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Der Mörder

Die Entscheidung ist ihm mehr als schwer gefallen, aber als sie gefallen war, setzte Hans Kuperus alles daran, seine Entscheidung »sauber« umzusetzen. Er betrachtete es schon als sehr geduldig an, ein Jahr zu warten, bevor er zur Tat schritt und der Fremdgeherei seiner Frau mit dem stadtbekanntesten Frauenliebhaber ein Ende setzte – ein finales Ende, wie man betonen muss. Er lauerte den beiden an ihrem Liebesnest auf und erschoss sie. Anschließend schmiss er die beiden samt Waffe in den angrenzenden Kanal und bereitete sich auf seine Verhaftung vor.

Abbildungen zu »Der Mörder« (insgesamt: 6)
Der Mörder - Diogenes - 2011 Der Mörder - Suhrkamp (Taschenbuch - 2002) Der Mörder - Der Mörder (Diogenes-Ausgabe)

Das Verbrechen war wirklich perfekt geplant und spielte mit der Tatsache, dass Hans Kuperus einmal in der Woche nach Amsterdam fuhr, wo er an einer Sitzung teilnahm. Nun verschob er einfach seine Fahrt nach Amsterdam um einen Tag und nutzte den Tag, um ein bisschen in der niederländischen Hauptstadt zu shoppen – er erstand die Tatwaffe. Auf der Rückfahrt, setzte er sich bei allen Personen in entsprechende Licht, so dass sie dachten: »Aha, der Doktor – dann ist heute Mittwoch!« War es aber gar nicht, und so bekam der Arzt sein Alibi. Als er seine Frau und ihren Liebhaber sah, wusste er: der anonyme Briefschreiber hatte Recht gehabt – denn er war es, der alles auslöste…

Zwei Schatten bewegten sich vor ihm ... Er war zehn Meter von ihnen entfernt ... Es war Alice, die alles auslöste, die stehenblieb und sich voll Unruhe umwandte. Und um sie zu beruhigen, drehte sich der andere ebenfalls um.
Da schoss Kuperus ... Einmal ... Zweimal ... Noch einmal, weil Schutter nicht ganz hingestürzt, sondern nur in die Knie gesunken war.

Die Verhaftung blieb aus: eine Kälteperiode brach herein und die Kanäle froren zu. Keiner entdeckte die Leichen. So musste er, der mit seiner baldigen Entdeckung gerechnet hatte, zur Polizei gehen und seine Frau als vermisst melden, um nicht aufzufallen. Das gleiche Schicksal ereilte den Liebhaber seiner Frau – Schutter – und so kamen die Leute schnell auf die Idee, dass die beiden etwas miteinander gehabt haben könnten. Da der Mensch zu positiven Denken neigt, nahmen sie aber an, die beiden hätten sich aus dem Staub gemacht und würden ein schönes Leben genießen. Der Gedanke, dass die beiden tot im Kanal liegen könnten, der kam ihnen nicht.

Hans Kuperus geht es gar nicht um seine Frau, wie sich immer mehr herausstellt. Es war Schutter, der ihn viel mehr genervt hatte. War das Verhältnis zu seiner Frau nur das berühmte Tropfen, der das Ölfass zum überlaufen brachte? Schutter war reich und galt in Sneek etwas. Er war Vorsitzender der Billard-Akademie, ein Posten, den Kuperus unheimlich gern gehabt hätte, der aber Schutter angedient wurde, obwohl er sich dafür gar nicht interessierte. Ähnlich verhielt es sich mit den politischen Posten. Immer und immer wieder: Schutter hier, Schutter da. Nun war Schutter tot und Kuperus war unbedingt der Meinung, dass es nichts Besseres geben konnte. Nur: mit der Meinung stand er allein da.

Die Rolle seiner Frau hat schnell Neel, sein Dienstmädchen, übernommen. Sie teilt, gegen ihren Willen, bald Tisch und Bett mit dem Arzt. Er verfällt dem schlichten Mädchen immer mehr und erkennt bald, dass er ohne die Frau nicht mehr leben kann. Durch diese Affäre erfährt er allerdings, dass nicht nur seine Frau vor ihm Geheimnisse hat. Seit über einem Jahr lebte ein Mann in seinem Haus, ein Deutscher namens Karl Vorberg, der aus Deutschland flüchten musste, und bei Neel Unterschlupf gefunden hatte. Er näherte sich von seinem Essen, schlief mit »seiner« Neel – ein Unding, wie der Arzt finden, es sich anfangs aber nicht traut auszusprechen.

Mit der Zeit fasst er immer mehr Vertrauen und tritt wie jemand auf, der nichts zu verbergen hat, nicht einmal, dass er einen Mord begangen hat. Denn die Leichen tauchen mit dem Frühjahr und den auftauenden Kanälen auf. Kuperus macht niemand einen Vorwurf: er ist der hintergangene Ehemann, mit dem man Mitleid haben muss. Er bewirbt sich um den Vorsitz der Billard-Akademie und erklärt, dass er überlege, ob er in die Politik einsteige.

Aber der Arzt treibt es zu bunt. Die Bürger der Stadt, die auf Ausgleich und Unauffälligkeit aus sind, haben kein Verständnis für das exponierte Auftreten von Hans Kuperus und geben es ihm zu verstehen.

Die Folge ist, dass ihm Freunde zu verstehen geben, dass es das Beste wäre, wenn er sich für eine Weile aus der Stadt verabschieden würde, ein wenig auf Reisen ginge, sich vielleicht woanders eine Frau suchen ginge (denn Neel war als Arztfrau überhaupt nicht akzeptabel). Der Arzt schaltet auf stur, hat sich mittlerweile in den Kopf gesetzt, dass ihm keiner etwas könne – es gäbe ja keine Beweise. Aber auch ein Doktor Hans Kuperus ist nicht unantastbar. Als er auf die guten Ratschläge nicht hören will, auch nicht auf die wachsende Ablehnung reagiert (zum Beispiel hat keiner mehr Lust auf ein Billard-Spiel mit ihm, die Leute gingen zum förmlicheren Sie über), kommt eines Tages eine Vorladung zum Untersuchungsrichter, einem alten Schulfreund von ihm. Der vermeidet es, ihm die Hand zu geben. Viel deutlicher geht es nun eigentlich nicht mehr.

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Dutch canal - (c) chrisbuckridge

fakten Fakten

Originaltitel:

L'assassin

Entstehungsjahr:

1935 (Dezember)

Erscheinungsjahr:

1937

Entstehungsort:

Comboux

Verlag:

Gallimard

cinema und tv Cinema & TV

Der Mörder
1979 - Deutschland
ein Film von Ottokar Runze
produziert von Ottokar Runze
mit Johanna Liebeneiner [Neel],
Gerhard Olschewski [Hans Kuperus]

Fuer die Ohren Für die Ohren

Der Mörder
1999 - WDR
von Walter Adler

verschlagwortet Verschlagwortet

 

Schaukasten

Erste Worte

Meinungen (4)

Biblio

Der Mörder: Ausgewählte Romane 7
Diogenes
Gebundene Ausgabe
175 Seiten
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WDR Prime Crime. 6 CDs
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Der Mörder
Diogenes
Taschenbuch
173 Seiten
Ladenpreis: EUR 5,90
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Der Mörder / Der große Bob / Drei Zimmer in Manhattan. Drei große Romane in einem Band.
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Der Mörder
Diogenes Verlag AG
Gebundene Ausgabe
222 Seiten
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Maigret und der Mörder / Maigret und sein Jugendfreund / Maigret zögert. Drei Romane in einem Band
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Maigret und der Mörder
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Der Mörder
Suhrkamp
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Maigret und der Mörder : Kriminalroman.
München : Heyne,
Taschenbuch
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Die tägliche Routine, die gewohnten Verrichtungen und Bewegungen hatten sich so innig mit dem ungeheuerlichsten Abenteuer vermischt, dass Doktor Kuperus, Hans Kuperus aus Sneek (Friesland), eine gleichsam wollüstige Erregung verspürte, die ihn fast an die Wirkung von Koffein erinnerte.
Er war wie an jedem ersten Dienstag im Monat in Amsterdam. Es war Januar; er hatte seinen Pelz mit Otterkragen umgelegt, und da es schneite, trug er Gummiüberschuhe.

Gast-Kommentator

Die Deutung dieses hinterhaeltigen und psychologisch ungemein dichten kleinen Meisterwerks bleibt mir persönlich etwas zu sehr an der Oberfläche. Selbst kein Simenon-Kenner, habe ich durch einen Zufall diesen Roman gestern Abend und heute früh mit wachsender Begeisterung gelesen. Mein erster Simenon überhaupt - und gleich dem Zauber erlegen. Eigentlich geht es doch gar nicht um den Mord oder die Fleischeslust, oder? Es geht darum - und der Autor betont es an mehreren Stellen sehr deutlich - , dass ein seit Jahr und Tag wie seine maennlichen Leidensgenossen und gesellschaftlichen Kumpane - “Freunde” mag ich sie nicht nennen - in den ewiggleichen oeden Ritualen eines Kleinstadtlebens gefangener Mann einmal in seinem Leben sein kleines Universum ver-rueckt, etwas Unerhoertes tut und stellvertretend für alle anderen Maenner in diesem niederlaendischen Hamsterrad mit Billard & Genever, Bohnerwachs und Kalbskoteletts, Burgunder und Zigarren, Samstagabendehesex und Haekeldeckchen den Ausfallschritt ins Unerhoerte wagt (frei nach Udo Juergens´“Ich war noch niemals in New York”); und tragisch scheitert - obwohl seine Kumpane bis hinauf zum Richter ihm goldene Brücken in die Freiheit in der Fremde bauen (wohl nicht nur aus Skandalvermeidungskalkül, sondern weil sie ihn trotz oder gerade wegen seiner Tat als stellvertretenden Vollstrecker ihrer eigenen verdraengten Sehnsuechte ziehen lassen wollen und ihn, selbst geschlagen mit unangenehmen Ehefrauen, heimlich bewundern dafuer, dass er tatsaechlich tat, was sie nur in Gedanken taten). Er aber bleibt, auf den ersten Blick unverstaendlicherweise, nun von allen verachtet und gemieden, und fuehrt, seltsam erstarrt und beharrend, nun ein zweitaufgelegtes Hamsterradleben mit selstsam ver-rueckten Gesetzen und Ritualen in seiner eigenen wahnhaften “Geographie”, wie Simenon schreibt, einschliesslich der als Ehefrau verkleideten Geliebten; Ende offen, vermutlich bis zum absehbaren Tod im Wahn. Die ganz persönliche Suehnefahrt eines Moerders: “Er brauchte aber nicht weiterzugehen: sein Universum folgte ihm ueberallhin mit seinem schmerzhaft brennenden Geheimnis”. Was bleibt, ist eine unendliche Einsamkeit.

Hervorragend auch die Schilderung der protestantisch-doppelmoralischen niederlaendischen Provinz - ein Stilleben wie von Alten Meistern, geschwaengert mit Genever- & Tabakgestank, und bis zum Bersten voll verdraengter Lueste hinter den allzu sauberen Fassaden (interessant: die untreue Gattin Alice wird einmal ausdrücklich als “aus Amsterdam und katholisch” bezeichnet). Mehr als ein Kriminalroman.

OldBlueIris am 17.10.2009

Oliver Hahn

Es freut mich, dass Du so schnell dem Zauber Simenons erlegen bist. »Der Mörder« ist eine erstklassige für einen Einstieg in die Simenon-Welt, und dann auch noch diese Seite entdeckt hast

Ich möchte die Texte hier als Inhaltsangabe verstanden wissen, auch wenn die Grenzen manchmal nicht klar zu ziehen sind und Positionen bezogen werden müssen. Gedeutet werden soll von mir (oben) nichts, daran liegt mir in diesem Kontext hier nichts. Dafür haben wir ja hier unten unsere kleine Ecke grin

Man sieht an diesem Roman recht deutlich, dass er auf mehreren Ebenen trägt.

Betrachtet man die Mörder-Ebene, so sieht man, dass Hans Kuperus sein Verbrechen sehr, sehr exakt geplant hat, sich aber über die Konsequenzen keine Gedanken gemacht hat. Er ist frei! Aber, was kommt danach? Daran hatte er vorher keine Gedanken verschwendet, womit er ein schlechter Verbrecher ist. Es mag sein, dass er das perfekte Verbrechen begangen hat, aber allzu oft verrät sich der Verbrecher nicht durch seine Tat, sondern durch sein Handeln nach der Tat, und hier ist Kuperus nicht gerade sehr feinsinnig.

Die Geschichte funktioniert auch mit dem, wie Du so schön sagst, »Skandalvermeidungskalkül«. In der kleinen Stadt sind die Positionen fest zementiert, jeder soll bitte schön an seinem Platz bleiben - sauber, ordentlich und kühl. Ein gewollter Aufstieg ist nicht erwünscht, ein Abstieg aber bitte schön auch nicht. Mich erinnert es immer ein wenig an Domino: Fällt ein Stein, kann der nächste auch fallen - und dann hat man den Salat, die sorgfältig austarierte Ordnung fällt in sich zusammen. Wer von denen da oben (übrigens auch öfter mal ein Thema in den Maigrets, wenn sich ein Verbrechen in der Oberschicht oder mit Bezügen in die Oberschicht ereignet: Wird den da oben was passieren?) Insofern ebnet man dem Arzt nicht den Weg aus einer Art Respekt (»Da ist jemand, der traut sich was!«), sondern weil man den Ist-Zustand konservieren möchte. Womit auch ich bei protestantischer Doppelmoral wäre…

Das Ende? Vielleicht wird er dem Wahn verfallen, vielleicht wird er auch ganz gewöhnlich gefasst und verurteilt werden. Das Ende ist offen - ein gutes indes ist nicht zu erwarten.

Oliver Hahn am 17.10.2009

Gast-Kommentator

Vielen Dank für die freundliche und ausführliche Antwort. Simenon scheint ja sehr viele Deutungsmöglichkeiten zu bieten. Eine Kleinigkeit noch: du gibst das Erscheinungsjahr mit 1936 an; in meiner Diogenes-Ausgabe von 1977 jedoch (Sammelband gemeinsam mit “3 Zimmer in Manhattan” und “Der große Bob”)steht aber unter dem Text von “Der Mörder”: Combloux, Savoie 1935 (die französische Wikipedia schreibt auch “1935”). Ist nur eine Kleinigkeit, ist mir halt nur aufgefallen. Im übrigen gefällt mir diese Seite sehr gut und ich freue mich schon auf so manchen interessanten Austausch.

OldBlueIris am 18.10.2009

Oliver Hahn

Hier eine späte Antwort, weil ich offenbar nicht alle Bereiche »meines Universums« ständig im Blicke habe grin Du hast recht, der Roman wurde im Dezember 1936 geschrieben. Ich habe die Quelle meines Irrtums verifiziert (Diogenes-Ausgabe von Eskin) und Deine Angaben mit anderen Quellen verglichen (L’univers de Simenon) und einem Ausstellungskatalog - die Angabe habe ich geändert. Danke für den Hinweis…

Oliver Hahn am 08.12.2009

Was meinen Sie?

13 Ausgaben - erste Ausgabe: 1977 - letzte Ausgabe: 2011

Kein Cover vorhanden

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Der Mörder
Ex Libris

Kein Cover vorhanden

1977

Der Mörder
Diogenes
Übersetzung: Lothar Baier

Der Mörder / Diogenes

1980

Der Mörder
Diogenes (detebe 135/XXI)
Übersetzung: Lothar Baier

Kein Cover vorhanden

1988

Der Mörder
Diogenes (detebe 20682)
Übersetzung: Lothar Baier

Kein Cover vorhanden

1988

Der Mörder
Diogenes (detebe 20682)
Übersetzung: Lothar Baier

Kein Cover vorhanden

1988

Der Mörder
in »Der Mörder/Drei Zimmer in Manhattan«
Diogenes (detebe 21596)

Kein Cover vorhanden

1991

Der Mörder
in »Der Mörder/Der große Bob/Drei Zimmer in Manhattan«
Diogenes

Kein Cover vorhanden

1997

Der Mörder
Suhrkamp (Bibl. Suhrkamp 1232)
Übersetzung: Lothar Baier

Kein Cover vorhanden

2000

Der Mörder
Diogenes (detebe 20682)
Übersetzung: Lothar Baier

Der Mörder / Suhrkamp

2002

Der Mörder
Suhrkamp

Der Mörder / Diogenes

2003

Der Mörder
Diogenes (detebe 20682)
Übersetzung: Lothar Baier

Kein Cover vorhanden

2005

Der Mörder
Diogenes (detebe 20682)
Übersetzung: Lothar Baier

Der Mörder / Diogenes

2011

Der Mörder
Diogenes (detebe 24107)
Übersetzung: Lothar Baier