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Anmerkungen zu Stan
Zwei Tage vor dem Weihnachtsfest 1938 konnten Leser in Frankreich das erste Mal die Geschichte um eine polnische Bande lesen, die den Norden terrorisierte. Sie erschien im Heft »Police-Roman«, einer Romanzeitschrift, die sich Krimigeschichten widmete und in der schon einige Stories aus der Reihe »Les Nouvelles Enquêtes du Commissair Maigret« veröffentlicht wurden.

Cover von Police-Roman »Stan-le-Tueur«
Heute sind diese Hefte, die oft einem fragilen Zustand sind, Sammlerstücke. Der Umfang der Blättchen ist überschaubar. In einem Format, das ungefähr DIN A4 entspricht, wird die Geschichte auf sechzehn Seiten erzählt – zwei davon gehen für eine weitere Erzählung ab und die Titelseite ist wie die eines Buches oder einer Zeitschrift gestaltet, steht also nicht für die Story zur Verfügung.
Noch nicht geklärt habe ich die Frage, was die Hefte »Police-Roman« von »Police-Film Police-Roman« unterscheidet. Als ich mir mein Exemplar näher betrachtete, meinte ich eine Erleuchtung zu haben – die Illustrationen waren in einem fotografischen Stil und könnte das der Auslöser gewesen sein, dass mit der Begrifflichkeit »Film« gespielt wurde. Die Enttäuschung kam mit einem Blick auf das Cover … da war von »Police Film« nicht die Rede. Während eine weitere Ausgabe, die den Film-Zusatz in der Bezeichnung trug, nur Zeichnungen enthielt. So schnell wie die Theorie entstand, so zackig konnte sie auch wieder in die Tonne wandern.
In diesem Heft halte ich die Kombination aus Fotografie und Zeichnung bemerkenswert. Einige Abbildungen sind Fotos, in die hinein gezeichnet wurde. Eine sehr interessante Variante. Wer die gestalterische Idee hatte, ist dem Heft nicht zu entnehmen.
Das Hotel

Rue de Birague (undatiert)
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Im Register hatte ich vorsichtig geschrieben, dass das Hotel fiktiv sei. Auf alten Postkarten war nicht zu erkennen, dass an der Stelle ein Hotel gab. Nun ist es oft sehr schwierig, die Ansichtskarten zu datieren. Wenn man Glück hat, dann ist ein lesbarer Poststempel zu sehen oder auf der Rückseite der Postkarte erwähnte die Absenderin oder der Absender ein Datum – allzu oft ist das jedoch nicht der Fall. (Und da gibt es wieder datierte, die aber dafür nicht den passenden Bildausschnitt zeigen – es ist eine Krux!)

In diesem Fall sollte das Police-Roman-Heftchen einen Hinweis geben. Denn dort war, wenn auch angeschnitten, ein Hôtel Beauséjour zu sehen. Möglich ist natürlich, dass dies eine geschickte Manipulation ist – wahrscheinlicher ist aber, dass die Fremdenbleibe sich an der Stelle befand. Das würde dann gut zu den weiteren Beschreibungen passen, nämlich, dass Lucas sich gegenüber der Unterkunft in einem Zimmer platziert hatte.
Sollte das Beauséjour trotzdem ein Fantasieprodukt sein, sind die anderen Gegebenheiten jedoch so, wie sie sich Simenon vorgestellt hatte. Mit den heute verfügbaren Geodiensten lässt sich gut ein Bild machen und bestätigt die Interessierten. Und die beiden Gebäude – so wie sie auf der Postkarte und auf der Aufschlagseite zu sehen sind – existieren auch heute noch. Auf der anderen Straßenseite gab es ein Hôtel L'Arsenal – das ist nicht mehr existent. Der Hotelname lebt in dem Namen eines Cafés fort.
Alles in allem scheint es heute eine bessere Gegend zu sein als anno dazumal und vor allem auch einen teurere. Interessant ist, wie nah sich Armut und Wohlstand waren – geht man die Rue de Birague weiter hinab und tritt durch das Tor, befindet man auf dem Place des Vosges. Und diese Gegend – Simenon lebte dort bekanntermaßen eine ganze Weile – war nun wahrlich keine Arme-Leute-Gegend.
Hängeboden
Der mordenden Bande war so etwas passiert wie ein Missgeschick: Zu ihrer Taktik gehörte es, alle potenziellen Augenzeugen umzubringen. In zwei Fällen gelang dies nicht und beide Zeugen hatten Hinweise für die Polizei, die dafür sorgten, dass die Bande in Paris ins Visier der Gesetzeshüter geriet. Die eine Zeugin war eine Magd, die sich bei einem Überfall in einem Hängeboden befand und von dort aus das Geschehen beobachtete.
Hängeboden übersetzte ich für mich mit Dachboden. Die Dachböden, die ich kenne, sind aber geschlossen wie eine eigene Etage, und man bekommt nicht mit, was unter ihnen passiert – zumindest nicht so, dass das Geschehen des Geschosses darunter sichtbar wäre. Die Neugierde zwang mich, mich zu informieren.
Der Begriff »Hängeboden« leitet sich von der Art und Weise ab, wie diese Konstruktionen ursprünglich in Gebäuden angebracht wurden. Im Gegensatz zu konventionellen Ebenen, die von massiven Wänden und Säulen getragen werden, werden Hängeböden oft von der Decke herunter abgehängt oder auch über seitliche Ankerpunkte fixiert. Bei der richtigen Befestigung ist nicht das mit dem Wort »Hängen« vielleicht assoziierte schaukeln verbunden.
Das Einziehen dieser Böden erlaubte es, zusätzliche Flächen zu schaffen, ohne dass größere bauliche Eingriffe in die bestehende Struktur erforderlich wurden. So wurden Hängeböden nicht nur in unter dem Dach installiert, sondern auch in Gebäuden mit hohen Decken, wie sie häufig in Stadthäusern zu finden waren. Dienstmädchen wurde oft nicht in Mansarden-Wohnungen untergebracht, sondern sie »wohnten« in einem Hängeboden in der Speisekammer.
Heute findet man solche Konstruktionen auch noch – normalerweise aber nicht, um das Hauspersonal dort einzuquartieren.
Saft
Der Bärtige der Bande hieß Boris Saft. Auch er war Pole.
Auffällig, wie oft der Name Saft von Simenon verwendet wurde. Gerade für Menschen aus Polen. Es gibt jedoch keinerlei Indizien dafür, dass in Polen der Familienname »Saft« besonders oft vorkommen würde. So wirkt diese Häufung bemerkenswert und einfallslos. Da hätte sich Monsieur Simenon durchaus ein wenig mehr anstrengen können.
Nun gab es gerade in Polen mit den Jahren diverse Verwerfungen – Gebiete wurden okkupiert und dann wieder freigegeben. Also könnte es sein, dass sich der Name aus dem deutschen Sprachraum dort etabliert hat. Dies ist ebenfalls keine valide These, denn auch im Deutschen gibt es keine große Verbreitung dieses Namens. Und dass er im jüdischen Kreisen verbreitet ist, lässt sich ebenfalls nicht behaupten.
Ein Knaller zum Schluss
Bei der Identifizierung eines Leichnams geht es darum festzustellen, woher die Person kommt. Diese kleine Leichenschau bringt etwas sehr Erstaunliches Zutage und dem Kommissar hatte eine Erleuchtung:
»... und entdeckte auf der [...] Haut das Zeichen, mit dem die Amerikaner Schwerverbrecher brandmarken.«
Dieses Wort kannte ich nur von der Kennzeichnung von Pferden und Kühen, die Farmer ihren Tieren angedeihen ließen. Als Bestrafung war mir das fremd. Aber ein wenig Recherche und ich tauchte nicht nur in die Abgründe der Menschheit ein, sondern es wurde auch bewusst, was man in der Jugend im Geschichtsunterricht gehört hatte.
In den nordamerikanischen Kolonien des 17. und frühen 18. Jahrhunderts war das Brandmarken eine übliche Bestrafung für verschiedene Verbrechen. Die Art des Brandzeichens variierte je nach Vergehen. Die Buchstaben gaben die Art des Vergehens oder Verbrechens an, und von diesem war auch abhängig, an welcher Stelle des Körpers die Markierung eingebrannt wurde:
- A auf der Brust für Ehebruch
- D für Trunkenheit
- B für Blasphemie oder Einbruch
- T auf der Hand für Diebstahl
- SL auf der Wange für aufrührerische Verleumdung
- R auf der Schulter für Landstreicher
- F auf der Wange für Fälschung
Hervorgehoben wurde in den Beschreibungen dieses Vorgehens, dass Personen, die am Sonntag (Lord's Day) einen Einbruch begingen, ihre Brandmarkung auf der Stirn bekamen.
Während der frühen Phase der amerikanischen Revolution brandmarkten Patrioten einige Loyalisten mit den Buchstaben G.R. (für George Rex, König George) im Gesicht als Bestrafung für ihre wahrgenommene Unterwürfigkeit gegenüber der Krone.
Das Brandmarken von Sklaven wurde in verschiedenen Staaten legal praktiziert, wie beispielsweise Louisiana, North und South Carolina sowie Kentucky.
Also die Brandmarkung von Verbrechern gab es durchaus. Nebenbei bemerkt was das keine amerikanische Spezialität – sie wurde schon im alten Rom praktiziert, in Deutschland und Frankreich und auch kleine, nette Völker wie die Dänen konnten sich für diese Bestrafung erwärmen. Und da habe ich noch gar nicht auf die Tätowierpraxis der Nazis in den Konzentrationslagern hingewiesen, die auch eine Brandmarkung war.
Nur: Brandzeichen für Verbrechen wurden im Zuge der Reform-Bewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts abgeschafft. Auch in den USA.
Da die von Maigret begutachtete Person zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt war und die Geschichte zwischen 1930 und 1940 spielt, ist es unwahrscheinlich, dass der Pariser Kommissar daran hätte einen amerikanischen Verbrecher erkennen können.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.