Die Wahrheit über unsere Ehe

Das passende Alter


Als ich »Die Marie vom Hafen« das erste Mal las, dachte ich mir schon, dass das einer der Simenons sein wird, die ich ohne Probleme mehrmals lesen kann. Nun ist es nicht gerade einer fröhlicher Einstand, wenn eine Familie auseinandergerissen wird, da nach der Mutter auch der Vater gestorben ist. Es stellt sich schnell eine gewisse Neugierde ein, was diesen Chatelard wirklich umtreibt, der um die Marie herumscharwenzelt.

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Das Alter des Mannes wird angegeben: 35 Jahre. Nicht zu jung, nicht zu alt – sollte man meinen. Der richtige Partner für ein siebzehnjähriges Mädchen, an dem wirklich noch nichts dran ist, wie Simenon dem Leser klar zu verstehen gibt, scheint diese Chatelard nicht zu sein. Für die Verfilmung aus dem Jahr 1949 hatte man Jean Gabin gewählt und beim Lesen der ersten Seite dachte ich mir so: »Tja, mit Jean Gabin kann man nichts falsch machen. Aber ein bisschen alt ist er für die Rolle doch schon.« Schließlich war er zum Zeitpunkt der Verfilmung schon zehn Jahre älter. Aber was soll’s, dachte ich mir dann, Nicole Courcel als Marie wirkt auf den Bildern aus dem Film auch nicht so »struppig« und »ruppig«, wie ich sie mir beim Lesen des Buches vorstelle.

Trotzdem wäre es schon ein Ereignis, den Titel mal auf Deutsch sehen zu können, obwohl der Titel »Hafen der Verlockung« recht kitschig klingt (was im Übrigen keine Übersetzung aus dem Französischen ist, denn in Frankreich wurde der Film ganz klassisch mit »La Marie du port« betitelt).

Statt dessen...

So besonders oft sind Simenon-Verfilmungen, jenseits der Maigrets, im Fernsehen nicht zu sehen. Ich habe das im Blick, auch wenn ich gestehen muss, dass wir überhaupt gar kein TV jenseits der Mediatheken mehr haben. Deshalb auch die etwas ketzerische Frage via Twitter, wer denn noch einen Videorekorder hat.

Jedesmal, wenn ich einen Titel entdecke, freue ich mich natürlich besonders und mag es hier auch erwähnen. Am 15. April kommt der drei Jahre später entstandene Film »Die Wahrheit über unsere Ehe« (»La Vérité sur Bébé Donge«) – wiederum mit Jean Gabin – im Fernsehen. Immerhin zu einer Uhrzeit, zu der man noch wach sein könnte: 21:55 Uhr geht es auf arte los.

Für diese Rolle finde ich das Alter von Gabin wiederum sehr passend. Der Mann muss sich vergegenwärtigen, dass seine Ehefrau ihn versucht hat, umzubringen. Dass das in einem etwas gediegeneren Alter passiert (huiuiui, gediegen – habe ich das gerade geschrieben, denn Gabin war damals in meinem Alter!), ist eigentlich nicht von der Hand zu weisen.

Nun ist meine Frau studierte Chemikerin. Da fragt man sich, was näher liegen würde als Gift, wenn sie meiner überdrüssig werden sollte. Sollte ich mir den Film als eine Art Lehrfilm anschauen? Muss ich wohl nicht, denn sie hat mir gerade erklärt, dass sie mich sehr lieb haben würde und gegenwärtig keinerlei Absichten hegen würde, mich zu vergiften. Selbst wenn sie eine finale Lösung angehen wollte, – ich müsste mich dazu allerdings sehr zu meinem Nachteil verändern, gab sie mir mit auf den Weg –, so würde sie eine subtilere Variante wählen, was selbst ich verstehe: Selbst der dümmste Kommissar würde bei einem Giftmord am Ehemann eine Chemikerin ins Grübeln kommen.

Nun ist natürlich die Frage, ob eine Frau, die Chemikerin ist und sich auf Toxikologie in ihrem Studium spezialisierte, mit »subtil« nicht einfach nur ein besonders tolles Gift meint.

Bevor jetzt irgendjemand glaubt, zum Hörer greifen zu müssen: Es besteht keine Gefahr! Wir lieben uns und ich kann mich an unseren letzten Streit schon gar nicht mehr erinnern. Muss schon Jahre her sein…

Zurück zu den beiden Filmen: Die imdb-Bewertungen ist kurioserweise übrigens identisch – 6,8. Also nicht die schlechteste Benotung.