Unterschrift

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Intime Memoiren


Der Beginn erinnert, obwohl er in Briefform an Marie-Jo geschrieben ist, mehr an einen Roman denn an einen autobiographischen Text. Das liegt daran, dass Simenon ihr Auffinden und die darauffolgenden Tage sehr nüchtern schildert. Der zweite Teil des Briefes entwickelt sich in eine andere Richtung. Spätestens mit dem Moment, in dem er schildert, wie ihm die Asche von Marie-Jo ausgehändigt wird. Da wird es intim, ich wollte mich wegducken.

Dann kommt der letzte Teil dieses Briefes, in dem Simenon seinem Mädchen erklärt, was er vorhat – sein schriftstellerisches Projekt.

Simenon fängt an, von seiner Kindheit zu erzählen. Er ordnet seine Familie in das (empfundene) Schichten-Gefüge von Lüttich ein. Auf der drittuntersten Stufe hätte sich seine Familie befunden, urteilt er. So hatte die Familie ein Auskommen, aber es musste schon genau auf jeden jeden Franken geschaut werden.

Versteht du, warum ich sehr viel später, als ihr, du und deine Brüder, zu Weihnachten eure prächtigen Geschenkpakete öffnetet, manchmal unbewusst sehnsüchtig lächeln musste? Ihr wart reich. Nichts verzauberte euch, und darum hattet ihr weniger Glück als ich.

Diesen Gedankengang kann ich gut nachvollziehen. Wenn man etwas jederzeit bekommen kann und wahrscheinlich nicht immer, aber öfter mal auch bekommt, dann sind Geschenke, die unter einem Weihnachtsbaum liegen, nur Geschenke, die in einem anderen Geschenkpapier übereignet werden. Es wird wieder so ein Fest geben und die Geschenke, die da kommen, werden noch prächtiger und spektakulärer sein. Dafür sorgen schon die Schenkenden, die wenn nicht andere, dann zumindest sich selbst übertrumpfen wollen. Weil sie es können, weil sie es sich leisten können.

Das spüren Kinder. Kinder, die in einer ärmlichen Umgebung aufwachsen, für die solche Geschenke etwas ganz besonderes sind, zeigen eine andere Freude.

Ich mag den folgenden Schluss, den Simenon daraufhin zieht, aber nicht nachzuvollziehen:

Im Grunde ist es ein Glück, arm geboren zu werden und den Wert einer einfachen Apfelsine schätzen zu können.

Der Satz wäre wahrer in der Form:

Im Grunde ist es ein Glück, arm geboren zu werden und den Wert einer einfachen Apfelsine schätzen zu lernen. Dann sollte man schnell wohlhabend werden.

Mir scheint das ansonsten eine »Sollen sie doch Kuchen essen«-Falle zu sein. Wer soll sich denn in Armut glücklich schätzen, wenn er sich ständig Sorgen um das Notwendigste machen muss?