Im Knast


Der Kommissar war in der Regel erfolgreich. Am Ende hatte er die Schuldigen gefasst. Vom Büro des Kommissar ging es zum Untersuchungsrichter, Comélieau beispielsweise. Der brachte die Täter:innen in Untersuchungshaft. Maigret war aus dem Spiel. Wie heißt es? »Nicht meine Baustelle!«

Das galt nicht für alle Fälle. Für viele Täter:innen, die vor Maigret saßen, ging es buchstäblich um ihren Kopf. In Frankreich sah das Gesetz bis zum  9. Oktober 1981 den Tod als Strafe für Mord vor. Die letzte Hinrichtung wurde vier Jahre vor der Streichung der Todesstrafe am 10. September 1977 vollstreckt. Wer in Maigrets Dienstzeit einen Mord gestand und dafür vor Gericht gestellt wurde, musste damit rechnen, das Verbrechen mit seinem Leben zu bezahlen.

In dem Fall machte der Verurteilte Bekanntschaft mit dem »Monsieur de Paris«. Ein kurzes Vergnügen, denn bei dem Herren handelte es sich um den Scharfrichter. Obwohl er »Paris« in seinem Namen trug, kam er den Delinquenten zumindest geografisch gesehen entgegen – die letzten drei Hinrichtungen Frankreichs verschlugen den Henker zweimal nach Marseille und einmal in den Norden des Landes nach Douai.

Auch Maigret war bei Hinrichtungen anwesend. Für den Kommissar gehörte es nicht zur seinen Pflichten, und er fand kein Vergnügen daran noch wurden Rachegefühle damit gestillt. Die Verurteilten waren es, die die Anwesenheit des Kommissars wünschten. 

Beispielsweise Radek{MKUKEM}, dessen Hinrichtung das Finale des Romans darstellt. Die Hinrichtungen erfolgten zu dieser Zeit noch öffentlich – nicht jede fand zu einer zuschauerfreundlichen Uhrzeit statt. Die von Simenon geschilderte Hinrichtung Radeks wurde in den frühen Morgenstunden, fast noch Nacht, durchgeführt, in der der gewöhnliche Werktätige im besten Fall am Aufstehen war. 

Keine Fiktion: Am 17. Juni 1939 wurde die Hinrichtung von Eugen Weidemann durchgeführt. Die Volksfestatmosphäre, die bei der Gelegenheit vorherrschte, erschreckte die Politik auf und es wurde ein Dekret verabschiedet, dass künftige Hinrichtungen hinter Gefängnismauern ohne öffentliches Publikum stattzufinden haben. Davon konnte Simenon, der den Kopf-Roman 1930 schrieb, nichts ahnen.

Die zweite Geschichte, die anzuführen ist, entstand nicht sehr lang nach der Geschichte um Radek. Maigret besuchte am Tag vor der Hinrichtung einen gewissen Jean Lenoir[MKL]. Ein paar Monate zuvor hatte sich Lenoir versucht der Verhaftung zu entziehen und sich dabei nicht gescheut, auf Maigret zu schießen. Das hätte das Ende von Maigret sein können. Das Glück war auf der Seite des Kommissars, aber nun war es an Maigret, Renoir die schlechte Nachricht zu bringen, dass er am nächsten Morgen hingerichtet werden würde. Das Gnadengesuch war vom Präsidenten abgelehnt worden. War Maigret gekommen, um ihm das mitzuteilen? Dagegen spricht, dass er den Wärter fragte, ob Lenoir die schlechte Nachricht bekommen hatte und auch, dass er sich im Gespräch scheute, die diesem Entscheidung mitzuteilen – obwohl es Lenoir schon ahnte. Oder war es nur ein Zufall, dass Maigret – der in die Ferien fahren wollte – noch einmal bei dem Verurteilten hineinschaute und es nun an ihm war, diese Entscheidung Lenoir kennenzulernen? Die Motivation des Kommissars, den Mann im Gefängnis zu besuchen, ist mir nicht ganz klar. Es ist keine Untertreibung, dass man bei der Vollstreckung der Strafe nicht zögerlich war – die Zeit zwischen dem letztinstanzlichen Urteil, der Ablehnung eines Gnadengesuches und der Hinrichtung war nicht besonders lang. So mochte Maigret geahnt haben, dass eine Hinrichtung Lenoirs in seinem Urlaub erfolgen könnte. Was ihn getrieben hat, den Mann noch einmal zu besuchen, das bleibt mir schleierhaft.

Interessanter als diese Frage ist an der Stelle jedoch, wo er den Verurteilten aufsuchte: in der Santé.

La Santé

Namen spielen eine wichtige Rolle. Die Franzosen haben einen merkwürdigen Humor: Sie benannten ein Krankenhaus nach Gott und obwohl sie ein Wort für »Hospital« haben, nutzten sie das Wort »Hotel«. Ein Patient vertraut normalerweise mehr auf das Können von Ärzten, anstatt sich auf ein höheres Wesen zu verlassen, und mit Hotels haben die Krankenhäuser sehr selten etwas gemein. Da wundert es nicht, dass die Pariser von 1861 bis 1867 ein Hotel errichteten und diesem einen Namen gaben, der an Gesundheit erinnert. 

Der Name des Gefängnisses ist doppelt ironisch: Umgehend nach der Eröffnung der Strafanstalt wurde die Guillotine vor dem Gefängnis aufgestellt und einige Insassen warteten auf die Vollstreckung der Strafe. Hinzu kommt, dass im Jahr 2000 die Chefärztin des Gefängnisses, Véronique Vasseur, ein Buch über die katastrophalen Zustände in dem Gefängnis veröffentlichte. Einigermaßen klar dürfte ist, dass die Zustände in dem Gefängnis nicht erst in unserem Jahrhundert arg gewesen waren. An die Behebung der Missstände wurde sich übrigens ein Jahrzehnt später gemacht. 

Der Name des heute letzten Gefängnisses, das in den Stadtgrenzen von Paris im 14. Arrondissement liegt, könnte darauf zurückzuführen sein, dass vor der Errichtung des Gefängnisses so etwas wie ein Krankenhaus stand.

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Das Gefängnis im 14. Arrondissement – La Santé

Ursprünglich hatte das Gefängnis 500 Zellen, bis zum Jahr 1900 gab es eine Verdopplung der Kapazitäten. Viel Abwechslung im Gefängnisalltag hat es nicht gegeben, das System war auf Isolation ausgelegt. Dieser Bereich mit den einzelnen, kleinen Hafträumen wurde »quartier bas« genannt. Das war der Bereich, in dem die zum Tode verurteilten Häftlinge einsaßen. 

Erst später kamen Sektionen hinzu, in denen die Gefangenen tagsüber mehr Freiheiten innerhalb der Gefängnismauern genossen und erst zur Nacht eingeschlossen wurden. Tagsüber konnten diese Häftlinge in Gruppen zusammen sein (»quartier haut«).

Das Essen in Frankreich ist gut, die Gefängnisse und ihre Küche haben nicht den gleichen Ruf: Ein Problem in der Santé war die Überbelegung. Bis zu 2.000 Gefangene saßen hier ein. Heute gibt es zwischen 800 und 920 Haftplätze in dem Gefängnis. Mit der Renovierung wurden die einzelnen Zellen um bis zu 30% vergrößert, so dass sie heute neun Quadratmeter groß sind. Der relative Zuwachs klingt fantastisch – das was absolut an Fläche herausgekommen ist, ist jedoch überschaubar. Die Größe ist jedoch auch für Hafträume hierzulande üblich.

Erst später hinzugekommen ist in dem Gefängnis ein Bereich für sogenannte VIPs. Dort werden Häftlinge untergebracht, die besonderen Schutz benötigen.

Wenn meine Erinnerungen mich nicht täuschen, gibt es keine Geschichten, in denen Maigret sich zu einem Zeitstrafen-Häftling in eine Strafanstalt begeben hätte.

Ein Maigret-Tourist kann das Gefängnis als Event auf die Liste der Orte setzen, die er besichtigen möchte. Auf Sightseeing ist das Gefängnis nicht ausgelegt, so dürfen die geneigten Interessierten nicht mit einem Besuch oder einer Inspektion der »Innereien« rechnen. Manchen, man sieht es an dem Foto oben, genügt schon die Besichtigung der Mauer.

Es gibt jedoch ein anderes Gefängnis, welches prädestiniert ist, besucht zu werden.

Fontevraud

Philipp Natali stellt nur eine Fußnote dar. Er war ein kleiner Hoffnungsschimmer Maigrets, als dieser den Mord an Louis Thouret[MMAB] aufzuklären hat. Der Mann war ein Gangster und war in Tötungsdelikte verwickelt gewesen. Gemeinsam mit seinen zwei Komplizen hatte er das Mitglied einer anderen. Bande eliminiert – da keinem der Männer die Tat zuzuordnen war und sie sich selbst nicht belasteten, wurden alle drei verknackt. Natali kam ins Gefängnis Fontevraud, welches – folgt man der Loire – zwischen Tours und Saumur lag, südwestlich von Paris.

Ein Postkarten-Motiv allererster Güte – heute, gehört einschränkend hinzugefügt. Genau genommen handelt es sich bei dem Objekt um die königliche Abtei Notre-Dame de Fontevraud, die 1101 gegründet wurde und als eine der größten europäischen Klosterstädte gilt. Wenn die geneigten Leser:innen sich das Gründungsjahr anschauen und das kombinieren mit den Wörtern »königlich« und «Abtei«, dürfte schnell klar werden, was etwa 700 Jahre später geschah – der Gebäudekomplex brauchte dringend eine neue Funktion, denn die Regierenden hatten beschlossen, dass der Klerus die Abtei zu verlassen habe.

1792 war es mit dem Ordensleben vorbei. Es kam zu Plünderungen und der Komplex verfiel. Napoleon unterzeichnete im Oktober 1804 ein Dekret, welches verfügte, dass die Abtei zu einem Gefängnis umzugestalten sein – wie übrigens Mont-Saint-Michel auch. Die Umbauarbeiten dauerten bis 1814 und Änderungen gab es die folgenden Jahre immer wieder – die Änderungen waren aber nicht so gravierend, als dass man es später nicht wieder restaurieren konnte. Schon 1812 waren schon die ersten Gefangenen eingetroffen.

Das Gefängnis bekam von den Wärtern den Beinamen »Gefängnis der tausend Fenster und Türen«. Was für ein Kloster einigermaßen in Ordnung ist, galt bei einem Gefängnis als wenig vorteilhaft. Befürchtet wurden zahllose Fluchten, aber im wahren Leben war das Gefängnis eines der sichersten Frankreichs und es gab nur wenige erfolgreiche Ausbrüche. Fontevraud galt als eines der härtesten Gefängnisse in Frankreich. Ausgelegt war das Gefängnis für 1.000 Häftlinge. Da die Lobby für Gefangene nicht sehr groß war (und ist), war (und ist) es normal, dass die Kapazitätsgrenzen nach oben sehr flexibel ausgelegt werden: In diesem Gefängnis wurden bis zu 2.000 Häftlinge untergebracht.

Bis 1850 waren in der Strafanstalt auch Frauen inhaftiert, später wurden diese verlegt. Die Häftlinge arbeiteten in Handwerksbetrieben, die auf dem Gelände eingerichtet wurden. Besonders folgsame (und vermutlich auch als harmlos geltende) Einsitzende wurden zur Feldarbeit eingesetzt. Waren es vor der Revolution die Kleriker, die in einem wirtschaftlichen Austausch mit der Bevölkerung standen und für einen gewissen Wohlstand sorgten, war es nach 1814 das Gefängnis, dass die lokale Wirtschaft am Laufen hielt.

Im Juli 1963 wurde das Gefängnis geschlossen. Es verblieben ein paar Gefangene auf dem Gelände, die mit der Pflege von Grünanlagen beschäftigt waren. Zweiundzwanzig Jahre später war auch damit Schluss. Man hatte sich in der Zwischenzeit darauf besonnenen, dass diese Anlage als historisches und touristisches Highlight zu gelten hat und heute gehört der Komplex wie das Loiretal zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ziemlich sicher ist, dass die meisten Besucher nicht ein ehemaliges Gefängnis besuchen wollen, wenn sie nach Fontevraud fahren.

An der Loire ist es reizend, nur der oben erwähnte Natali hatte überhaupt nichts davon. Der Gangster verstarb während der Haftzeit.Sein Tod ließ Maigrets Hoffnung, dass er einen idealen Tatverdächtigen an der Hand hatte, zerplatzen. So komme ich nach einem Gefängnis, welches noch in Betrieb ist, und einer Anstalt, welche heute touristischen Zwecken dient, zu einem Häftlingsverwahrort, welcher nicht mehr existiert.

Saint-Lazare

Ich hätte ein paar Cent darauf verwettet, dass sich dieses Pariser Gefängnis in der Nähe des gleichnamigen Bahnhofs befand. Meine Überraschung war groß, als ich feststellte, dass sich das Gefängnis in der Nähe vom Gare de l'Est befand. So kann man aufs Glatteis geführt werden, wenn man Tatsachen versucht am Namen festzumachen.

Ins Spiel kommt dieses Gefängnis ebenfalls im Fall Louis Thouret. Der oben erwähnte Natali galt als Liebhaber von Mariette Gibon, bei der sich Thouret eingemietet hatte und Maigret wurde auf den Namen aufmerksam, als er das Leben der Hausbesitzerin ausforschte. Die Zimmervermietung klingt bürgerlich, Madame Gibon hatte eine ordentliche Strecke zu der Bürgerlichkeit zurückzulegen und auf diesem Weg lagen Prostitution, der Verdacht, in Betrügereien verwickelt gewesen zu sein, und auch Aufenthalte im Gefängnis Saint-Lazare.

Es befand sich im 10. Arrondissement und die Ursprünge des Gefängnisses befanden sich auf dem Grundstück der Kirche oder auf dem Gelände eines Leprastation, die wiederum von der Kirche betreut worden war. Eine Umwidmung zum Gefängnis erfolgt jedoch nicht mit der Revolution, sondern schon im 17. Jahrhundert. Mein Eindruck ist, dass es sich in der Zeit nicht um  Kerkerhaft handelte – es gab schlimmere Orte in Paris, an denen man als Delinquent untergebracht werden konnte. 

Mit der Revolution ändert sich das und so wurde auch das Gefängnis zu einem Ort, an dem Hinrichtungen durchgeführt wurden. Nach diesen besonders düsteren Zeiten wurde die Institution 1794 zu einem Frauengefängnis umgewidmet. In den 1810er-Jahren wurden das Gefängnis um ein Krankenhaus erweitert, in der die obligatorischen Gesundheitsuntersuchungen von Prostituierten stattfanden – diese wurde verpflichtend in der Zeit von Napoleon eingeführt.

Die Kontrolle oblag der Polizei und die Prostituierten, die sich nicht an den Regeln hielten (also beispielsweise an die Gesundheitsuntersuchung), die wurden in Saint-Lazare inhaftiert. In den 1820er-Jahren wurde das Gelände komplett reorganisiert und neu aufgebaut. In dem Gefängnis warteten Frauen sowohl auf ihren Prozess, sie wurden nach einer Verurteilung dort inhaftiert und es blieb dabei, dass man sich auch um die Bestrafung und die Gesundheit von Prostituierten kümmerte.

Die junge Frau mit dem Namen Gibon, geboren in Saint-Malo, war elf Jahre lang als Prostituierte registriert gewesen und hatte dreimal im Gefängnis Saint-Lazare gesessen, als es noch existierte.

Das Gefängnis wurde 1927 geschlossen. Eine kleine, spekulative Rechnung am Rande: Wenn Mariette Gibon mit zwanzig angefangen hatte, sich zu prostituieren, dann hat sie mit etwas über dreißig Jahren aufgehört, diesem Job nachzugehen. Sie war zum Zeitpunkt des Falles über fünfzig, zumindest wurde sie auf das Alter geschätzt, was bedeuten würde, dass die Geschichte um Louis Thouret Ende der 40er, Anfang der 50er-Jahre gespielt haben könnte.

Im Anschluss wurden die Gebäude als Krankenhaus genutzt, keine komplett neue Widmung. Der Betrieb wurde bis 1998 aufrecht erhalten – dann wurde auch das Krankenhaus geschlossen und das Gebiet komplett umgebaut.