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Maigret und die Affäre Saint-Fiacre

»Es ist ein Polizeibeamter aus Paris.«
»Er soll wegen der Kuh da sein, die letzte Woche bei Mathieu krepiert ist.«

Nein, Maigret ist nicht wie in »Maigret im Haus des Richters« strafversetzt worden und muss sich jetzt mit Hühnern, Kühen und Schweinen herumschlagen. Was ihn in die ländliche Gegend gebracht hat, ist ein Schreiben, dass die Polizei aus Moulins an die Kriminalpolizei nach Paris geschickt hat:

Ich gebe hiermit folgendes bekannt: Es wird ein Verbrechen geschehen, und zwar in der Kirche von Saint-Fiacre, während der Frühmesse zu Allerseelen.

Nun ist die Preisfrage: Was interessiert Maigret an einem solchen angekündigten Verbrechen in Saint-Fiacre so sehr, dass er dorthin aufbricht, um zu schauen, was passiert? Jeder einigermaßen Maigret-Kundige grübelt, grübelt und ein Lächeln erhellt sein Gesicht: Saint-Fiacre, ist das nicht der Geburtsort Maigrets? Richtig.

Abbildungen zu »Maigret und die Affäre Saint-Fiacre« (insgesamt: 8)
Maigret und die Affäre Saint-Fiacre - Diogenes (detebe 23813 (MA 13)) Maigret und die Affäre Saint-Fiacre - Weltbild – 9/2003 Filmprospekt zu »Maigret kennt kein Erbarmen« (Das Neue Filmprogramm) - Frankreich – 1959

Maigret macht sich aus dem Gasthof der Marie Tatin, die ihn nicht wiedererkannt, obwohl er ihr früher einmal Frösche in den Pilzkorb untergeschoben hatte (Nun ist er etwas reifer, Mitte vierzig, so dass man es Marie verzeihen kann, dass sie ihn nicht erkannt hat. Aus Marie ist das geworden, was er erwartet hatte, eine schielende, alternde Jungfer), auf den Weg zur Frühmesse. Diese ist nicht besonders gut besucht, während der Messe kann Maigret nichts beobachten, was besonders auffällig gewesen wäre. Trotzdem muss er am Ende der Messe konstatieren, dass nicht alle Kirchgänger, den geweihten Bau aufrechten Schrittes verlassen.

Zur Erinnerung: Maigrets Vater war Verwalter eines Grafes, des Grafen von Saint-Fiacre. Dieser starb ungefähr ungefähr 10 Jahre nach Maigrets Vater und hinterließ eine trauernde, verunsicherte Witwe und einen Sohn, der zehn bis fünfzehn Jahre jünger war als Maigret - um die dreißig Jahre zum Zeitpunkt des Verbrechens.

Nicht der Sohn war aber Opfer des Verbrechens, die Gräfin konnte die Messe nicht mehr aufrechten Ganges verlassen. Der Arzt, der hinzugerufen wird und Maigret, bringen die Gräfin zum Schloss, um sie dort näher zu untersuchen. Nachdem Maigret schon in der Kirche gesehen hat, dass keine ins Auge fallenden Verletzungen vorlagen, war er gespannt auf die Todesursache, die der Arzt herausbekommt. Das Ergebnis war für einen Mord schon überraschend: Herzversagen.

Was konnte die Gräfin so aus dem Gleichgewicht gebracht haben, dass sie in der Kirche zusammenbrach. Maigret machte sich schnurstracks auf den Weg in die Kirche. Das Messbuch der Gräfin lag nicht an dem Platz, an dem sie zusammengebrochen ist. Der Kommissar findet das Buch nicht und setzt daraufhin im Dorf eine Belohnung aus. Kurze Zeit später meldet sich eine Mutter, ihr Sohn – ein Messdiener – hätte das Buch unter seinen Sachen gefunden und einfach mit nach Hause genommen. Gegen die Belohnung gab die Frau Maigret das Buch. Der findet in dem Messbuch eine interessante Notiz:

Paris, 1. November. Ein dramatischer Selbstmord ereignete sich heute früh an der Rue de Miromesnil, in einem seit mehreren Jahren vom Grafen des Saint-Fiacre und seiner Freundin, einer Russin namens Marie V., bewohnten Appartement.
Nachdem er seiner Gefährtin erklärt hatte, dass er sich des Skandals schäme, den ein bestimmtes Mitglied der Familie verschuldete, schoss sich der Graf eine Pistolenkugel in den Kopf und verschied wenige Minuten später, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Wir glauben zu wissen, dass es sich um ein besonders unerquickliches Familiendrama handelt und bei dem oben erwähnten Familienmitglied um die eigene Mutter des Verzweifelten.

Man kann wohl behaupten, dass einen eine solche Mitteilung so verschrecken kann, dass sie einen ins Grab bringt. Derjenige, der die Mitteilung in das Messbuch der Gräfin gelegt hatte, hat darauf spekuliert.

Mit »Maigret und die Affäre Saint-Fiacre« hat Simenon eine Erzählung geschrieben, die aus dem Rahmen der anderen Maigret-Erzählungen herausfällt. Sie lehnt sich an eine angelsächsische Tradition an, die sonst selten in Maigret-Erzählungen zu finden ist. Aber gerade das macht sie besonders interessant und lesenswert.

Zu den Verdächtigen zählen der Graf de Saint-Fiacre, der hochverschuldet war und gerade an diesem Tage auf dem Wege zu der Frau Mama um Geld zu besorgen, welches er zur Vermeidung eines ungedeckten Schecks benötigte. Ein anderer heißer Kandidat ist Jean Métayer, der als Sekretär bei der Gräfin angestellt war und nebenbei als deren Liebhaber fungierte. Er hatte einen großen Teil des Geldes der Gräfin bei ominösen Finanz- und Börsengeschichten um die Ecke gebracht. Aber hatte er ein Interesse an einer toten und damit versiegenden Geldquelle? Auch der Arzt, der Pfarrer, der Verwalter und sein Sohn, auch ein Liebhaber der Madame, sind mit Boot.

Maigret ist aber nicht der, der aktiv aufklärt und ist in dem Spiel, bei dem es nicht um einen strafbaren Mord geht, sondern »nur« um eine verwerfliche moralische Handlung, nur eine Randfigur. Der Kommissar scheint in einer anderen Zeit verfangen…

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fakten Fakten

Originaltitel:

L'affaire Saint-Fiacre

Entstehungsjahr:

1932 (Januar)

Erscheinungsjahr:

1932

Entstehungsort:

Cap d'Antibes

Verlag:

Fayard

cinema und tv Cinema & TV

L'affaire Saint-Fiacre
[Maigret kennt kein Erbarmen]
1959 - Frankreich
ein Film von Jean Delannoy
mit Michel Auclair [Graf Saint-Fiacre],
Jean Gabin [Maigret]

The Countess
[Maigret und das Geheimnis im Schloss]
1962 - Großbritannien
ein Film von
produziert von Andrew Osborn
mit Rupert Davies [Maigret]

Afera Saint-Faicre
1963 - Jugoslawien
ein Film von Sava Mrmak

L'affaire Saint-Fiacre
1980 - Frankreich
ein Film von Jean-Paul Sassy
mit Jean Richard [Maigret]

Maigret on Home Ground
1992 - Granada
ein Film von James Cellan Jones
produziert von Jonathan Alwyn
mit Michael Gambon [Maigret]

Maigret et l'affaire Saint-Fiacre
1994 - Frankreich
ein Film von Denys de La Patellière
mit Bruno Cremer [Maigret]

Fuer die Ohren Für die Ohren

Maigret und die Affäre Saint Fiacre
1994 - SWF [Teil 1]
von Patrick Blank

Maigret und die Affäre Saint Fiacre
1994 - SWF [Teil 2]
von Patrick Blank

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Biblio

Im Augenblick keine Ergebnisse.

Ein zaghaftes Pochen der Türe; das Geräusch eines auf die Diele gestellten Gegenstands; eine verhaltene Stimme:
»Es ist halb sechs! Eben wurde die Frühmesse eingeläutet…«
Maigret brachte die Sprungfedern zum Quietschen, als er sich im Bett aufstätzte, und während er verdutzt zum schrägen Dachfenster hinschaute, fuhr die Stimme fort:
»Wollen Sie kommunizieren?«

Saint-Fiacre

Für mich persönlich, der ich bis zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Kommentars ca. 25-30 Maigrets gelesen habe, einer der spannendsten - wenn nicht sogar DER spannendste (!) - der bislang von mir gelesenen Maigret-Romane. Insbesondere im letzten Drittel treibt Simenon die Spannung sukzessive voran, so dass man Mühe hat, in gleichem Tempo umzublättern. Recht originell ist das Szenario der Szene, in welcher der “Fall” aufgelöst wird, erinnert dieses doch eher an Krimis von Agatha Christie etc. (“alle in Frage kommenden Personen versammeln sich in einem Raum, um zu klären, wer es war”) - für die (mir bekannten) Maigret-Romane ist das hingegen eher untypisch. Möglicherweise ist es deshalb auch als Ironie des Autors zu verstehen, dass er während dieser Szene seinem Kommissar die Zügel, das Geschehen zu beeinflussen, zumindest zeitweise fast komplett aus der Hand nimmt.

Reizvoll ist an “Saint-Fiacre” überdies, dass man tatsächlich einmal etwas mehr über Maigret erfährt. Das Buch ist daher gerade _nicht_ als Einstiegslektüre in die Maigret-Welt zu empfehlen, denn wenn man zuvor bereits ein paar andere Maigrets gelesen hat, weiß man die Tatsache, dass Maigret hier an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt (und angelegentlich der Wiederbegegnung mit Elementen seiner Kindheit das eine oder andere Mal ein wenig sentimental wird), umso mehr zu schätzen. wink

Saint-Fiacre am 22.12.2008

Silver

Da ich die “Affaire Saint-Fiacre” im Forum ja schon als Einstiegslektüre empfohlen habe, muss ich das natürlich kommentieren wink
Unter dem Aspekt des langsamen Kennenlernens einer Serienfigur hast Du natürlich Recht. Es ist für den “Fan” ein großes Vergnügen mit jedem Roman mehr und mehr hinter die persönliche Historie, Entwicklung und Psychologie des Protagonisten zu schauen und nicht sofort alles über ihn zu wissen.
Ansonsten gehört die “Affaire Saint-Fiacre” definitiv auch zu meinen persönlichen Favouriten.

Silver am 07.02.2011

Was meinen Sie?

6 Ausgaben - erste Ausgabe: 1958 - letzte Ausgabe: 2008

Maigret und das Geheimnis im Schloß / Kiepenheuer & Witsch

1958

Maigret und das Geheimnis im Schloß
Kiepenheuer & Witsch (K24)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1961

Maigret kennt kein Erbarmen
in »Maigret kennt kein Erbarmen/Maigret und die alte Dame«
Buchgemeinschaft Donauland
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Maigret und das Geheimnis im Schloß / Heyne

1967

Maigret und das Geheimnis im Schloß
Heyne (K24)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1986

Maigret und die Affäre Saint-Fiacre
Diogenes (detebe 21373)
Übersetzung: Werner DeHaas

Maigret und die Affäre Saint-Fiacre / Weltbild

2003

Maigret und die Affäre Saint-Fiacre
Weltbild (1)
Übersetzung: Werner de Haas

Maigret und die Affäre Saint-Fiacre / Diogenes

2008

Maigret und die Affäre Saint-Fiacre
Diogenes (detebe 23813 (MA 13))
Übersetzung: Werner De Haas