Unterschrift

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Ein Absatz, der aus einem Satz besteht, widmet Simenon in diesem Kapitel einem seiner intensivsten Romane: »Drei Zimmer in Manhattan«. Es wäre sein erster Roman über Leidenschaft gewesen und er habe ihn in Sainte-Marguerite geschrieben, mehr lässt er nicht verlauten. Eine Anekdote erzählt er über »Maigret in New York«. Denyse sagte, dass Simenon ihn geschrieben habe und Whisky wäre mit von der Partie gewesen.

Überhaupt ist sie der Meinung, dass bis zu diesem Maigret-Roman seine Werke nach Alkohol riechen würden. Sie hätte zwar – bis zu diesem Zeitpunkt – nur einen seiner Romane gelesen. Meiner Meinung nach, gibt es zwei Aspekte in der Aussage: Hat Simenon bei der Arbeit getrunken? Er sagt, nein – eigentlich nicht. Hin und wieder hätte er beim Schreiben einen Wein dabei gehabt. Aber seien wir ehrlich: Ein Belgier, der jahrelang in Frankreich gelebt hat, betrachtet Wein nicht als Alkohol an sich. Es ist mehr ein Lebensmittel.

Ein ganz anderer Aspekt ist, welche Rolle Alkohol im Werk von Simenons spielt. Interessant, dass es einer Außenstehenden sofort aufgefallen ist, denn natürlich hat Denyse richtig beobachtet: Alkohol spielt eine große Rolle. Man muss dabei unterscheiden: In den Non-Maigrets ist Alkohol häufig ein Katalysator für Probleme – die Situation ist für die Protagonisten schon schlimm und wird durch Alkohol noch schlimmer.

In den Maigrets ist er für den Kommissar ein notwendiges Beiwerk: Maigret geht hier einen trinken. Maigret geht da einen trinken. Maigret überlegt, welches alkoholische Getränk am besten zu seiner Stimmung passt. Was man dagegen nie lesen wird, ist ein Satz wie: »Maigret überlegte ein Bier zu trinken, nahm dann aber ein Glas Wasser.« Es gibt natürlich den Wasser-Maigret – »Maigret in Kur« –, aber da kann man nicht von einer freiwilligen Entscheidung sprechen. Überlegt man es recht, ist es sogar sehr praktisch für Maigret, dass er nie eine Fahrerlaubnis besessen hat: Das hätte ihm viele Tage komplett verderben können. Aber wenn man die Aussage von Denyse, darauf bezieht, dass bestimmte alkoholische Getränke die Maigrets beeinflussen, gewissermaßen sie durchtränken, dann würde ich ihr recht geben.

Was ich habe nicht beobachten können ist, dass Alkohol in der zweiten Schaffensperiode Simenons eine kleinere Rolle gespielt hätten. Auch wenn er nun eine Frau an seiner Seite hatte, die darauf offenbar achtete.

Erweitertes Kennenlernen

Das Kapitel startet damit, dass Simenon und Denyse zum französischen Botschafter nach Ottawa eingeladen worden war. Es war ein festlicher Empfang, für den man sich entsprechend kleiden musste. Simenon stellt fest, dass man damit in der Gesellschaft offenbar akzeptierte, dass Denyse und er ein Paar wären. Der französische Botschafter war ein Pfeifenraucher wie Simenon und die beiden kamen prächtig miteinander klar. Hilfreich für solche Verbindungen war vielleicht auch, dass die Familie von Denyse gewissen Einfluss hatte und auch der Botschafter die Familie, insbesondere den Vater, gekannt hatten.

Simenon wusste nicht zu sagen, ob er bei dieser Reise schon die Mutter von Denyse kennenlernte. Aber bei einer der kommenden Reisen sollte das passieren. Er lernte in dieser Zeit auch ihre beiden Brüder und ihre Schwester kennen. Simenon schildert das kennenlernen sehr ausführlich und man kann den Zeilen entnehmen, dass sie sich mit großer Sympathie begegnet sind. Über die Begegnung mit der Mutter von Denyse verliert Simenon in diesem Kapitel kein weiteres Wort.

Dass man die Familie seiner Lebensgefährtin kennenlernt, kann man unter »normal« verbuchen. Ein wenig anders sieht es mit dem Beichtvater aus. Aber auch diesen lernt Simenon während eines Balls kennen. Simenon erwähnt an der Stelle, dass er als Agnostiker mit dem Konzept nicht viel anfassen kann, aber dass in seinen Augen die Dominikaner die Tolerantesten unter den katholischen Orden wären. Er bekam offenbar von dem Geistlichen nicht die Leviten gelesen.

St. Andrews

Es gab mal wieder einen Umzug. Diesmal ging es nach St. Andrews, das an der südöstlichen Grenze zu den USA lag. Es war nur ein Steinwurf nach Amerika entfernt und hin und wieder fuhr man nach Maine rüber, um Besorgungen zu machen.

Als ich mir das auf der Karte angeschaut habe, dachte ich mir, dass ich vor etwa fünfzehn Jahren mal in der Nähe gewesen war. Wir hatten eine Woche in Maine - in Bar Harbor zugebracht und wenn man es sich auf der Karte anschaut, dann ist das ein Katzensprung nach St. Andrew - etwa zweihundert Kilometer in eine Richtung. Aber das ist in Amerika keine Entfernung und hätte mich sicher nicht abgehalten, dort mal vorbei zuschauen. Ich werde Maine mal wieder auf die Liste der Reiseziele mit aufnehmen und dann machen wir gewiss auch einen Abstecher nach St. Andrews.

Das mit dem Abstecher passt eigentlich ganz gut, denn ein probates Mittel, um einen Abstecher dieser Größenordnung machen zu können, ist immer noch das Auto. Bis zu dem Zeitpunkt war es so, dass Simenon eine Fahrerlaubnis hatte. Denyse hatte aber keine und Tigy auch nicht. Simenon nutzte die Zeit, Denyse das Fahren beizubringen und diese wiederum brachte es dann Tigy bei. Das war wohl der einfachere Weg, da Tigy der Meinung war, dass Simenon zu ungeduldig wäre.

Der Plan war, mit zwei Autos in Richtung Florida aufzubrechen. Das nächste große Abenteuer.

Gibt es noch etwas zu erwähnen: Ja. Denyse hatte sich entschlossen, Simenon einen Spitznamen zu geben und rief ihn »Jo«. Dem Neubenamten gefiel das nicht ganz so gut, zumal »Jo« keine Abkürzung von »Georges« war und mehr an «Josef« erinnerte. Aber er ergab sich in sein Schicksal.