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Die Reise (II)
Für diesen zweiten Teil werde ich mich noch nicht wissend machen: Hier soll berichtet werden, wie es mit dieser Abenteuergeschichte losgeht. Das ist ein Genre, mit dem uns Simenon in späteren Jahren nicht mehr beglückte. Die eine oder andere Erkenntnis werden wir schon haben, aber ich verspreche: Nachschauen, von wann diese Geschichte ist, werde ich nicht.
Die Geschichte startet in San Francisco. Ein etwas fünfzigjähriger Mann steigt aus dem Zug und er gehört ohne Zweifel zu den besseren Herrschaften. Und zwar nicht von San Francisco, sondern in New York. Der Mann wohnte dort in der Fifth Avenue, was uns unser Autor so erklärt:
Schon die Adresse allein war vielsagend, denn jeder Amerikaner weiß, daß nur wenige Günstlinge des Glücks sich den Luxus leisten können, an der Fifth Avenue zu wohnen, die gewissermaßen der Avenue du Bois in Paris entspricht.
Den Amerikaner sagt das heute immer noch was, schließlich hat sich an dem Wohlklang der Adresse nichts geändert. Die gewöhnlichen Pariser werden, fragte man nach der Straße, irritiert reagieren. Den Namen hat man Ende der 1920er-Jahre geändert und heute ist der Boulevard – immer noch sehr nobel – allseits als Avenue Foch bekannt.
Fünfzig Jahre alt war James Norcklid, ein sehr schöner, ungewöhnlicher Name. Die Tatsache, dass sich so überhaupt nichts zu dem Begriff im Internet finden lässt, besagt, dass sich mit der Geschichte online noch niemand befasst hat. Also: Gut ausgedacht, Monsieur Simenon!
Der Mann soll Direktor bei einer Eisenbahnlinie sein und zwar der, mit der in S.F. angekommen war.

Palace Hotel San Francisco
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Er kam an, fuhr zu seinem Hotel (dem Palace Hotel, was es wirklich gab und gibt), aß zu Mittag, machte sich auf den Weg in ein abgelegenes, etwas verrufenes Viertel, um sich dort Matrosen-Klamotten zu kaufen, betrat wiederum eine Herberge, aber nicht das edle, sondern eines, von dem ich keine Bilder zeigen könnte, zog sich um und begab sich eine Spelunke.
Patrick Jacobsen, der eine Jacht sein Eigen nannte, zeigte ein ähnliches, merkwürdiges Verhalten und landete in der Spelunke.
Wie auch der Händler Tsé Kuan, der als ziemlich unattraktiver Mann geschildert wird. Ich erwähnte schon gestern, dass während die Helden der Geschichte mit Abenteuern und Gefahren zu kämpfen haben, wir als Sekundärbegleiter uns in einem Dickicht aus Klischees bewähren müssen. Hier gibt es eine Menge davon:
Er war fett, gelb, fettig. Lange Haarsträhnen, ebenso dicht wie farblos, fielen auf seine Stirn, die wie ein Winterapfel gerunzelt war.
Ins Auge fällt, dass die beiden Weißen auf vorteilhaftere Art geschildert werden. Nur wenig später bemerkt man dies auch bei der Schilderung eines schwarzen Mannes.
Der Chinese, der einen Chauffeur in seinen Diensten hatte, begab sich ebenfalls in das sehr windige Viertel, um dort zu verschwinden.
Der Schoner
Lustigerweise beginnt die Geschichte an einem 1. April. Die Annahme, es könnte sich um einen Scherz zur Feier des Weltvollpfostentages handeln, kommt also nicht von ungefähr.
Den Leuten, die in der Nähe des Schoners mit dem gefährlichen Namen »Cobra« lebten, hielten es eher für einen Jux, dass sich just an diesem Tag heftig an dem heruntergekommenen Schiff verlustiert wurde. Keiner wäre auf die Idee gekommen, dass dieses Ding noch einmal eine Seefahrt beschreiten würde. Eher war es zu einer Art Abenteuerspielplatz für die Kinder in der Nähe geworden.
Das Schiff lag dort schon seit fünfzehn Jahre. Gut vorstellbar, in welch furchtbaren Zustand es sein musste.
Ebenso heruntergekommen war eine Kneipe in der Gegend. Sie nannte sich »Zu den Goldinseln«. (Hier ist bemerkenswert, dass es auf der Welt verschiedene Inseln und Inselgruppen gibt, die eine solche Bezeichnung verliehen bekamen. Aber unterem halt auch die Îles d’Hyères, zu denen Porquerolles gehört, und das ist ein Fleckchen Erde, den Simenon viele Jahre zu schätzen wusste.) Hier traf sich ein ganz Haufen von verschiedenen Leuten, die alle einen heruntergekommenen Eindruck machte.
Aber nicht nur das: Sie benahmen sich auch völlig ungehobelt. Darunter ein Mann, den ich als Wortführer im Verdacht habe. Sein Name wurde bisher nicht genannt. Ich hege jedoch die Vermutung, dass dies noch passieren wird.
»Und Dick, was ist aus ihm geworden, Alte?«, fragte einer der Neuankömmlinge, den der Neger vom Skelett begleitete.
Sie blickte ihn so starr an, wie es ihre stets uneinigen Augen zuließen.
»Sie kannten meinen Verblichenen?«, stammelte sie. »Der arme, liebe Mann! ... Schon zwei Jahre ist es her, dass er sich aufgehängt hat, wegen der Geschäfte, die nicht liefen.«
Der Mann brach in Gelächter aus.
»Hört her, ihr anderen!«, rief er der Gruppe zu, die sich schweigend um einen Tisch versammelt hatte.
»Dick hat sich aufgehängt! ... Er hat es selbst getan! Was sagt ihr dazu, he? Er ist der Einzige, glaube ich ... Mal sehen ... Ja! ... Alle sind da.«
Einerseits ist es so, dass ich denke: Was für ein unglaublich unwahrscheinliches Setting? Oder wie es in den südlichen Gegenden hierzulande heißt: Was für ein Schmarrn ist das denn?
Andererseits bin ich gespannt, wie es weitergeht.
Habe jetzt schon den Eindruck, dass Simenon genau wusste, wie er seine Leserschaft bei der Stange hielt. Mist, ich gebe mich dem Schund hin!


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.