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Das Testament Donadieu

Man kann den Nebel durch die Straßen wabern sehen. Es ist düster, regnet höchstwahrscheinlich und die engen Gassen der Stadt sind irgendwie unheimlich. Kein ruhiges Städtchen, eine Hafenstadt, in der sich allerlei Gesindel herumtreibt. Aber keiner kam auf die Idee, dass sich Pack an Oscar Donadieu sen. vergriffen haben könnte. Martine hatte umgehend ihren Geliebten, der bei ihrem Vater nicht gut angeschrieben war, in Verdacht. Die Familie war mehr als irritiert, als der Vater von seinem Klubbesuch nicht zurückkehrte - er pflegte nicht, außer Haus zu übernachten, wenn er Abenteuern nachgegangen sein sollte (wenn man Simenon liest, könnte man fast glauben, dass diese Neigung den französischen Männern mit dem Y-Chromosom mitgegeben wird), so muss er dies mit einer geschickten Unauffälligkeit getan haben.

Abbildungen zu »Das Testament Donadieu« (insgesamt: 3)
Das Testament Donadieu - Diogenes - 2011 Das Testament Donadieu - Diogenes-Ausgabe von 2000 Das Testament Donadieu - Diogenes-Ausgabe von 1985

Man kann den Nebel durch die Straßen wabern sehen. Es ist düster, regnet höchstwahrscheinlich und die engen Gassen der Stadt sind irgendwie unheimlich. Kein ruhiges Städtchen, eine Hafenstadt, in der sich allerlei Gesindel herumtreibt. Aber keiner kam auf die Idee, dass sich Pack an Oscar Donadieu sen. vergriffen haben könnte. Martine hatte umgehend ihren Geliebten, der bei ihrem Vater nicht gut angeschrieben war, in Verdacht. Die Familie war mehr als irritiert, als der Vater von seinem Klubbesuch nicht zurückkehrte - er pflegte nicht, außer Haus zu übernachten, wenn er Abenteuern nachgegangen sein sollte (wenn man Simenon liest, könnte man fast glauben, dass diese Neigung den französischen Männern mit dem Y-Chromosom mitgegeben wird), so muss er dies mit einer geschickten Unauffälligkeit getan haben.

Die Wahrheit kam sechs Tage später heraus: man fand Oscar Donadieu senior im Hafenbecken von La Rochelle - tot, versteht sich. Dieser Tod stellte sich schon wenige Wochen später als Bruch in der Familiengeschichte heraus: die Familie brach auseinander, obwohl es zuerst so aussieht, als würde sie der Tod des Vater zusammenschweißen.

Von Martine war schon die Rede, aber Donadieu hatte eine große Familie und diese Familie stellte in La Rochelle etwas dar: sie gehörte zu den großen Reeder-Familien vor Ort, lebte nicht nur vom Fischfang, sondern vertrieb unter anderem auch Kohle. In dem großen Haus der Donadieus lebten, wenn man es genau nahm, drei Familien zusammen. Da waren der Vater mit seiner Frau und den beiden jüngsten Kindern - den Nachkömmlingen Martine und Oscar jun. -, die Familie um den ältesten Sohn Michel mit seiner Frau und den beiden Kindern; schließlich der Schwiegersohn Jean, der verheiratet mit der Zweitältesten - Marthe - und dem gemeinsamen Sohn.

Man soll Toten nichts Schlechtes nachsagen, die erste Kluft verursachte das verstorbene Familienausgabe höchstwahrscheinlich selbst: sein Testament erzeugte einen Riss zwischen der Mutter und deren Nachkommen. Die Mutter, so wird es nüchtern von einem der Kinder festgestellt, wurde von Oscar Donadieu enterbt. Ihr blieb eine Rente, mehr nicht. Das Vermögen ging an die Kinder, jedes wurde zu gleichen Anteilen am Vermögen beteiligt - für die beiden Jüngsten, die das 21. Lebensjahr noch nicht erreicht haben (Martine ist 17 Jahre alt, Oscar jun. 14 Jahre), übernahm ein Vormund die Geschäfte. In der Firma hatte nun aber plötzlich die Frau des Verstorbenen Oscar Donadieu sen. ein gewichtiges Wort mitzureden. Sie vertrat ebenfalls die Interessen der jüngeren Kinder. Schließlich musste einer den Platz von des Alten einnehmen - Michel war zu weich, Jean ein Eingeheirateter, der nicht die gleiche Stellung beanspruchen konnte, wie ein »wahrhaftiger« Donadieu. Madame Donadieu - auch die Königinmutter genannt - führte neue Sitten ein, zum Beispiel gemeinsame Abendessen der wichtigsten Reeder in der Umgebung von La Rochelle. Nicht nur die Familie reagierte darauf mehr als verwundert.

Martine, die zuerst Philippe, ihren Geliebten, skeptisch beäugte und ihn in Verdacht hatte, am Tod des Vaters schuldig zu sein (es kommt übrigens in dem Roman nie ernsthaft zur Sprache, was den alten Donadieu in das Hafenbecken verschlagen hat: Mord, Freitod oder ein Unfall), entschließt sich zur Flucht. Gemeinsam gehen sie nach Paris. Sie, die Erbin eines großen Vermögens, machte sich mit einem Niemand davon, gutaussehend das wohl, anziehend, ja - aber kein Vermögen, dessen Vater ein Pleitier war, der zudem ein Teil des Vermögens der Donadieus durchgebracht hatte. Der Vater Philippes hatte Charme, aber der junge Dargens war im Hause Donadieu nicht wohlgelitten. Man war nicht angetan von der Flucht, konnte aber nichts dagegen unternehmen, unternahm auch nichts.

Schwerwiegender kommt eine Verfehlung von Michel Donadieu zum Tragen, der sich in seine Sekretärin verguckte und sie schwängerte. Als er es erfährt, empfahl er ihr, sich nach Bordeaux zu begeben, um dort abzutreiben. Das bekam man in der Stadt mit - die Stadt war nicht nicht so groß, als das es dort Geheimnisse hätte geben können - und ein Wahlkampfgegner Michels, der sich um einen Posten in der Stadt bewarb, schlachtete es mit großem Vergnügen in seinem Wahlkampfblatt aus. Es gelang der Familie wohl, den Skandal zu vertuschen und Odette Baillet machte ebenfalls mit. Der Vater der Baillet machte den Donadieus einen gehörigen Strich durch die Rechnung: er fragte sowohl seine Tochter wie auch Donadieu, ob etwas an den Gerüchten wahr wäre, und als ihm beide bestätigen, dass die ganze Geschichte erstunken und erlogen wäre, begibt sich Baillet zum Verfasser des Artikels und bringt ihn auf rabiate Art und Weise um.

Nun hatte man den Skandal, den die Familie Donadieu nicht gebrauchen konnte. In der Zeit war Martine ebenfalls schwanger. Philippe hatte einen guten Start in Paris hingelegt und stieg auf, machte gute Geschäfte. Ohne Skrupel konnte er sich als weißer Ritter präsentieren, der das Unternehmen und die Familie Donadieu aus dem Dreck, in dem sie lag, holen kann. Der erstaunliche Wandel vom Entführer zum Retter - so mancher, selbst als Leser, hat sich gewundert.

Wo bleibt die Liebe? Das ist die wirkliche Frage. Es fehlt die Liebe! Man sieht, dass Menschen zusammen sind, zusammen finden, während andere wieder scheitern. Aber nirgendwo sieht man beidseitige und erfüllte Liebe. Zwischen Martine und Philippe existiert sie nicht. Die junge Frau mag sich etwas erhoffen, aber Philippe möchte nur eines: nach oben. Die Donadieus scheinen mir nur das Mittel zum Zweck. Die Frau von Michel hatte mir ihrem Mann einen katastrophalen Missgriff gelandet, als solide kann man allenfalls die Beziehung zwischen Marthe und Jean bezeichnen, sie werden in dem Roman aber sehr blass gezeichnet, spielen nur eine untergeordnete Rolle, dass man sich ein Urteil nicht erlauben kann.

Ein großer Roman? Ein Versuch. Simenon hat sehr Lesbares abgeliefert. Er verquickt verschiedene Stilrichtungen miteinander. Unerfüllte Liebe, Skandale und deren Vertuschung, Verbrechen aus Leidenschaft, Wirtschaftskriminalität - mit diesem Roman kann man alles haben. Ich denke, wenn ein Roman einen nicht langweilt, ist er schon viel wert. Zu den besten Romanen Simenons darf man ihn aber nicht zählen.

Der Roman ist der einzige Simenons, zu dem es eine Fortsetzung gibt: »Der Bananentourist«.

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La Rochelle – (c) tayto971

fakten Fakten

Originaltitel:

Le testament Donadieu

Entstehungsjahr:

1936 (Juli/August)

Erscheinungsjahr:

1937

Entstehungsort:

Porquerolles

Verlag:

Gallimard

nicht so fernNicht so fern...

Paradiesische Zustände

Im Tahiti der dreißiger Jahre war die Welt noch in Ordnung. Mit wenig Geld konnte man sich in einem Paradies niederlassen und das Leben in der freien Natur genießen. Die Aussteiger der Welt ließen sich auf der traumhaften Welt nieder und sangen »Pour la vie«.

Der Bananentourist

Oscar Donadieu Jr. kehrte Frankreich den Rücken und stieg eines zweites Mal aus. Er schiffte sich auf die »Ile-de-Ré« ein und machte sich auf den Weg nach Tahiti, um dort als Aussteiger zu leben. Schon die Überfahrt bescherrte ihm eine Menge Überraschungen. Eine Menge Leute kannten seinen Vater und/oder verdankten diesem ihren Aufstieg. Einige waren peinlich berührt durch die Anwesenheit des jungen Donadieu. Auf der Insel sollte es nicht besser werden.

 

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Erste Worte

Meinungen (1)

Biblio

Im Augenblick keine Ergebnisse.

Eine Platzanweiserin durchquerte den Vorraum, öffnete sperrangelweit die Glastüren, streckte die Hans aus, ums ich zu vergewissern, dass es nicht mehr regnete, und ging wieder hinein, wobei sie ihre schwarze Strickweste über der Brust zuknöpfte. Wie auf ein Signal verließ nun auch die erste Frau, die Karamelbonbons, Erdnüsse und Nougatstangen verkaufte, den Schutz eines Türeingangs und ging zu ihrem Stand hinüber, den sie am Rande des Bürgersteigs aufgebaut hatte.

Saint-Fiacre

“Rohdiamant”, “ungeschliffenes Meisterwerk” - das sind Bewertungen, die man - z.T. sinngemäß von zeitgenössischen Rezensenten zitiert - in der Biographie von Stanley Eskin über das “Testament Donadieu” liest. Meines Erachtens durchaus treffende Einschätzungen. Simenon macht zu anfangs einen breiten Rahmen mit diversen Figuren auf, verschiedene Handlungsstränge werden z.T. parallel dargestellt, der Abstieg der Familie Donadieu aus verschiedenen Blickwinkeln angebahnt. In der zweiten Hälfte wird die Handlung weitgehend auf die Geschichte von Martine und Philippe verengt - die Entwicklung der Handlung gibt das zwar her, man hätte das aber nicht unbedingt erwartet. Beinahe macht es den Eindruck, als sei Simenon in der zweiten Hälfte ein wenig das Durchhaltevermögen ausgegangen (wie er selbst schreibt, hat er sich bei der Abfassung dieses Werkes - im Gegensatz zu seiner sonstigen Arbeitsgewohnheit - mehrfach Unterbrechungen erlaubt ... möglicherweise auch ein Grund dafür, dass die Breite der Schilderung nicht konsistent durchgehalten wird; aber ein Roman mit über 500 Seiten lässt sich eben auch kaum am Stück schreiben).

Kein Zweifel aber: Der Roman ist ungemein spannend - wer die “Buddenbrooks” von Thomas Mann kennt und schätzt, wird sich in der ersten Hälfte der Donadieus verschiedentlich daran erinnert fühlen, wenn auch Simenons Werk gegenüber den “Buddenbrooks” durch eine präzise, nüchterne, knappe Sprache besticht, die - wie für Simenon typisch - hinter der Handlung und der Ausgestaltung der Figuren weitgehend in den Hintergrund tritt.

Was ebenfalls dafür spricht, dass Simenon über einiges, was er in der Grundlinie dieses Romans angelegt hat, letztlich etwas flüchtig hinweggegangen ist und manches als Skizze belassen hat, was sich auszuarbeiten durchaus gelohnt hätte, ist beispielsweise, dass der Umbruch in der Figur Michel (vom zwar etwas unkreativen, aber erfolgreichen Geschäftsführer hin zum erschlafften, selbstmitliedigen Frühgealterten) so rasch kommt, dass man Mühe hat ihn nachzuvollziehen. Auch bleibt die eigentliche Triebfeder Philippes, die ihn dazu diszipliniert, über Jahre hinweg das Donadieusche Unternehmen umzukrempeln und dabei über Leichen zu gehen, bis zuletzt vage. Will er tatsächlich “nur” eine eigene Dynastie gründen? Will er seiner Frau etwas bieten? Ist er tatsächlich nur ein absoluter Egoist? etc. - Zwar gibt es Tendenzen, gänzlich befriedigt ist man am Ende aber nicht.

Trotz allem: Ein packendes und kurzweiliges Buch. Dass ich hier so ausführlich Kritikpunkte vortrage, hat sicherlich auch damit zu tun, dass das Werk deutlich umfangreicher ist als die übrigen Romane Simenons. Ich würde das Buch trotzdem zu denjenigen Simenons zählen, von denen ich mir gut vorstellen kann, sie eines Tages wiederzulesen - und auch dann wieder mit Genuss.

Saint-Fiacre am 11.12.2008

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3 Ausgaben - erste Ausgabe: 1985 - letzte Ausgabe: 2011

Das Testament Donadieu / Diogenes

1985

Das Testament Donadieu
Diogenes (detebe 21256)
Übersetzung: Eugen Helmlé

Das Testament Donadieu / Diogenes

2000

Das Testament Donadieu
Diogenes (detebe 21256)
Übersetzung: Eugen Helmlé

Das Testament Donadieu / Diogenes

2011

Das Testament Donadieu
Diogenes (detebe 24108)
Übersetzung: Eugen Helmlé