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Maigrets Pfeife

Kennen Sie das? Sie haben ein Lieblingsgegenstand, zum Beispiel eine Uhr, einen Federhalter oder eine Pfeife und dann verschwindet dieser Lieblingsgegenstand einfach so. Er ist nicht da, nicht zu finden. Die Heinzelmännchen scheinen ihn für Sie verlegt zu haben. Wohin weiß Gott.

Abbildungen zu »Maigrets Pfeife« (insgesamt: 4)
Meistererzählungen - Diogenes (detebe 21620) - 2000 Dreimal Beifall für Maigret - Volk und Welt - DDR - 1986 Das kleine Buch für den Pfeifenraucher - Heyne, 1995

So geht es Maigret. Gerade war sie noch da, dann ist sie plötzlich weg. Seine Lieblingspfeife.

Überrascht klopfte er seine Taschen ab und steckte die Hände hinein. Er schaute auf dem schwarzen Marmorkamin nach. Eigentlich dachte er sich nichts dabei. Es war nichts Außergewöhnliches, wenn er eine seiner Pfeifen nicht auf der Stelle fand. Er ging zwei- oder dreimal im Büro auf und ab, öffnete den Wandschrank, wo sich ein Emailbecken befand, in dem man sich die Hände waschen konnte.
Er suchte wie alle Männer ziemlich unüberlegt, denn er hatte ja diesen Wandschrank den ganzen Nachmittag nicht geöffnet, und als kurz nach sechs der Anruf von Coméliau, dem Untersuchungsrichter, gekommen war, hatte er ebenjene Pfeife im Mund gehabt.

Der Bürodiener wird befragt, ob jemand sein Raum betreten hat, denn in dem Inspektorenzimmer fand der passionierte Pfeifenraucher seine Lieblingspfeife auch nicht. Schlecht, dann auch noch zu hören, dass in seiner Abwesenheit keiner den Raum betreten hatte.

Dann können es nur die Gäste gewesen sein, die er empfangen hatte: eine ältliche Frau und ihren Sohn. Maigret ruft sich das Gespräch ins Gedächtnis zurück. Die Frau hatte unter den peinlich berührten Blicken ihres Sohnes erzählt, in ihrer Wohnung würden Gegenstände verschoben werden. Sie würde darauf schwören, dass jemand in die Wohnung einbricht und nach etwas sucht. Die Polizei möge da doch etwas unternehmen.

Maigret hatte während des Gesprächs das Zimmer kurz verlassen. Dieser Lümmel, ein sommersprossiger Rotschopf, der zurückhaltend wirkte, hatte ihm die Pfeife gestohlen! Aus seinem Dienstzimmer, das konnte der Kommissar kaum glauben. Nun interessierte ihn der Fall wenig, er hatte pro Forma einen Inspektor zu Beobachtung des Hauses abgestellt, aber bevor seine Pfeife besuchen gehen konnte, hatte er schon wieder Besuch.

Er ging zum Wartezimmer, warf einen Blick durch die Glasscheiben und sah Madame Leroy, die wie sprungbereit auf der äußersten Kante eines mit grünem Samt bezogenen Stuhls saß. Sie erblickte ihn, stürzte sich förmlich auf ihn, aufgeregt, wütend, verängstigt, und von tausend verschiedenen Gefühlen bewegt, und schrie, indem sie ihn am Jackenaufschlag packte:
»Was hab ich Ihnen gesagt? Sie sind heute nach gekommen! Mein Sohn ist verschwunden! Glauben Sie mir jetzt? Oh, ich hab schon gespürt, dass Sie mich für eine Verrückte hielten. Ich bin nicht blöd. Und sehen Sie, sehen Sie…«

Sie hielt ein blaugemustertes Taschentuch in der Hand, gefunden in der Küche, wo sie doch in ihrem Haushalt kein einziges Taschentuch dieser Art hatten.

Da Maigret sich sowieso mit dem Bengel beschäftigen musste, der ihm ja seine Pfeife stibitzt hatte, konnte er das jetzt auch offiziell machen.

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fakten Fakten

Originaltitel:

La pipe de Maigret

Entstehungsjahr:

1945 (Juni)

Erscheinungsjahr:

1947

Entstehungsort:

Paris

Verlag:

Presses de la Cité

cinema und tv Cinema & TV

La pipe de Maigret
1988 - Frankreich
ein Film von Jean-Marie Coldefy
mit Jean Richard [Maigret]

Fuer die Ohren Für die Ohren

Die Pfeife des Kommissars Maigret
1953 - DRS
von Felix Klee

Maigrets Pfeife
2007 - Diogenes
mit Jörg Kaehler

 

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Es war halb acht. Mit einem erleichterten und zugleich müden Seufzer, dem Seufzer eines schweren Mannes am Ende eines heißen Julitages, zog Maigret im Büro des Chefs mechanisch die Uhr aus der Westentasche. Dann streckte er den Arm aus und raffte seine Akten auf dem Mahagonischreibtisch zusammen. Die Polstertür schloss sich hinter ihm, und er ging durchs Vorzimmer. Kein Mensch in den roten Sesseln. Der alte Bürodiener saß in seinem Glaskäfig. Der Korridor des Kriminalpolizeigebäudes war leer und bot einen langgezogenen, grauen und doch sonnenbeschienenen Ausblick.

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9 Ausgaben - erste Ausgabe: 1977 - letzte Ausgabe: 2009

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1977

Inspektor Maigret raucht seine Pfeife
in »Ellery Queen's Kriminal Magazin 62«
Heyne
Übersetzung: Leni Sobez

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1980

Maigrets Pfeife
in »Maigret-Geschichten«
Diogenes
Übersetzung: Lislott Pfaff

Kein Cover vorhanden

1983

Maigrets Pfeife
Diogenes (Krisenbibliothek der Weltliteratur 18)
Übersetzung: Lislott Pfaff

Maigrets Pfeife / Volk und Welt

1986

Maigrets Pfeife
in »Dreimal Beifall für Maigret«
Volk und Welt
Übersetzung: Lislott Pfaff

Kein Cover vorhanden

1986

Maigrets Pfeife
in »Beifall für Maigret«
Verlag Deutsche Zentralbücherei für Blinde Leipzig
Übersetzung: Lislott Pfaff

Kein Cover vorhanden

1993

Maigrets Pfeife
in »Meisterdetektive«
Diogenes (detebe 22648)
Übersetzung: Lislott Pfaff

Die Macht der Pfeife / Heyne

1995

Die Macht der Pfeife
in »Das kleine Buch für den Pfeifenraucher«
Heyne

Maigrets Pfeife / Diogenes

2000

Maigrets Pfeife
in »Meistererzählungen«
Diogenes (detebe 21620)
Übersetzung: Lislott Pfaff

Kein Cover vorhanden

2009

Maigrets Pfeife
in »Sämtliche Maigret-Geschichten«
Diogenes
Übersetzung: Lislott Pfaff