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Maigret und sein Rivale

Der Kommissar traf in Saint-Aubin ein, aber nicht allein, womit nicht die alte Bäuerin gemeint ist, die mit ihm ausstieg, sondern ein alter Bekannter Maigrets: Inspektor Justin Cavre. Schon die Anwesenheit des ehemaligen Inspektors der Pariser Kriminalpolizei und jetzigen Privatdetektivs im Zug hatte Maigret irritiert. Konnte das Zufall sein, dass der Ex-Inspektor mit ihm in einem solchen Bummel-Zug unterwegs war, und hartnäckig bemüht war, den Kommissar und seinen ehemaligen Chef zu ignorieren? Cadavre, wie sein Spitzname war, stieg auch in Saint-Aubin aus, wo Maigret von seinem »Klienten« erwartet wurde.

Es war Naud, kein Zweifel. Sein Schwager, der Richter, hatte ihm die Ankunft des Kommissars angekündigt. Aber welcher der beiden Männer, die aus der Bahn stiegen, war Maigret?
Er ging zunächst auf den schlankeren zu. Schon hob er die Hand an den Hut; sein Mund öffnete sich, um eine zögernde Frage zu stellen. Aber Cavre schritt verächtlich an ihm vorbei, dabei machte er ein Gesicht, als wüsste er Bescheid und als wollte er mit seiner Haltung zum Ausdruck bringen: »Ich bin es nicht. Es ist der andere.«
Der Schwager des Richters besann sich.
»Kommissar Maigret, nehme ich an… Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht sofort erkannt habe…«

Abbildungen zu »Maigret und sein Rivale« (insgesamt: 2)
Maigret und sein Rivale - detebe 23824 (MA 24) - 2008 Maigret und sein Rivale - Kiepenheuer & Witsch – 1962

Maigret war nicht in offizieller Mission unterwegs, sondern hat sich von einem der Untersuchungsrichter in Paris breitschlagen lassen. Es war nicht viel zu tun in diesem Januar in Paris, und der Schwager von Naud, Richter Bréjon, war der Meinung, dass sich in Saint-Aubin Schwierigkeiten anbahnten, die nur der bekannte Kommissar lösen könnte. Nur er konnte den Ruf der Familie retten.

Ungeheuerliches tat sich in der kleinen Stadt. Vor Kurzem war auf den Schienen der Bahnlinie, die an dem Ort vorbeiführte, Albert Retailleau von einem Zug überfahren worden. Die Stelle, an der er umkam, lag schon sehr dicht an dem Gehöft der Nauds, seine Mütze fand man aber an einem Kanal, und diese Stelle war nur fünfhundert Meter von den Nauds entfernt. Im Dorf machten Gerüchte die Runde, in denen die Nauds verdächtigt worden. Die Situation wird für die Familie noch unangenehmer, als anonyme Briefe bei der Staatsanwaltschaft des Distriktes eingehen, in der die Nauds beschuldigt werden, das Verbrechen verübt zu haben.

In der ersten Nacht an Maigret gleich ein AHA-Erlebnis – die Tochter des Hauses kommt in sein Zimmer und lässt folgendes verlautbaren:

»Ich muss Ihnen nur kurz was sagen… Ich erwarte ein Kind von Albert Retailleau… Wenn mein Vater es erfährt, dann bringe ich mich um, davon wird mich niemand abhalten können…«

Der Kommissar, selber im Nachhemd, wie das Mädchen auch, ist ziemlich erstaunt und kann darauf nichts entgegnen.

Das Dorf, das darf der Kommissar am nächsten Morgen feststellen, ist in zwei Lager geteilt: in die da Oben und die Anderen. Merkwürdiges tut sich, erfährt der Pariser, die Mutter des Verstorbenen hat keinerlei Interesse, dem Fall nachgehen zu lassen. Der Postbote berichtet den Aufgebrachten, dass er beobachten konnte, dass sie mit Tausend-Franc-Scheinen vor seinen Augen herumhantierte, entschieden zu viel für die Witwe eines Molkereiangestellten, aber nicht unbedingt zuviel für jemanden, der gerade eine Schweigegeld kassiert hat. Der alte Désiré, der eigentlich immer betrunken war, und die Mütze von Albert gefunden hatte, konnte sich plötzlich nicht mehr erinnern, wo das gewesen ist, schickt aber seinem Sohn viel Geld nach Marokko. Louis, der beste Freund von Albert, eine große Stütze bei den Ermittlungen Maigrets, der die Mütze aufbewahrte, muss feststellen, dass diese aus seinem Zimmer verschwunden ist und seine Mutter sehr einsilbig auf seine Fragen antwortet. Der Postbote, der gesehen hat, wie die Mutter von Albert mit verdächtig viel Geld herumhantierte, mag sich plötzlich nicht mehr erinnern, dass er das gesehen hat. Maigret ist nirgendwo willkommen, nicht einmal im Haus der Nauds. Was noch schlimmer ist und ihn in seiner Ehre und seinem Ehrgeiz verletzt, ist, dass überall vor ihm Cavre aufgetaucht ist.

Überrascht ist Maigret, dass Cavre nicht der Ermittler einer Gegenpartei ist, sondern fleißig dabei ist, Beweise zu vernichten und Zeugen zu manipulieren. Da stellt sich schon die Frage, was Maigret in Saint-Aubin eigentlich soll, denn die Einzigen, die ein Interesse an Beweismittelvernichtung haben könnten, sind die Nauds. Aber warum haben sie ihn dann kommen lassen.

Die Stimmung steigt, als der beste Freund der Familie, Alban Groult-Cotelles, eines Abends aufgeregt angeradelt kommt und verkündet:

»Stellen Sie sich vor, Kommissar, heute morgen, nachdem Sie gegangen waren, da fiel mir zufällig das in die Hände…«

Maigret beschaut sich das Stückchen Papier, dass ihm gereicht wird, die Nauds werden sehr neugierig.

Der Zettel, den Maigret zwischen seinen klobigen Fingern hin und her wendete, war eine Rechnung vom »Hôtel d l’Europe« in La Roche-sur-Yon. Zimmer dreißig Francs. Frühstück: sechs Francs. Service ...
Das Datum: 7. Januar.

Was für ein Zufall, das war der Abend, an dem der junge Albert umgekommen war.

»Sie warten erst gar nicht, bis man Sie beschuldigt, Sie versuchen Ihre Haut wohl schon vorher zu retten?« bemerkte Naud schließlich, der Zeit gehabt hatte, seine Worte abzuwägen.

Das sieht Maigret ähnlich… Die ganze Stimmung und vor allem die Anwesenheit und die Machenschaften von Cadavre spornen ihn ungeheuer an, auch wenn es in eine ganze andere Richtung geht, die sich der Untersuchungsrichter in Paris vorgestellt hat.

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Gleise - (c) fischerhuder [flickr]

fakten Fakten

Originaltitel:

L'inspecteur Cadavre

Entstehungsjahr:

1943 (März)

Erscheinungsjahr:

1944

Entstehungsort:

Saint-Mesmin

Verlag:

Gallimard

cinema und tv Cinema & TV

L'inspecteur Cadavre
[Maigret und das schweigende Dorf]
1968 - Frankreich
ein Film von Michel Drach
mit Jean Richard [Maigret]

Maigret et l'inspecteur Cadavre
1998 - Frankreich
ein Film von Pierre Joassin
mit Bruno Cremer [Maigret]

 

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Erste Worte

Meinungen (1)

Biblio

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Maigret blickte finster und missmutig um sich, was ihm, ohne dass er dies beabsichtigt hätte, diese scheinbare Würde, ja Wichtigkeit verlieh, die man nach öden Stunden in einem Eisenbahnabteil oft zur Schau trägt. Lange bevor der Zug langsamer wird, um in einen Bahnhof einzufahren, treten für gewöhnlich Männer in großen, unförmigen Überziehern mit einer ledernen Aktentasche oder einem Koffer in der Hand aus den einzelnen Kupees heraus und bleiben mit einer Miene, die ausdrücken soll, dass sie sich nicht füreinander interessieren, im Gang stehen, eine Hand gelassen auf der Kupferstange, die längs vor dem Fenster verläuft.

Gast-Kommentator

Ich hatte bevor ich dieses Buch las “Maigret und der geheimnisvolle Kapitän” und “Maigret und der gelbe Hund” gelesen und war dann natürlich enttäuscht, dass auch dieses Buch keinen Janvier oder Madame Maigret enthält. Schade, aber nur ein dummer Zufall das ich drei “Reise Maigrets” hintereinander las. Das Buch ist sehr gut, sehr spannend und wirklich lesenswert.

stephan am 03.01.2004

Was meinen Sie?

5 Ausgaben - erste Ausgabe: 1962 - letzte Ausgabe: 2008

Maigret und sein Rivale / Kiepenheuer & Witsch

1962

Maigret und sein Rivale
Kiepenheuer & Witsch (K57)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1963

Maigret und sein Rivale
in »Maigret im Luxushotel/Maigret und sein Rivale«
Deutsche Buch-Gemeinschaft
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1968

Maigret und sein Rivale
Heyne (K57)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1987

Maigret und sein Rivale
Diogenes (detebe 21523)
Übersetzung: Ingrid Altrichter

Maigret und sein Rivale / Diogenes

2008

Maigret und sein Rivale
Diogenes (detebe 23824 (MA 24))
Übersetzung: Ingrid Altrichter