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Maigret macht Ferien

Um elf Uhr vormittags griff Maigret zum Telefonhörer. Sein Anruf wurde erwartet, gehörte zur täglichen Routine dazu. Man sagte ihm, dass alles in Ordnung wäre, keine Veränderungen eingetreten wären. Maigret stapft daraufhin ein wenig durch die Stadt, über das Pflaster von Les Sables d’Olonne. Kehrt in das eine oder andere Bistro ein, um dann schließlich um kurz vor drei Uhr vor der Tür des Krankenhauses zu stehen. Er wartete bis es wirklich Punkt drei Uhr war, um dann einzukehren und auch hier den festen Ritualen seinen Tribut zu zollen. Er war nicht stolz darauf, hier einen anderen Namen zu haben, nicht Chef gerufen zu werden, sondern hier in diesem Krankenhaus war er schlicht »Monsieur 6«.

Abbildungen zu »Maigret macht Ferien« (insgesamt: 6)
Maigret macht Ferien - detebe 23828 (MA 28) - 2008 Maigret macht Ferien - Diogenes – 7/2005 Maigret macht Ferien - Weltbild – 9/2004

Auf dem Zimmer Nummer 6, das er seit Tagen besuchte, lag seine Frau, die kurz nach ihrer Ankunft in Les Sables d’Olonne operiert werden musste, und dabei war, zu genesen. Der Blinddarm war weg, die Urlaubsfreude auch. Aber Madame Maigret freute sich auf die Besuche ihres Mannes, auch wenn sie sich nicht viel zu sagen hatte. Wenn man es genau betrachtet, haben sich die beiden Menschen sehr wenig zu sagen. Da war es völlig egal, ob sie nun zu Hause am Boulevard Richard-Lenoir, in Meung-sur Loire oder hier in den Ferien waren. Es genügte, zusammen zu schweigen und sie fühlten sich wohl. Madame Maigret versuchte hin und wieder Neuigkeiten aus dem Klinikalltag zu erzählen, aber was gibt es groß zu berichten, wenn man den Großteil des Tages im Bett verbringt, zusammen mit einer Frau, die nicht der besten Laune war und deren Laune sich nicht verbesserte, wenn Maigret kam, denn es erinnerte sie daran, dass sie nie Besuch bekam. Im Krankenhaus war man, weil man krank war und versuchte, zu gesunden.

Nach einer halben Stunde meinte Madame Maigret dann zu ihrem Mann, so war es Tradition geworden, er müsse langsam aufbrechen und Maigret machte sich fertig. Er stapfte dann wieder durch die Straßen, kehrte in bestimmte Cafés ein, trank und aß etwas.

Das sollte sich ändern: nach einem dieser Besuche spürte er, dass sich etwas in seiner Jackentasche befand, dass dort nicht hingehörte. Ein Zettelchen:

»Aus Barmherzigkeit, bitte verlangen Sie die Patientin auf Zimmer 15 zu sprechen.«

Wie unangenehm. Maigret wurde ganz plötzlich aus seinem Trott gerissen. Über diesen Zettel galt es nachzudenken. Die Sprache konnte man nicht modern nennen, selbst damals nicht. »Barmherzigkeit« war ein Begriff, der viel in Kirchen und Klostern verwendet worden. Er würde den Begriff nicht verwenden, seine Frau auch nicht. Ein Streich vielleicht, der ihm von einer der Schwestern des kirchlichen Krankenhauses gespielt wurde? Das fand Maigret nun wirklich unwahrscheinlich, denn in diesem Krankenhaus ging es sehr ernsthaft zu.

Maigret beschließt, diesem Problem nachzugehen, aber frühestens am nächsten Tag. Seine Lust, sich mit einer wirren Geschichte, die sich als Luft herausstellte, zu beschäftigen, tendierten gegen Null. Da war ihm sein Müßiggang schon viel wert. Am nächsten Tag, der Besuch zur regulären Zeit, überrascht ihn seine Frau mit einer großen Neuigkeit: Das Mädchen, welches auf Zimmer 15 lag, wäre vergangene Nacht gestorben. Noch so jung.

Ach, mag sich Maigret gedacht haben und fängt an, nachzufragen. Im Krankenhaus, das wusste er, würde er keine Antworten bekommen. Mit dem Wenigen, was er weiß, fragt er mal hier da und mal da und merkt bald, dass er mit der Fragerei in ein Wespennest gestochen hat. Gestorben war die sehr junge Schwägerin von Doktor Bellamy – Hélène Godreau. Der Doktor ist angesehen, reich und einflussreich. Als Maigret arglos anfängt laut zu fragen, wird er ziemlich bald zurückgepfiffen. Dezent, aber zurückgepfiffen. Der Orts-Kommissar Mansuy erklärte Maigret, wie es zu dem Tod der jungen Frau kam: Doktor Bellamy war mit der Schwester seiner Frau auf dem Rückweg von einem Konzert, als plötzlich die Tür aufging und das Mädchen aus dem Auto fiel. Einfach so, glaubt Kommissar Mansuy. Maigret grübelt und kommt zu dem Schluss: Einfach so, wenn irgendjemand Zettel mit Barmherzigkeits-Aufrufen schreibt, sicher nicht. Da gab es etwas auszugraben.

Es mochte den Herrschaften von Les Sables d’Olonne nicht passen, sie mochten es vielleicht nicht einmal glauben, aber Maigret sah eine gute Möglichkeit seiner Langeweile zu entkommen. Der Doktor, den Maigret von seinen Beobachtungen des täglichen Bridge-Spiels in der Brasserie du Remblais kannte, kommt auf Maigret zu und bietet ihm an, sich zu unterhalten. Gegebenenfalls auch über den Tod seiner Schwägerin.

Dieses offensive Verhalten verblüffte Maigret ein wenig, aber er hat nichts gegen den Doktor. Nicht, dass Maigret den Arzt verstehen würde. Während er treu und brav, um es umunwunden auszudrücken, Tag für Tag zu seiner Frau marschiert, um sie im Zweifel anzuschweigen, weil Worte nicht wichtig waren, war der Doktor am Tag des Todes seiner Schwägerin, der ihn ja unmittelbar betreffen sollte, in der Brasserie anzutreffen, und spielte Karten. Gegenüber seiner Frau verhielt sich der Doktor gar nicht gleichgültig. Er ruft sie jeden Tag aus dem Restaurant heraus an, obwohl er den ganzen Tag mit ihr sprechen könnte. Schließlich pflegt der Arzt in seinem Haus zu praktizieren. Nach seinen Anrufen bei seiner Frau konnte man die Uhr stellen, und seine Mitspieler machten sich über Dr. Bellamy lustig, ohne das dieser es gemerkt hätte.

Der Arzt lässt sich schwer einschätzen, und das interessiert Maigret. Arzt und Polizist im Urlaub gehen gemeinsam durch die Stadt zu Dr. Bellamys Haus und unterhalten sich angeregt. Der Arzt ist der festen Überzeugung, dass er von Maigret des Mordes verdächtigt wird. Das mochte sogar sein, obwohl es der Kommissar nie aussprechen würde. Der Tod seiner Schwägerin war mit vielen Fragezeichen versehen, aber es konnte durchaus so sein, wie es der Arzt in seinen Vernehmungen bestätigt hatte. Im Haus des Doktors kommt es allerdings zu einem Zwischenfall, der Maigret sehr zu denken gibt und in dem er den Doktor zum ersteinmal ein wenig ratlos sieht. Kaum haben sie die Tür geöffnet, kommt ein Mädchen die Treppe heruntergehuscht, die offenbar nicht zum Haushalt gehörte und die dem Doktor fremd war. Es gab keine Gelegenheit, zu fragen, wer denn dieses junge Mädchen gewesen war, welches vom Stil nicht in die Klasse von Dr. Bellamy und seinen Konsorten passte.

Maigret ist der Meinung, dass das Mädchen ihm vielleicht die eine oder andere Frage beantworten könnte. Die Gelegenheit sollte sich dem Kommissar aber nie bieten. Da noch keine Ferienstimmung bei Maigret aufgekommen war, konnte er in seiner Ruhe auch nicht gestört werden: Aber einen Wettlauf gegen die Zeit hatte sich Maigret auch nicht gewünscht. Und zu diesem kommt es…

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fakten Fakten

Originaltitel:

Les vacances de Maigret

Entstehungsjahr:

1947 (November)

Erscheinungsjahr:

1948

Entstehungsort:

Tucson

Verlag:

Presses de la Cité

cinema und tv Cinema & TV

On Holiday
[Maigret nimmt Urlaub]
1961 - Großbritannien
ein Film von Eric Taylor
produziert von Andrew Osborn
mit Rupert Davies [Maigret]

Maigret en vacances
1971 - Frankreich
ein Film von Claude Barma
mit Jean Richard [Maigret]

Les vacances de Maigret
1994 - Frankreich
ein Film von Pierre Joassin
mit Bruno Cremer [Maigret]

Fuer die Ohren Für die Ohren

Maigret nimmt Urlaub
1958 - SFB
von

 

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Eine Gasse, so eng wie alle Gassen im älteren Teil von Les Sables d’Olonne, unregelmässig gepflastert, und vom Gehsteig muss man auf die Straße ausweichen, sooft einem jemand entgegenkommt. Das Tor an der Ecke war ein prächtiges zweiflügliges Portal, von einem tiefen, prunkvollen Grün, in dem sich das Licht spiegelte, mit zwei blankgeputzten Messingklopfern, wie man sie nur noch bei Landnotaren und in Klöstern sieht.
Davor standen zwei große, glänzende Wagen geparkt, die den gleichen Eindruck von Reinlichkeit und Wohlstand vermittelten. Maigret kannte sie, es waren die Autos zwei Chirurgen.
»Ich hätte auch Chirurg werden können«, dachte er.

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11 Ausgaben - erste Ausgabe: 1957 - letzte Ausgabe: 2008

Maigret nimmt Urlaub / Kiepenheuer & Witsch

1957

Maigret nimmt Urlaub
Kiepenheuer & Witsch (K17)
Übersetzung: Jean Raimond

Kein Cover vorhanden

1959

Kommissar Maigret nimmt Urlaub
in »[Die Abenteuer des] Kommissar Maigret«
Deutsche Hausbücherei / Deutscher Buchklub
Übersetzung: Jean Raimond

Kein Cover vorhanden

[1959]

Maigret nimmt Urlaub
in »Maigret und die Gangster/Maigret nimmt Urlaub«
Buchgemeinschaft Donauland (Wien)
Übersetzung: Jean Raimond

Kein Cover vorhanden

[1965]

Maigret nimmt Urlaub
in »Kommissar Maigret«
Ex Libris
Übersetzung: Jean Raimond

Maigret nimmt Urlaub / Heyne

1968

Maigret nimmt Urlaub
Heyne (K17)
Übersetzung: Jean Raimond

Kein Cover vorhanden

1987

Maigret macht Ferien
Diogenes (detebe 21485)
Übersetzung: Markus Jakob

Kein Cover vorhanden

2001

Maigret macht Ferien
Diogenes (detebe 21485)
Übersetzung: Markus Jakob

Maigret macht Ferien / Weltbild

2004

Maigret macht Ferien
Weltbild (20)
Übersetzung: Markus Jakob

Maigret macht Ferien / Diogenes

2005

Maigret macht Ferien
Diogenes (detebe 21485)
Übersetzung: Markus Jakob

Kein Cover vorhanden

2007

Maigret macht Ferien
in »Maigret macht Ferien«
Diogenes (detebe 23631)
Übersetzung: Markus Jacob

Maigret macht Ferien / Diogenes

2008

Maigret macht Ferien
Diogenes (detebe 23828 (MA 28))
Übersetzung: Markus Jakob