. Eine andere mögliche Erklärung wäre, dass er damit eine Datierung des Romans auf die 30er Jahre vornehmen wollte, aber Zeit spielt bei den Maigrets so gut wie keine Rolle.

In der Mitte des Platzes ist ein wenig Grün zu finden und ein Spielplatz, wie übrigens mittlerweile häufig. Ebenso findet man auf den Plätzen hin und wieder fest installierte Trim-Dich-Gerätschaften. Das hat es mit Budapest gemein, welches heutzutage gern für Maigret-Verfilmungen genutzt wird (im direkten Vergleich, ich war in Budapest vor sechs Wochen gewesen, möchte ich festhalten, dass das Original vorziehen ist).

An diesem Platz fand man die Leiche von Louise Laboine. Schnell hatte sich herausgestellt, dass dies nicht der Tatort gewesen war. Hier hatte man sie nur »abgeladen«.

Station 6: Rue Lepic

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Um zur Rue Lepic zu kommen, muss man am Moulin Rouge vorbei. Meine Madame meinte, ich könnte sie einladen. Da es aber keine Nachmittgsvorstellung zu vergünstigten Konditionen gab, musste ich ablehnen - außerdem stellte ich durchaus auch die Frage, ob man dorthin wirklich mit seiner Madame gehen sollte oder nicht besser mit den besten Freunden. Oder zumindest Freunden. Oder Bekannten.

Der Anstieg vom Boulevard Clichy zur Rue Lepic ist zur Mittagszeit keine Freude. Dazu kommt noch, dass die Geschäfte zu gefühlt nahezu einhundert Prozent vom Souvenir-Verkauf leben und das hat Gründe.

Wir gingen dort nur hinauf, weil es irgendwie zur Geschichte gehörte, auch wenn im Buch nur erwähnt wird, dass in der Straße einer der Bösewichte ansässig war. Wie so oft. In der Rue Lepic ist in den Maigrets doch immer was los! Heute würde sich dort kein Gangster mal etwas zu Schulden kommen lassen: Es gibt viel zu viel Touristen, die als Zeugen aussagen könnten.

Station 7: 113, Rue de Clichy

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Da konnte ich wirklich nichts machen: Der Bus hatte dort seine Start-Haltestelle und war nicht bereit wegzufahren. Die andere Straßenseite war noch weniger fotogen. So ist es halt ein Bild mit einem Bus. Wäre der Bus nicht da, wäre es übrigens ein Bild von »nichts« ohne einen Bus. Denn es gab dort kein Haus zu fotografieren, das für die Geschichte von Wert wäre.

In der 113 der Rue de Clichy, soll Madame Crêmieux Louise Laboine beherbergt haben. Also selbst wenn die von Simenon erzählte Geschichte wahr wäre, wäre das ein Unding gewesen, denn eine 113 gibt es in der Straße nicht. Soweit ich das sehen konnte, endete die Straße in den 80ern. Auf der anderen Seite des Platzes ging es mit der Avenue de Clichy weiter – für meinen Geschmack ist in den Straßennamen jede Menge Clichy drin, was nicht gerade für die Fantasie der Stadtväter von Paris bei der Namensvergabe spricht. Aber vielleicht waren sie abgelenkt.

Madame Crêmieux hatte von ihrer Mieterin keine hohe Meinung und war wohl ganz froh, dass sie sie rausschmeißen konnte, nachdem Louise Laboine nicht mehr in der Lage war, die Miete zu bezahlen. Die Freude der einen, war die Verzweiflung der anderen. In der Haut wollte man nicht stecken.

Meine Madame, der ich die Geschichte an den einzelnen Stationen erzählte, wurde immer deprimierter. So machten wir uns über den schattigen Boulevard des Batignolles von dannen, um die nächste Station anzusteuern.

Station 8: Place Saint-Augustin

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​Viele Museen haben montags geschlossen. Die Kirche am Place Saint-Augustin auch. Das Mädchen war über den Platz vor der Kirche schnell unterwegs, ein Taxifahrer hatte sie dabei beobachtet.

Wir dagegen sind nicht schnell über den Platz gestoben, denn meine Madame erinnerte mich daran, dass es Mittagszeit wäre und wir etwas einzunehmen hätten. So setzen wir uns in eine Pizzaria und aßen die zweitteuerste Pizza, die wir in unserem Leben hatten (noch teurer war es nur in Oslo am Hafen). Als sie denn kam, fing Madame an zu schwärmen, wie gut sie wäre - aber das macht sie immer: So eine Sache, wenn sie teuer ist, darf nicht wirklich schlecht sein. Ich begann damit, Recherchen an meiner Pizza anzustellen, um herauszufinden, wo sich die bestellten Zutaten verbergen.

Von dort stiefelten wir in die Rue de Laborde, um die nächste Station anzusteuern: Ach ja, schon in der kleinen Straße gab es zahllose Restaurants, in denen wir hätten billiger hätten Essen können. Ich wurde fast so grummelig wie Maigret während seiner Untersuchungen.

Station 9: Ecke Boulevard Haussmann/Faubourg Saint-Honoré

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​Man soll immer erst das Positive erwähnen, sagt mein Chef immer. Also: Die Kreuzung ist wirklich gut zu finden.

»Was passierte hier?« Das fragte meine Madame, die geduldig mit mir mitmarschierte und als ich mit den Satz begann: »Nun, hier wurde…« konnte sie den Satz mit »gesehen, ich weiß.« schon ergänzen. Aber das war es auch.

Jetzt will ich diese Station aber nicht schlecht reden, denn der Boulevard Haussmann ist schon eine Freude, wenn man sich an großen, bürgerlichen und prächtigen Häusern erfreuen kann. Ich kann das und habe eine Menge geknipst. Louise Laboine dürfte das aber nicht interessiert haben, als sie hier abends zügig vorbeistiefelte.

Also was passierte hier: nichts.

Station 10: Rue de Ponthieu

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Immer wieder spektakulär finde ich diese Ecke von Paris, bei der eine Straße eine andere als Brücke überquert und man in einen Haus sowohl an der einen wie an der anderen Seite »Straße« hat. Aus unerfindlichen Gründen war ich der Meinung, davon ein Foto gemacht zu haben, aber habe ich nicht. Ich bin wirklich enttäuscht von mir, denn ich wollte mir die Stelle unbedingt merken.

Sie war auf dem Weg in die Rue de Ponthieu aufgetaucht. Eine Straße, unweit des Champs-Élysées, in dem Louise Laboine bei ihrer Freundin als heimliche Untermieterin wohnte, bis die Tante der Freundin das herausbekam. Dieses Motiv taucht verschiedentlich in Simenons Geschichten aus, meist handelt es sich aber um Männer, die Männer bei sich verstecken und immer wundert sich der eigentliche Gastgeber, dass Vorräte schwinden. Hier war es nicht anders und irgendwann wird Louise Laboine entdeckt und rausgeschmissen.

Die Straße ist zur Zeit eine Baustelle, wir haben uns nicht weiter hineingewagt. Meine Madame war der Meinung, dass es Zeit wäre, nun den Champs-Élysées zu besuchen – wenn man denn schon in Paris ist. Für mich war schon die Ankündigung die Höchststrafe. Aber nachdem meine Madame den ganzen Tag mit mir marschiert war, konnte ich ihr den Wunsch schlecht abschlagen. Als sie jedoch die Menschenmassen sah, erkannte sie, dass es nicht das unbeschwerte Flanieren früherer Tage werden würde und wir verdünnisierten uns wieder in eine der Seitenstraßen. Höchst erstaunlich, dass von den ganzen Menschen, kaum dass man zwanzig Sekunden nach links oder rechts abgebogen ist, nichts mehr zu sehen ist. Ich finde das auch sehr beruhigend.

Station 11: Rue de l’Étoile

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​Wer den Roman schon gelesen hat, kann hier weiterlesen. Diejenigen, die sich an den Roman noch nicht gewagt hatten, sollten die Stelle jetzt meiden. Denn wir kommen zum Höhepunkt, nicht nur der Tour.

Am Ende ist es wie fast immer bei Maigret: Er weiß was los ist. Mit dem Eintritt in Pickwick’s Bar und den ersten gewechselten Worten, bekommt er eine gute Idee davon, was passiert sein muss. Er wusste, dass der Besuch der Bar das Ende von Louise Laboine besiegelte. Sie verließ die Bar zwar noch lebend, aber die Kumpel des Bar-Eigners sorgten dafür, dass sie nicht weit kam und erschlagen wurde. Dann legte man sie ein paar Arrondissements weiter ab, um die Tat zu verschleiern. Der Grund, wir erinnern uns, war natürlich Geld.

Die junge Frau war mit ein wenig Hoffnung in die Bar gekommen, dann wurde sie enttäuscht und schließlich umgebracht. Ich konnte die Tour nicht mit einem Happy-End beenden, aber wie soll das auch gehen?

Warum nicht?

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​Mit einer Mittagspause von etwa 45 Minuten waren wir etwa sechs Stunden unterwegs. Die Sohlen von Madame und mir qualmten ordentlich. Wir haben zweimal touristische Spots geschnitten. Der größte Teil der Tour führte uns aber durch Straßen, in denen wir manchmal allein waren. Es war genügend Zeit, sich Schaufenster anzuschauen, sich auf einer Bank zu setzen, und Leute zu beobachten, sogar kleine Besorgungen waren drin.

Uns hat es Spaß gemacht und sollten wir mal wieder nach Paris kommen, bereite ich das ein wenig besser vor.