Geschlossenes Glasfenster

Émile und die Agence O


Im November 2020 erschien erstmals ein Band mit Erzählungen um die Agence O mit seinem findigen Detektiv Émile und dem ehemaligen Inspektor Torrence. Es handelt sich dabei genau um den Polizisten, der schon mit Kommissar Maigret ermittelte, und dessen Figur eines der blödesten Paradoxe in der Maigret-Welt darstellt. Bisher war hierzulande nur eine Erzählung übersetzt worden.

Der Mann hinter dem Spiegel

Eigentlich gibt es drei Seiten: die vor dem Schreibtisch, die hinter dem Schreibtisch und die hinter dem Spiegel – so lässt es sich zusammenfassen. Vor dem Schreibtisch eine junge Frau, die eine wirre Geschichte erzählt. Hinter dem Schreibtisch ein verwirrter Torrence, der mit der Geschichte nichts anzufangen weiß, in dem aber Beschützerinstinkte geweckt wurden. Schließlich hinter dem Spiegel ein Mann, dessen Identität dem Leser schleierhaft ist. Er tritt als Assistent von Torrence auf, scheint aber mehr auf den Kasten zu haben.

Der Schuppen am Teich

Ein (schöner) kalter Winter. In der Agence O klingelte das Telefon und eine gewisse Marie Dossin meldete sich aus der Nähe von Orléans. Sie hätte gesehen, dass im Schuppen ihres Anwesens eine Leiche hing. Die Detektive sollen bitte kommen und ... da wird es ein wenig ominös, denn was sollten die Detektive machen. Erst einmal froren sie sich die Nasen bei der Autofahrt nach Ingrannes ab.

Der nackte Mann

Eine Agence O-Geschichte, die in der alten Heimat von Torrence – dem Quai des Orfèvres – beginnt und er dort auch gleich einen neuen Fall an Land zieht, der anfangs nur obskur erscheint, dann aber richtig gefährlich wird. Nur nicht für Torrence, denn obwohl er den Klienten akquiriert hatte, verbrachte er den größten Teil des Falls mit einer Zugfahrt, während Émile die Arbeit hatte.

Die Verhaftung des Musikers

Torrence wurde zu früher Stunde geweckt. Ein Bekannter aus der Szene berichtete ihm, dass die Polizei bei ihm vor der Tür stehen würde und keine Vorstellung hätte, was das Problem sein könnte. Der alte Mitarbeiter Maigrets arbeitete mittlerweile als Privatdetektiv und ahnte, dass dies nicht grundlos passieren würde. Nach ein wenig Suche wissen sie wenig später, dass der Musiker Joseph Leborgne in einem richtigen Schlamassel steckt.

Der Würger von Moret

Ermitteln, wo andere Urlaub machen. Das könnte das Motto dieser Geschichte sein. Im in der Nähe von Fontainebleau liegenden Moret-sur-Loing wurden zwei Männer ermordet. Nicht die schöne Umgebung lockte Émile. Es war das interessante Setting, welches mit dem Kriminalfall verbunden war. Warum nicht ungerufen der Polizei mit Privatdetektiv-Kompetenzen helfen?

Der alte Mann mit dem Drehbleistift

Von einem Detekteibesitzer, der sich nie als ein solcher ausgibt, und in einem Café sitzend die Spur zu einem Verbrechen entdeckt, in welchen er sich voller Engagement stürzt und schon bald einer Bande von Verbrechern wie den Vertretern des Staates gehörig auf die Füße tritt und sich nicht scheut, diplomatische Querelen zu auszulösen. Die Rede ist von Émile.

Zwischenfazit

In dem ersten Band sind sechs Geschichten zu finden, in manchen Online-Buchhandlungen sind nur vier angekündigt. Das war vielleicht so geplant gewesen.

Persönlich fand ich, dass die ersten Geschichten in dem Band ein wenig abrupt endeten, obwohl sie eine pfiffige Idee zum Einstieg hatten. Das besserte sich »mit der Zeit« und nicht nur die Ausgangsidee war interessant, sondern auch die Auflösung stellt den Leser zufrieden. Die Geschichten sind durch die Bank ein wenig ausgefallener als die Maigret-Geschichten und mit einem Augenzwinkern geschrieben. Eine leichte Lektüre und eine Alternative für diejenigen unter den Simenon-Lesern, die einmal die Maigret-Welt verlassen wollen, aber noch nicht bereit sind für die großen Romane des Schriftstellers.