Zu Tisch


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Mitte der siebziger Jahre erschien erstmals ein Buch, in dem die Geheimnisse Madame Maigrets Küche enthüllt wurden. Die Ausstattung des war etwas trist - das sollte sich mit »Simenon und Maigret bitten zu Tisch« ändern. Courtine, die Zweite, bringt mehr Text, mehr Information und mehr Ausstattung.

Wer sich in die Welt von Maigrets Essen einfinden will, der hat dabei die Wahl zwischen zwei Ausgaben - beide sind um Längen besser als die, die von Heyne herausgegeben wurde. Nun ist es schwer zu sagen, ob es an Courtine oder am Verlag lag, und der Text, der in den beiden neuen Ausgaben (gebunden: AT Verlag/Taschenbuch: Diogenes) zu finden ist, in den Siebzigern noch nicht geschrieben war oder einfach nur gekürzt wurde, weil man bei Heyne ein Kochbuch veröffentlichen wollte und nicht ein Maigret-Simenon-Buch. Mir scheint aber, dass die Texte erst später entstanden sind.

Nach dem Geleitwort von Simenon (die zwischen den beiden hier vorgestellten Ausgaben auch noch unterschiedlich ist), findet sich ein Text unter dem Titel »Simenon bittet zu Tisch«, in dem Courtine sich biographischen Aspekten Simenons widmet und das Werk Simenons durchstöbert hatte. Schön zu hören, dass Simenon eine Vorliebe hegte, die ich teile:

Ich habe mir ein wahres Festmahl einverleibt. Es gab ganz einfach Matjes, die wir, Térésa und ich, gestern geffunden hatten, als wir uns die Nasen an den Schaufenstern plattdrückten, wenn ich mich so ausdrücken darf. Nur wenige kennen den Matjes, ausgenommen natürlich die Holländer, die sein Eintreffen ebenso ersehnen wie so zahlreiche Franzosen und Ausländer den -Beaujolais nouveau. Es sind junge Heringe, die von weit im Norden her kommen und zart und fleischig geblieben sind. Man isst sie roh, Würze ist nicht nötig.

Man könnte sagen, es ist das Sushi des Nordens. Auch wenn Simenon schreibt, der Fisch wäre roh, stimmt das natürlich nur zum Teil. Denn der Fisch wird in einer Salzlake zur Reife gebracht und macht anschließend nicht mehr den Eindruck, wie man ihn von rohem Fisch beispielsweise beim Japaner hat. Würze ist nicht nötig? Schade, dass Simenon keine Gelegenheit hatte, die Kräutermatjes aus unserer Gegend zu essen. Ein Gedicht! Oder mein Favorit: Matjes nach Hausfrauenart. Das ist nicht etwa ein Gedicht, sondern ein Opus von Mayonnaise, Äpfeln und Zwiebeln. Dazu gehören Bratkartoffeln. (Es könnte sein, dass ich etwas vom Thema abgekommen bin.)

Die Betrachtungen zu den Essgewohnheiten Simenons folgt eine Kurzgeschichte, in der Maigret die Hauptrolle spielt, bevor Courtine Maigret zu Tisch bittet und auf die Gewohnheiten des Kriminalen eingeht. Eine rundherum gelungene Einleitung, wenn man sich zwar für das Essen interessiert, aber nicht unbedingt kochen möchte oder, auch eine schöne Variante, sich in Stimmung bringen will, bevor man anfängt zu kochen (oder die Planerei dafür).

Die »Arme-Leute-Sauce« aus dem Heyne-Band hat in diesen Büchern einen edleren Namen: »Sauce pauvre homme«. Allein damit könnte man bei Tisch Eindruck machen. Die Rezepte wurden etwas überarbeitet, wie ich an der Sauce exemplarisch zeigen möchte. Die Heyne-Ausgabe listet wie folgt:

3 EL helles Reibbrot, 2 EL Butter, 1/2 dl Essig, 1- 1 1/2l Rinderbrühe, Schalotten oder Zwieben, 1 EL gehackte Petersilie

Über den Begriff Reibbrot könnte ich mich schon amüsieren, aber so ist es halt. Wer nicht weiß, was es ist - so wie es mir erging - der wird seine Haha-Erlebnis in der aktualisierten Ausgabe erleben:

30 g Butter, 1 Esslöffel helles Paniermehl, 50 ml Weinessig, 250 ml Rindsbouillon (entfettet), 1 Zwiebel oder 2 Schalotten (fein gehackt), 1 Esslöffel feingeschnittene Petersilie

Die Portionen sind wohl andere. Warum habe ich sonst fast anderthalb Liter Rinderbrühe gebraucht, während in der neuen Fassung nur noch ein Bruchteil davon benötigt wird? Abgesehen davon nimmt man heutzutage nicht einfach nur Essig, wie einfach Leute, sondern Weinessig. Gut.

Anfangs hatte ich mir überlegt, dass es eine gute Idee wäre, wenn man sich beide Fassungen anschafft: Also sowohl die Heyne-Fassung wie die schöne von Diogenes oder AT. Das Aussuchen und Appetit-Holen könne man in den schönen Ausgaben vornehmen. Das andere Kochbuch kann man durchaus in der Küche verwenden, das wäre nicht zu schade. Mir scheint mittlerweile, dass dieses Vorgehen zu Unstimmigkeiten führen könnte.

Ein letzter Pluspunkt dieser Ausgabe sei noch erwähnt: Die neueren Ausgaben enthalten bibliographische Bezüge, so dass man erfährt, in welchen Romanen Maigret diese oder jene Speise zu sich genommen hat.