Zwischen den Stühlen

Es handelt sich hier um eine ältere Version der Werk-Beschreibung. Mit dem Plus-Zeichen unter der Überschrift kommen Sie zur aktuellsten Version zurück.

Maigret hat es nach Caen verschlagen, einem Provinzstädten in der Normandie, in dem er mit der Reorganisation der Polizeistrukturen betraut ist. Dieser Vorschlag kam sicher nicht von den örtlichen Größen, die sind mit dem Zustand, wie er ist, zufrieden. Der Kommissar vom Quai ist berühmt aber nicht willkommen.

Jetzt sitzt vor ihm eine junge Frau, die vom Staatsanwalt geschickt wurde. Sie hat einen Brief für ihn, der lautet:

»Familienangelegenheit. Cécile Ledru verhören, aber mit der allergrößten Vorsicht vorgehen.«

Eine Familienangelegenheit bei der mit der allergrößten Vorsicht vorzugehen ist? Der Kommissar ist verwirrt. Dieses Gefühl sollte sich noch verstärken, als er die Geschichte von Mademoiselle Ledru gehört hat. Sie berichtet, dass sie vor dreizehn Jahren in den Haushalt von Madame Croizier aufgenommen wurde, zuerst als Haushaltshilfe, später – nachdem sie der Augapfel von Madame wurde – als Gesellschafterin. Sie verdanke der Frau nicht nur ein staatliches Einkommen, sondern auch einen Bildungsaufstieg, konnte sie beim Eintritt in den Haushalt nicht einmal lesen.

Die alte Dame hatte sich vor einem Monat von Bayeux nach Caen in zahnärztliche Behandlung begeben und wohnte dort in der Villa ihres Neffen. Bevor sie wegfuhr hatte sie nach dem Bekenntnis von Cécile Ledru gesagt, dass sie, wenn ihr etwas in Caen zustieße, ermordet worden wäre. Von wem, dass ließ sie offen, brauchte sie aber nicht – der Verdächtige wäre der Neffe, der seit Jahr und Tag unter Geldmangel leide, trotzdem aber zu den Großen der Stadt zählte. (Was daran lag, dass er vor langer Zeit eine reiche Frau heiratete, aber deren Vermögen mit unglücklichen Spekulationen auf Null gebracht hat.)

Interessant ist noch, wie die alte Dame zu ihrem Geld gekommen ist: Ihr Mann war einfacher Schreiber bei einem Anwalt, aber sehr vorsichtig. Er schloss bei jeder Gelegenheit Versicherung auf sein Leben ab. So kam es zu einem Unfall, als er seine erste Schiffsreise (nach England) antrat. Er wurde während eines Sturms unglücklich gegen die Reeling geschleudert und erlitt einen Schädelbruch. Zu Lebzeiten für seine Vorsicht belächelt, brachte dieses Ereignis seiner Witwe ein Vermögen ein.

Für Maigret ist das aber reichlich wenig: Die Aussage einer Gesellschafterin, die von ihrer Dame einen »Tipp« bekommen hat. Trotzdem macht er sich auf den Weg zum Trauerhaus. Dort kommt es auch zu einem Gespräch mit dem Neffen – dieser weist die Vorwürfe empört zurück und gibt zu Protokoll, dass Cécile einen Freund hat, der kurz vor der Pleite steht. Er, um seine Tante besorgt, hätte der natürlich eröffnet, dass ihre Gesellschafterin schon seit längerer Zeit ihren Freund nachts in den Haushalt einschmuggelt. Die alte Dame – ein bisschen prüde – war natürlich empört. Der Neffe berichtet von einem Bruch zwischen den beiden Frauen.

Nach diesem Gespräch geht Maigret zum Staatsanwalt und sagt dem, er wisse zwar nicht wer die Dame umgebracht hat, aber ein Gefühl sage ihm, dass sie auf natürliche Art und Weise nicht gestorben ist.