Neue Auslese


Was für seltsame Geschichten es gibt: Um 1853 verlor Joshua Abraham Norton in San Francisco seinen Verstand und erklärte sich kurze Zeit später zum Kaiser von Amerika und Protektor von Mexiko. In der sonnigen Stadt Kaliforniens war man willig und erkannte diesen Anspruch an. Dem harmlosen und gutmütigen Norton wurde so manche Huldigung entgegengebracht: der bekam freies Essen und freie Unterkunft, war als Kaiser in der Oper und im Theater jederzeit willkommen. Er führte Paraden an und gab hin und wieder Erlässe heraus, die daran zweifeln ließen, dass Norton wirklich verrückt wäre, denn sie waren in der Regel sehr vernünftig und rückten so manches mal Unrecht gerade. Da ließ es sich ertragen, dass Norton eigenes Papiergeld herausgab und Steuern erhob, wenn er finanziell klamm war.

Diese Geschichte, die auch im Internet seine Spuren hinterlassen hat, und von David Warren Ryder für die »The Saturday Evening Post« aufgezeichnet wurde, fand sich ein Heft wieder, welches nur herausgegeben wurde, weil sich die Deutschen ebenfalls auf einen selbsternannten Kaiser – besser gesagt – Führer eingelassen hatten, der aber nicht so ein lieber Onkel gewesen war, wie Joshua Abraham Norton, sondern sich als ausgemachter Schurke gewiesen war. Einige glauben sich noch heute zu erinnern, dass nicht alles schlecht gewesen sei, aber – Gott sei Dank – sind die Leutchen in der Unterzahl. Die Alliierten waren der Meinung, dass man den Deutschen nach dem verlorenen Krieg ein wenig Kultur nahebringen sollte, auch zeigend, dass die anderen Völker einiges auf dem Kasten hatte. So konnte man in der Zeitschrift »Neue Auslese« Beiträge über die britische Sozialdemokratie, zu amerikanischen Gewerkschaften und zum Beitrag von Wissenschaft und Forschung an der Landung der Alliierten an der französischen Küste lesen, ebenso fanden sich launige Geschichten, Gedichte und Erzählungen von Schriftstellern aus aller Welt.

Im Heft Nummer 2 aus dem Jahr 1946 war zum Beispiel eine Geschichte von Georges Simenon zu finden. »Nikolas« war ein Jahr zuvor in der »Revue de Paris« zu finden und erschien später in Deutschland unter dem Titel »Der Mann mit dem Bart«. Es ging um einen Mann, der es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, sich bei fremden Leuten als blinder Passagier einzumieten und diese Art der Unterbringung als angenehm empfand, während die Mitwisser Blut und Wasser schwitzten. Der oder die Übersetzer dieser Fassung der Geschichte wurden in dem Heft nicht angegeben. Das monatlich erscheinende Heft war etwa 120 Seiten stark und kostete damals eine Mark. Herausgegeben wurde es vom Allierten Informationssystem.