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Bellas Tod

Was die Bewohner von Lakeville wunderte, wie die »Fremde« ihre Atmosphäre einatmete. Simenon war noch nicht richtig im Land, aber er konnte Amerika beschreiben. Im Gegensatz zu den Librevillern, die mit »Tropenkoller« ordentlich zu kämpfen hatten und das Bild überhaupt nicht mochten, waren die Bewohner von Lakeville angetan und waren begeistert, Beschreibungen der Ihren in dem Buch wider zu finden. Von einer Klage gegen das Buch ist nichts bekannt, denn nicht jeder der Beschriebenen oder überhaupt das Verhalten der Gruppe ist unbedingt sympathisch zu nennen.

Jetzt kann man natürlich einwenden: »Moment mal, es ist ja gar nicht von Lakeville die Rede.«, ein Argument, was man durchaus gelten lassen kann, aber Simenon bediente sich bei seinen Romanen und Erzählungen immer an real existierenden Personen und ich denke, es genügt, dass sich die Bewohner von Lakeville wiedererkannt haben. Wen Mister XY in dem Buch als unsympathisch und ekelhaft geschildert wird, so kann es dem Leser egal sein, er kennt diesen Mister nur als Figur, der in einer Geschichte agiert. Es sind häufig auch nur einzelne Charakterzüge, die von Simenon herangezogen wurden.

Abbildungen zu »Bellas Tod« (insgesamt: 9)
Bellas Tod - Diogenes – 1997
Diogenes – 1/2005 Die Witwe Couderc/Bellas Tod - Büchergilde Gutenberg - 1989 Bellas Tod - Diogenes – 1977

Der Leser wird mit diesem Buch in eine typische amerikanische Kleinstadt katapultiert. Spencer Ashby ist der Held des Romans, Lehrer von Beruf und in die Gemeinschaft der Kleinstadt integriert. Jeder kennt ihn und die meisten werden ihn auch schätzen, immerhin soweit, dass man ihm die Kinder der Stadt anvertraut. Seine Frau war an diesem Abend zu Freunden gegangen, um Bridge zu spielen. Christine hatte ihn gebeten, mitzukommen, aber Spencer hatte keine Lust und wollte sich in seine »Bude«, wie er sie nannte zurückziehen, außerdem hatte er noch Arbeiten zu korrigieren.

Er hatte ein Hobby: seine Frau hatte ihm vor ein paar Jahren eine Werkzeugbank geschenkt und an der drechselte der Lehrer nun gern herum. Wenn er die Maschine im Gang hatte, hörte er nichts. So konnte er auch nur erahnen, dass ihm Bella, die Tochter einer Freundin von Christine, als sie in der Tür stand, eine gute Nacht wünschte. Wahrscheinlich brüllte Spencer zurück und Bella hat genauso getan, als hätte sie etwas gehört, wie es Spencer tat. Dann sah er das Mädchen nicht wieder, bis zum nächsten Tag, als ihn seine Frau zurück nach Hause »zitierte«, da sich ein Unglücksfall ereignet hatte.

Sie hatte Bella in ihrem Zimmer gefunden – ermordet, präziser gesagt: erwürgt. Der Arzt hatte die Todeszeit ziemlich schnell eingrenzen können und nun stand Spencer Ashby vor einem großen Problem: er war im Haus gewesen, als das Mädchen ermordet wurde. So geht die Polizei und der Untersuchungsrichter auch gleich davon aus, dass nur einer der Täter sein konnte: Spencer Ashby.

Wer war Bella? Die fragte stellte sich Spencer nun. Er war eigentlich ein Einzelgänger, der seine Frau liebte, eine leidenschaftslose Liebe, die man besser Freundschaft nennen sollte. Sie waren vertraut, mochten sich. Aber der Mann liebte seine Freiräume, die ihm seine Frau auch gab. Sie hatte einer Freundin angeboten, Bella aufzunehmen, solange sie in Europa ist, denn die Freundin hatte sich gerade von ihrem Mann getrennt und suchte nun neue Perspektiven. Sie hatte Christine nicht gesagt, was Bella für ein Mensch ist, das sollten die Ashbys erst jetzt erfahren. Spencer ist Bella aus dem Weg gegangen und hatte dem Mädchen keinerlei Interesse entgegengebracht. Es gab keine Zwischenfälle, wie er gegenüber der Polizei immer wieder beteuerte.

Eine Kleinstadt, ja – da hat man ziemlich bald ein Problem. Wie drückte es ein Kleingeist gegenüber Spencer aus:

»Man hat Sie in Freiheit gelassen, und ich beglückwünsche Sie dazu. Aber versetzen Sie sich gefälligst einmal an unsere Stelle. Angenommen, es bestehen nur zehn Prozent Wahrscheinlichkeit, dass Sie schuldig sind, damit geben Sie, mein lieber Spencer, uns eine zehnprozentige Möglichkeit, einem Mörder die Hand zu drücken. Ein Gentleman bringt seine Mitbürger nicht in eine solche Lage.«

Damit haben wir das Kernproblem Spencers: auch wenn er die Polizei davon überzeugen sollte, das er mit dem Mord nichts zu tun hat, so hat er immer noch mit den Kleinbürgern zu kämpfen, die ganz und gar nicht der Meinung sind, dass er unschuldig ist. Vor allem kann er es machen wie er will, er wird, da kein Schuldiger gefunden wird, mit einem Makel leben müssen: zieht er sich zurück, so heißt, es: »Der versteckt sich, weil er etwas zu verbergen hat.«; geht er auf die Leute zu und lebt sein Leben, so bekommt er Worte wie die oben zitierten, an den Kopf geworfen. So ist der Weg doch schon vorher bestimmt: es gibt zwei Verlierer: Bella, die schon tot ist, und Spencer Ashby der vorverurteilt wurde.

Wir sollten uns nichts vormachen und jetzt sagen, wir leben ja in einer Stadt oder die Zeiten haben sich geändert. Die Mechanismen sind geblieben und ich behaupte einmal, dass sie heute sogar noch stärker zur Geltung kommen. Ashby hat keine Probleme mit der Presse: die Journalisten sind gekommen, man hatte ihm empfohlen diese höflich zu behandeln, mit ihnen zu reden und dann würde man sich keine Feinde machen – das hat so gesehen auch fantastisch geklappt. Allerdings wäre das in der heutigen Zeit schon ein wenig anders: es wird nach immer härteren Strafen gerufen und bevor man vor Gericht steht, hat die Öffentlichkeit schon ein Urteil gefällt. Die Öffentlichkeit übernimmt die Meinung von Journalisten und Politikern, die mit ihrer Tastatur und ihrem Mundwerk unheimlich schnell die Wahrheit erkannt haben.

Jeder kann ein Mörder werden. Das wird leider immer wieder vergessen.

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fakten Fakten

Originaltitel:

La mort de Belle

Entstehungsjahr:

1951 (Dezember)

Erscheinungsjahr:

1952

Entstehungsort:

Lakeville

Verlag:

Presses de la Cité

cinema und tv Cinema & TV

La Mort de Belle
[Die Nacht hat dunkle Schatten]
1961 - Frankreich
ein Film von Edouard Molinaro
produziert von François Chavane
mit Jean Desailly [Stephane Blanchon],
Monique Mélinand [Stephanes Frau]

Bellas Tod
1979 - Deutschland
ein Film von Wolfgang Storch
mit Irene Marhold [Christine Ashby],
Udo Vioff [Spencer Ashby]

Jusqu'à l'enfer
2009 - Frankreich
ein Film von Denis Malleval
produziert von Jean-Baptiste Neyrac
mit Bruno Solo [Simon Andrieu]

 

Schaukasten

Erste Worte

Meinungen (1)

Biblio

Bellas Tod
Diogenes Verlag
Taschenbuch
208 Seiten
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Bellas Tod: Ausgewählte Romane in 50 Bänden
Diogenes
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Georges Simenon: Bellas Tod / Sonntag - Verlag: Taschenbibliothek der Weltliteratur [Auflage: 1. Auflage]
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Die Witwe Coudrec Bellas Tod Zwei Kriminalromane
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Die Witwe Clouderc. Bellas Tod. Zwei Kriminalromane
Büchergilde Gutenberg, Frankfurt / Main
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Bellas Tod [d3t]
Zürich : Diogenes
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Georges Simenon : Bellas Tod
Kiepernheuer & Witsch
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Bellas Tod [sr2t]
Heyne
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Bellas Tod/ Sonntag.
Berlin und Weimar. Aufbau-Verlag. 1987.
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Die Witwe Coudrec. Bellas Tod. Kriminalromane
Frankfurt am Main: Lizenzausgabe für d. Büchergilde Gutenberg. Auflage 1989
Sondereinband
1 gebrauchtes Exemplar für EUR 11,90

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Es kommt vor, dass ein Mensch in seiner Wohnung gänzlich unbefangen seinen häuslichen Geschäften nachgeht und plötzlich merkt, dass die Vorhänge nicht zugezogen sind und Leute ihn von draußen beobachten. So ungefähr erging es Spencer Ashby. Nicht ganz, denn in Wirklichkeit kümmerte sich an jenem Abend niemand um ihn. Er hatte seine Einsamkeit ganz so, wie er sie liebte, dicht und undurchdringlich, ohne dass ein Laut aus der Außenwelt zu ihm drang; es hatte sogar angefangen zu schneien, und der Schnee machte die Einsamkeit gleichsam greifbar.

Saint-Fiacre

Diese Geschichte (größtenteils innere Handlung) gehört zu den eindringlichsten Werken, die Simenon geschrieben hat. Leider kommt die Wendung am Schluss im Gegensatz zur ansonsten langsam erzählten und sukzessive an Dichte gewinnenden Handlung viel zu plötzlich. Die mit der Wendung vollzogene Aufgabe des Kampfes durch die Hauptfigur trifft einen als Leser unvorbereitet und lässt sich - als ein Simenon-typisches Ende - zwar nachvollziehen, ist aber nicht ausführlich genug angebahnt, als dass man als Leser nicht ein wenig ratlos zurückbliebe. Für meinen Geschmack verschenkt Simenon damit einen befriedigenden Abschluss der ansonsten ungemein packenden Geschichte.

Saint-Fiacre am 11.12.2008

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9 Ausgaben - erste Ausgabe: 1958 - letzte Ausgabe: 2012

Bellas Tod / Kiepenheuer & Witsch

1958

Bellas Tod
Kiepenheuer & Witsch (K26)
Übersetzung: Elisabeth Serelmann-Küchler

Kein Cover vorhanden

1974

Bellas Tod
Heyne (K26)
Übersetzung: Elisabeth Serelmann-Küchler

Bellas Tod / Diogenes

1977

Bellas Tod
Diogenes (detebe 135/VI)
Übersetzung: Elisabeth Serelmann-Küchler

Kein Cover vorhanden

1987

Bellas Tod
in »Bellas Tod/Sonntag«
Aufbau
Übersetzung: Elisabeth Serelmann-Küchler

Kein Cover vorhanden

1989

Bellas Tod
Diogenes (detebe 20376)
Übersetzung: Elisabeth Serelmann-Küchler

Bellas Tod / Büchergilde Gutenberg

1989

Bellas Tod
in »Die Witwe Couderc/Bellas Tod«
Büchergilde Gutenberg
Übersetzung: Elisabeth Serelmann-Küchler

Bellas Tod / Diogenes

1997

Bellas Tod
Diogenes (detebe 20376)
Übersetzung: Elisabeth Serelmann-Küchler

Bellas Tod / Diogenes

2005

Bellas Tod
Diogenes (detebe 20376)
Übersetzung: Elisabeth Serelmann-Küchler

Kein Cover vorhanden

2012

Bellas Tod
Diogenes (detebe 24131)