Quai des Orfèvres > Simenon > Biographie

suchen | registrieren | anmelden | das lädchen | forum | kontakt

Unstet

Nimmt man es genau, so schrieb Simenon nur über Orte, die er schon einmal gesehen hat. Was wäre uns entgangen, wenn er nicht so häufig gereist und umgezogen wäre? Auch die dreißiger Jahre verbrachte er recht stets auf der Suche nach einer Heimat. Im Anmarsch: Der Krieg und das erste Kind.

Wechsel. Immer wieder Wechsel. Für die meisten Menschen dürfte dieser stete Veränderungsdrang nicht in Frage kommen, aber ohne diesen Drang Simenons, wären seine Werke sicher um viele Facetten ärmer. Über die Frage zu spekulieren, ob ein solches Werk ohne die häufigen Umzüge überhaupt möglich gewesen wäre, lohnt nicht: Wir dürfen nun die Früchte genießen, wenn auch kostenpflichtig.

Die Maigrets waren erfolgreich. Simenon konnte, wenn es nach den Wünschen seines Verlegers gegangen wäre, gar nicht genug nachproduzieren. Der Erfolg spülte nicht nur Geld in die Taschen des Verlegers, auch Simenon verdiente prächtig an seinen Maigrets.

Abbildungen zu »Unstet« (insgesamt: 8)
Am Meer (I) - Ein Grund, warum es kein Massen-Anziehungspunkt ist: Von Sand weit und breit keine Spur. Am Meer (II) - Dafür gibt es reizvolle Ausblicke: Zum Beispiel auf die See ... La Richardière (I) - ... unweit davon findet man das Anwesen, auf dem Simenon lange Jahre gelebt hat.

Des Lebens auf der »Ostrogoth« überdrüssig, entschlossen sich die Simenons, das Boot zu verkaufen und wieder auf festen Boden unter den Füßen zu setzen. Sie begaben sich auf Haussuche und wurden im April 1932 fündig. Simenon soll das Licht in der Umgebung von La Rochelle sehr gut gefallen haben und so landete man schließlich in La Richardière in der Nähe von La Rochelle. Man kann sich unter La Richardière ein Landhaus vorstellen, mit einem kleinen Turm, welches ursprünglich im 16. Jahrhundert entstanden war. Es war sehr weitläufig und das Grundstück reichte bis zum Meer.

Simenon stürzte sich ins Landleben. Nicht die Künstlerfreunde bestimmten sein Leben. Jetzt standen Pferde und Geflügel im Mittelpunkt. Simenon soll, wenn man seinen Biographen glauben darf, ein guter Reiter gewesen sein, der immer ohne Sattel unterwegs war, zum Beispiel um in der nahen Stadt Fisch zu besorgen. Nicht ganz so ländlich war sicher die Haltung von zwei Wölfen, die nicht ganz artgerecht aber dafür sicher in Käfigen erfolgte.

Im Juni 1932 brachen Tigy und Georges zu einer Afrika-Reise auf. Schon 1928 hatte sich Christian, der Bruder von Simenon, in Afrika niedergelassen und arbeitete bei der Hafenbehörde in Matadi. Dort hatte er eine Belgierin geheiratet und ein dreiviertel Jahr vor der Ankunft des brüderlichen Besuchs aus Europa wurde ein Christian und seiner Frau ein Sohn geboren, der den Namen Georges bekam.

Die Reise startete in Marseille: Mit dem Schiff ging es nach Alexandria, von Kairo dann mit dem Flugzeug bis nach Belgisch-Kongo. Am Ankunftsort kauften die Simenons einen alten Fiat und und fuhren mit diesem bis nach Matardi.

Die Finanzierung der Reise war ebenfalls geplant. Simenon hätte es sich gewiss leisten können, die Reise aus dem eigenen Geldsäckel zu finanzieren, aber er plante Reportagen über Afrika zu schreiben, die er dann an Zeitschriften und Zeitungen verkaufen wollte. Und so geschah es. Die Zeugnisse seiner Afrika-Reisen kann man heute in einigen Reportage-Bänden und anderen Büchern (beispielsweise dem »Simenon-Lesebuch« nachlesen. Ursprünglich erschienen seine Afrika-Reportagen in der »Voila!«. Während diese Reportagen bekannt waren, wurden die Fotografien, die er auf diesen Reisen machte, erst viel später bekannt. Mittlerweile gab es Ausstellungen mit diesen Bildern (und weiteren Informationen über diese Reisen) sowie Bildbände.

Ein »Abfallprodukt« davon waren auch seine exotischen Geschichten und Romane, die er schrieb. Beim Lesen dieser Werke bekommt man das Gefühl, dass die Kolonialisten nicht besonders gut wegkommen. Marnham hatte das Gefühl, dass die Kolonialisten (und das hinter stehende Prinzip) in Simenons Büchern nicht gut war und vermutet, dass diese Bücher auch eine fortwährende Kritik am Lebensstil seines Bruders gewesen wären. Zwar wird auch der sorglose Umgang mit den Einheimischen thematisiert, aber dieser steht nicht im Mittelpunkt dieser Reportagen und Geschichten.

Das, was Simenon über Afrika und die Kolonialisten geschrieben hatte, reichte aber, um im Regierungsapparat zu Hause Verärgerung hervorzurufen. Simenon berichtete später, dass er geplant hatte, eine weitere Expedition nach Afrika durchzuführen. Als er Freunden in einem Pariser Restaurant erzählte, wäre ein anderer Gast aufgesprungen - ein Mitglied er Regierung (Simenon sprach von einem Minister, Marnham meint, der Mann sei zu dem Zeitpunkt Staatssekretär gewesen), und hätte Simenon in nicht gerade sachlichem Ton mitgeteilt, wer würde nie ein Visum bekommen. Wenn es diese Reaktion wirklich so gegeben hat, dann haben Simenons Reportagen aus Afrika zwar etwas bewirkt, man kann aber nicht sagen, dass sie an der richtigen Stelle auf fruchtbaren Boden gefallen wären.

Die Rückfahrt traten die Simenons dann mit einem Schiff an, und fuhren an der westafrikanischen Grenze entlang in die heimischen Gefilde.

Das Reisen konnte Simenon nicht sein lassen. Schon im darauffolgenden Jahr zog es ihn auf eine Europa-Reise. Auch von dieser gibt es einige Reportagen und viele Bilder. Hierzulande wird sicher eine Begegnung Simenons ins Auge fallen. Simenon berichtete, dass er Adolf Hitler im Hotel Adlon begegnet sei (dieser Bericht ist mittlerweile auch in deutscher Sprache nachlesbar). Simenon fand den Österreicher nicht so überzeugend. Marnham wiederum ist es, der in seiner Biographie davon berichtet, dass Simenon kurz vor dem Reichtagsbrand die Information zugesteckt worden wäre, dass die Nationalsozialisten eine große, ziemlich hässliche Sache planen würde. Ein Bericht Simenons, die er nach Frankreich kabelte, sollte aber nie erscheinen.

Die Europa-Reise Simenons führte Simenon durch Polen, die Tschechei und Slowakei, Ungarn und Rumänien. Der Clou auf dieser Reise fand aber an der Grenze zwischen Europa und Asien statt - am Bosporus. Hier sollte der französische Schriftsteller (der zwar Journalist war, aber sicher kein renomierter) die Gelegenheit bekommen, Leo Trotzki zu interviewen.

Nach der Rückkehr nach Paris, hatte sich Simenon entschlossen, dass er keine Maigrets mehr schreiben würde. Bei Fayard dürfte man ziemlich irritiert gewesen sein. Er drängelte der junge Schriftsteller dem Verlag seinen Kommissar neuen Typus auf, und nun, da sie erfolgreich waren, wollte er keine mehr schreiben. So ganz leicht ließ man Simenon nicht davon kommen. Der war aber schon auf dem Weg in neue Gefilde: Der ernsthafte Roman sollte kommen und für den ernsthaften Roman suchte er sich einen ernsthaften Verlag. Und den fand er in Gaston Gallimard und seinem Verlag. Die Konditionen waren, wenn man es mal so sagen will, für den Schriftsteller recht günstig. Er ließ sich zum Beispiel nicht mehr auf langfristige Verträge ein, sondern befristete diese auf jeweils ein Jahr.

1 | 2  weiter

 

Vielleicht auch interessant...

Meinungen

Artikelhistorie

Ein Belgier erobert Paris

Sie haben nicht auf ihn gewartet: Jeden Tag kamen an den Bahnhöfen von Paris Menschen an, die ihr Glück in der Stadt versuchen wollten. Wie Simenon es selbst in seinen Romanen beschrieb, waren es oft Leute aus dem Norden: Polen, Deutsche und halt auch Belgier. Wie Simenon, der am 14. Dezember 1922 in Paris eintraf.

Souvenirs

208 Seiten für Tigy. Das dürfte ein Rekord sein, auch wenn fairerweise anmerken muss, dass es sich bei dem Buch über Tigy auch um ein Buch von Tigy handelt. Die Frau Simenons, von der man nicht das Gefühl hat, dass sie sich in den Vordergrund gedrängelt hat (es gab da ja auch andere), hat ihre Erinnerungen geschrieben, die jetzt im Gallimard-Verlag (November 2004) veröffentlicht worden sind. Herausgegeben und zusammengestellt wurde das Buch von der Enkelin Régine Simenons (geborene Renchon), Diane Simenon (soweit ich sehe die Tochter von Marc).

La Richardière

Oft tauchen wir an diesen Orten unvorbereitet auf. Ein Name. Eine Idee. Ein Zufall. Das Wetter hatte uns in die Gegend »getrieben« und warum nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Zwei Fakten hatten wir: Marsilly und La Richardière. Im Zeitalter von Navis und Internet sollte das genug sein.

Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.

Was meinen Sie?

Erstellt: 02.11.2008

Letzte Änderung: 30.04.2009