Zwei Weiße

​Wobei sich hier schon eine kleine Ungenauigkeit eingeschlichen hat. Er paddelte nicht selbst, er ließ sich paddeln. Der Mann, dessen Namen der Leser nicht erfährt, hatte dafür ein paar Einheimische angeheuert. Sechs Tage waren sie schon unterwegs gewesen.

Es gibt in der Erzählung nur zwei Anhaltspunkte: Chocó und Buenaventura. Der Erzähler verrät nicht, ob seine Reise den Fluss entlang unmittelbar in Buenaventura, einer Hafenstadt, startete. Das ist anzunehmen, denn der Erzähler erzählte dem Mann, dass er über Buenaventura ins Land eingereist war und seine Reise endete in dieser Stadt – und er war der Meinung, dass es ein übler Hafen wäre und eine üble Stadt dazu. Außerdem stellte der Einheimische fest, dass der Erzähler flussaufwärts unterwegs sei. Die Indizien deuten darauf hin, dass er auf dem Rio San Juan unterwegs war – verraten wird es in der Erzählung jedoch nicht.

Nicht willkommen

Hinter einer Biegung entdeckten sie einen Mann, der ihnen entgegen starrte. Während der Erzähler sich irgendwie freute, in der Wildnis auf einen anderen Weißen gestoßen zu sein, schien das nicht auf Gegenliebe zu stoßen. Der Mann ignorierte die Rufe, ignorierte die Freundlichkeiten wie eine hingehaltene Hand und es ist ganz klar, dass er sich gewünscht hätte, der Besuch wäre gar nicht erst eingetroffen. »Hass« ist das Wort, das dem Erzähler dazu einfällt, der sich davon aber nicht beeindrucken lässt.

Eine Vermutung: Wahrscheinlich war der Erzähler viel zu neugierig, was mit diesem Weißen los war, der sich die Gelegenheit entgehen lassen wollte, eine gepflegte Konversation zu pflegen und ein wenig gastfreundlich zu sein. Er entschied zu bleiben und sich dem Mann anzuschließen.

Will an einen Eindruck davon bekommen, wie es in der Gegend aussieht, legt man den Atlas beiseite und schaut bei Google Maps nach. Dort habe ich zumindest bei einem Ort ein Foto entdeckt. Mit ein wenig Fantasie denkt man sich die Plastik-Tonne und die unvermeidliche Satelliten-Schüssel weg; hat man das Fantasie+-Paket für sich gebucht, bringt man das noch alles in schwarz-weiß, und dann weiß man, wie es damals ausgesehen hat. Okay, Farbe hatten sie damals auch schon. Es sind die gleichen ärmlichen Hütten gewesen, die man heute dort noch findet und der Weiße lebte in einer solchen Pfahlhütte.

Trotzdem geblieben

​Während viele wahrscheinlich einfach weitergezogen wären und sich ein anderes unwirtlichen Plätzchen gesucht hätten, entschied sich der Erzähler, zu bleiben. Man kam sich ein wenig näher, wurde vertrauter. Der billige Fusel, den es reichlich zu trinken gab, half dabei. So erfährt der Besucher und Erzähler, dass es sich bei dem Mann um einen Ingenieur namens Peeters aus Antwerpen handelte, der beauftragt war, den Goldabbau in der Gegend für eine Firma zu managen.

Die Geschichten, die man nun zu hören bekamen, wirken wie das Verhalten des Mannes skurril oder gar verrückt. Vielleicht war das, was erlebt war, der Grund für sein Verhalten; vielleicht auch die Umgebung, in die er nicht gehörte.

Diese in den dreißiger Jahren entstandene Geschichte ist typisch für die Simenon-Erzählungen dieser Zeit: Ein wenig exotisch, ein wenig kritisch und wer meint, dass dieser Plot Platz für Hoffnung lässt, der wird enttäuscht sein.

Nicht dahin

Selbst heute würde ich, wenn mir jemand erzählen würde, sein Ziel wäre dieser Landstrich gewesen, demjenigen meinen größten Respekt bezeugen und bin mir hundertprozentig sicher, dass ich das nicht auf meine Liste der noch zu erledigenden Reiseziele gesetzt. Wie viel beschwerlicher mag es damals gewesen sein, diese Ecke der Erde zu bereisen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Simenon sich dort rumgetrieben hat, ist bei Anzahl von kolumbianischen Geschichten sehr groß – und so hat er auch meinen Respekt, dass er neugierig genug gewesen ist. Selbst, wenn nicht selbst paddelte.