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Nur für Bond-Freunde

imageEs ist keine sonderlich gewagte Behauptung, wenn man sagt, dass James Bond und Jules Maigret bis auf ihre »J«s im Vornamen überhaupt nicht zusammenfassen. Es gibt doch einen Link und der führt über eine flüchtige Bekanntschaft zwischen Ian Fleming und Georges Simenon und ein Interview darüber.

Wenn man es sich heute recht überlegt, gibt es keinen unwahrscheinlicheren Ort als ein Buch über James Bond, um über Simenon zu berichten. Aber den Titel des Buches »Nur für Bond-Freunde«, welches 1966 im Heyne-Verlag erschien, zierte auch der Name Georges Simenon. Man darf aber nicht vergessen, dass es gerade die 60er Jahre gewesen waren, in denen der Name Simenon und Maigret eine Größe waren.

Berechtigterweise mag man sich fragen: »Was hat Simenon mit James Bond oder mit seinem Schöpfer Ian Fleming zu tun?« Es gibt keinerlei Überlieferungen, dass Simenon ein Fan dieser Art Literatur gewesen wäre oder gar ins Kino gegangen wäre, um sich einen James-Bond-Film anzuschauen. Mit dem Buch, oder besser gesagt, mit dem Bericht von Frederick Sands, der über Simenons Erinnerung einer Begegnung mit Ian Fleming berichtet. Auf der Rückseite des Buches wird noch versprochen, dass Simenon Fleming ganz privat vorstellen würde. Davon bleibt in der Realität nicht viel über: Simenon traf sich mit Sands und erzählte diesem über seine Begegnung mit dem Schriftsteller-Kollegen. Obwohl beide damals in Deutschland gleich bekannt sein durften, schaffte es Sands nicht, Fleming in diesem Bericht in Vordergrund zu stellen. Dieser Artikel drehte sich komplett um Simenon, über sein Leben und sein Arbeiten. Simenon-Interessierte freuen sich darüber sicher, in dem Kontext wirkt es unpassend.

Simenon lernte Ian Flemming in Lausanne kennen. Jahre später, Fleming war schon verstorben, machte sich Sands auf, um mit Simenon über den Bond-Erfinder zu reden. Die beiden Schriftsteller hatten sich bei einem Gespräch näher kennengelernt und über ihre Arbeiten gesprochen. In dem Interview bekennt Simenon freimütig, dass er bis dato nichts von Fleming gelesen hätte. Der Bond-Erfinder dagegen hatte schon in frühen Jahren Simenons Werke im französischen Original gelesen hatte (unter anderem deshalb, weil ihm die Gestaltung der Umschläge so gut gefallen hatte).

Einer von den Männern im Zimmer war klein und untersetzt. Er sprach fließend englisch, aber mit französischem Akzent. Seine Bruyère-Pfeife schien fester Bestandteil seines Mundes zu sein. Der zweite Mann - groß, hager und zur Gesichtsröte neigend - sprach ein tadelloses Englisch und rauchte Zigaretten in Kette aus einer eleganten Spitze.

Klar ist, dass Simenon ersterer von beiden Männern gewesen sein dürfte. Sands hatte Simenon in seinem Schloss in Epalinges besucht. Das Gespräch kann spätestens 1964 stattgefunden haben. 1965 hatte Simenon seine Tagebuchreihe aus den frühen Sechzigern »Als ich alt war« abgeschlossen, und in diesen abschließend berichtet, dass er sich von seiner Frau Denise getrennt hätte. In dieser Reportage Sands ist die Rede davon, dass die überaus reizende Gattin von Simenon an dem Gespräch teilnahm, später kam sie gar zu Wort (davon später mehr).

Fleming hatte in dem gemeinsamen Gespräch betont, dass er den Stil Simenons immer bewundert hätte. Simenon sagte ihm daraufhin, dass er überhaupt gar keinen Stil hätte und er seinen Schreibstil so einfach wie möglich gehalten halte. Fleming sagte dazu, dass er der Meinung sei, dass man als Schriftsteller nicht den Fehler begehen dürfte, zu glauben, das Literatur literarisch sein müsste. Simenon dazu:

Es ist nicht so, dass wir weniger in einer literarischen Art schreiben sollten, aber wir müssen das bewusst Anspruchsvolle vermeiden.

... und führt dazu aus, dass Romane in der heutigen Zeit anders geschrieben werden könnten. In der Zeit von Dickens musste man alles erklären, heute wüsste jeder, wie eine bestimmte fremde Sache aussehen würde, weil er sie von Fotografien kenne würde. Gleichzeitig führte Simenon ein kleines Plädoyer, für kurze Romane, die man einem Stück lesen könne.

Auf vier, fast fünf Seiten erläuterte Simenon dann dem Interviewer, wie ein Buch entsteht, dass ihn das Buch quasi überkommt, er das Buch einfach schreiben muss. Er sich aber gleichzeitig enorm quält und das Buch nicht eine einfache Geburt ist, dass dieser Entstehungsprozess nicht nur ihn als Schriftsteller sehr mitnehmen würde, sondern seine komplette Umgebung in diesen Prozess einbezogen würde. Madame Simenon wusste von einer Ohrfeige zu berichten und davon, dass ihr Gatte beim Schreiben von »Der Präsident« mit einem sehr merkwürdigen Gang behaftet war, dass es beim Schreiben vorgekommen war und dass er so ekelhaft gewesen war, dass Teile des Hauspersonals sich mit dem Gedanken einer Kündigung beschäftigt hätten, was sie als Hausfrau nur mit Mühe hätte verhindern können und das Personal nur überzeugt werden konnte zu bleiben, weil Simenon nach Abschluss des Romans wieder »normal« wurde.

Die Arbeitsweise des Bond-Autoren war in wenigen Absätzen abgehandelt, den man entnehmen konnte, dass es für ihn normal war, dass er einige Stunden am Vormittag und einige Stunden am Nachmittag über einen Zeitraum von mehreren Wochen arbeitete, währenddessen aber seinen normalen Verrichtungen, wie Schwimmen, Mittagsschlaf und ähnlichem nachging. Zu seiner Arbeit gehörte auch, dass er seine Bücher korrigierte und gegebenenfalls noch änderte. Simenon sagte hierzu, dass ihm die Korrekturarbeit immer eine Gräuel sei.

Allerdings gab es auch grundlegende Unterschiede in der Arbeitsweise. Fleming orientierte sich bei der Namensgebung von Figuren an den Namen von Läden. So kam er, nach eigenem Bekenntnis, zu den besten Schurkennamen. Nicht jeden konnte er nehmen, er nahm dabei durchaus Rücksicht auf berühmte Persönlichkeiten (unter ihnen sicher auch Anwälte…). Simenon dagegen hatte seine berühmten Telefonbücher, die er vor dem Schreiben konsultierte. Er schaute sich in den Telefonbüchern, die aus allen Teilen der Welt stammten, interessante Namen heraus und erdachte sich zu jeder Figur eine Geschichte. So manche Biographie, der er vorgesehen hatte, spielte später in den Büchern keine Rolle. Es musste realistisch sein, das war die Devise Simenons. Fleming dagegen dachte sich die unwahrscheinlichsten Geschichten aus und ging davon aus, dass es genügen würde, diesen fantastischen Geschichten eine realistischen Anstrich zu geben, in dem er zum Beispiel mit Markennamen jonglierte, die jedem vertraut sind.

Amüsiert hätten die beiden Autoren in ihrem Gespräch festgestellt, dass sie unter ein und der selben Schwäche litten: dem »Zu-oft-benutzte-Wörter-Syndrom«:

In jedem Roman, den ich schreibe, ertappe ich mich dabei, dass ich ein bestimmte Wort häufig benutze. In einem Buch benutze ich ständig das Wort »aber« - in einem anderen immerzu »vielleicht«, und dann brauche ich Tage, um alle die »vielleichts« aus meinem Manuskript zu tilgen. Das Wort ändert sich mit jedem Roman.

Von Fleming berichtete Simenon, dass es das Wort »richtig« sei, welches sich immer wieder einschleiche.

Simenon stellte abschließend fest:

Ich würde meine Söhne nicht Schriftsteller werden lassen, wenn ich es verhindern könnte. Es ist besser, ins Bankfach oder Versicherungsgewerbe zu gehen. Aber wenn Sie schreiben MÜSSEN ... dann schreiben Sie. Halten Sie sich jedoch literarischen Zirkeln fern, wo Leute nur von Büchern REDEN, aber selten welche SCHREIBEN.

Zu finden in:
»Nur für Bond-Freunde«
Heyne Verlag, 1966

 

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Erstellt: 30.01.2009

Letzte Änderung: 30.01.2009