Der Schriftsteller und der Regisseur


Eva Maek-Gérard schrieb zu diesem Interview, welches sie übersetzte und welches dann in der Zeitschrift »Filmkritik« erschien (Februar 1983), dass es zu erwarten war, dass sich Georges Simenon und Claude Chabrol gut verstehen würden. Die Autorin begründete ihre Ansicht damit, dass beide sich im Grunde als Handwerker verstanden hätten und beide ihre Helden in eine Katastrophe zu treiben pflegten. Interessant an dieser Veröffentlichung ist, dass sich das Gespräch zwischen dem Regisseur und dem Schriftsteller um das Werk Simenons drehte, heißt um Literatur, und das filmische Schaffen Chabrols in den Hintergrund rückte, womit die Veröffentlichung in der Filmzeitschrift verhältnismäßig kurios ist. Eva Maek-Gérard hat den Stoff – das Gespräch zwischen Simenon und Chabrol – auch für den Hörfunk aufbereitet. Ein entsprechendes Feature lief im letzten August auf Bayern 2.

Chabrol beginnt das Gespräch mit der Bemerkung, dass er den Stoff »Die Fantome des Hutmachers« verfilmt hätte und dass ihm dabei aufgefallen wäre, dass die Handlung der Romane zweitrangig wäre. Simenon bemerkt darauf hin, dass es in keinem einzigen seiner Romane um die Handlung gegangen wäre. Im Mittelpunkt würde immer der Mensch stehen. Trotzdem (oder vielleicht deshalb), bemerkt Chabrol, wäre es ihm nicht gelungen, die Handlung in sinnvoller Weise zu ändern. Er hätte es versucht, es wäre ihm nicht gelungen. Es ginge nicht um Intellekt, meinte Simenon daraufhin, sondern um Instinkt. Alle seine Romane würden auf Instinkt beruhen, und fragt, wie Chabrol denn gedenke eine Geschichte, die auf Instinkt beruhe durch Intellekt zu ändern. Das, so der Schriftsteller, könne nicht funktionieren.

Simenon erwähnt in diesem Gespräch, dass der Hutmacher-Roman der einzige sei, der später von ihm zu einem Roman verarbeitet wurde. Er irrt sich im Namen der Erzählung und berichtet daraufhin Chabrol, dass er fast alle seine Romane vergessen hätte. Die Sprache kommt, über den Punkt Instinkt, darauf, dass es einen merkwürdigen Zusammenhang zwischen dem Tod des August Mature (»Der Tod des Auguste Mature«) und dem Abriss der Pariser Markthallen gäbe. Simenon bestätigt diese Parallelität, aber er besteht darauf, dass diese nur durch reinen Instinkt zustande gekommen wäre.

Zu einem späteren Zeitpunkt stellt Chabrol fest, dass die Romane von Simenon immer kürzer geworden wäre. Simenon erzählt, dass es ihn immer mehr Kraft gekostet hätte, sich in die Figuren hineinzuversetzen. So hat er einen Kompromiss geschlossen. Er bestätigt, dass die Kapitelanzahl in den letzten »aktiven Jahren« von im Durchschnitt zwölf auch acht gesunken wäre. Darauf kommt die Sprache auf die Memoiren: Simenon erzählt, dass er diese geschrieben hätte, weil er seinen Kindern ein Stückchen Kindheit und Lebengeschichte erhalten wollte. Ausgangspunkt, gibt er unumwunden zu, wäre aber der Tod seiner Tochter Marie-Jo gewesen. Den Tod seiner Tochter bezeichnete Simenon als größte Tragödie in seinem Leben.

Vielleicht liegt es an der Stimmung des Gespräches, dass Simenon Chabrol seine recht pessimistischen Gedanken mitteilt: er hat festgestellt, dass alle Erfindungen dem Krieg dienen würden und dass die größte Tragödie der Menschheit vielleicht die Tatsache wäre, dass sie um ihre Intelligenz wüsste. Chabrol meint dazu, dass wir trotzdem leben müssten. Ja, so wäre es wohl, kommt Zustimmung von Simenon und meint, dass selbst die Asche seiner Tochter noch etwas Gutes hätte: sie würde den Pflanzen zum Leben dienen.

Chabrol kommt dann noch auf die frühen Werke Simenons zu sprechen (die er unter Pseudonym veröffentlicht hatte) und meinte zu diesen, dass sich in den Romanen erstaunliche Passagen finden würden, die schon aufzeigen, dass ein großer Schriftsteller heranwachse. Man merkt in dem Gespräch, das Erstaunen Simenons. Er kann sich mit dem Begriff Bravoustück, welche von Claude Chabrol darauf angewendet wurde, gar nicht anfreunden. Er meint dazu nur, dass er die Geschichte alle im Imperfekt-Konjunktiv geschrieben hätte, einen Stil, den er später überhaupt nicht mehr verwendet hätte. Chabrol zaubert eine Figur aus dem Gedächtnis, den Commodore, der in diesen frühen Romanen von Simenon immer wieder aufgetaucht wäre, der immer ein bestimmtes Gesicht und eine bestimmte Handlungsweise gehabt hätte, die sich sogar noch in die frühen echten Simenons gemischt hätte.

Auf die Frage, ob er denn noch Romane schreiben würde, meint Simenon, dass er im Augenblick nichts veröffentlichen würde. Alles was er jetzt noch schreiben würde (das Gespräch wurde 1982 in Lausanne geführt), würde postum veröffentlicht werden.