Highway Highway

Der vierte Streich: Schlusslichter


Mit welcher Selbstverständlichkeit der Mann einen Drink nach dem anderen nimmt, und sich dann hinter das Steuer setzt. Der Meinung ist, er würde gut fahren oder gar besser, dadurch dass er Alkohol zu sich genommen hat. Das, kombiniert mit seiner Beratungsresistenz, macht den Kerl über alle Maßen unsympathisch. Darüber komme ich nicht hinweg, und darüber dass ich das Gefühl hatte, seine Frau gäbe sich am Passierten die Schuld.

Lösung: Das Buch

Ich habe es gar nicht so in Erinnerung gehabt, bevor ich jetzt »Schlusslichter« in der Bearbeitung des NDR gehört habe: Im Mittelpunkt steht der Mann. Aus dessen Perspektive betrachtet man das Passierte. Die Frau ist mit dabei und gibt Impulse, die den Mann antriggern. Es sind  seine Entscheidungen – immer wieder einen Drink zu nehmen, wenn es geht einen Doppelten –, die dafür sorgen, dass das Unheil seinen Lauf nimmt.

(Jetzt wird ein wenig von der Handlung verraten, wer das nicht möchte, dem sei gesagt: Ja, das ist ein tolles Hörspiel. Bitte dem Link unten folgen und den Text nicht lesen.)

Es gibt andere Geschichten von Alkoholikern, da dreht es sich darum, wie sich die Gedanken immer wieder um die nächste Gelegenheit, einen Drink zu nehmen, drehen. Das ist hier gar nicht der Fall. Das Trinken ist eingebettete in die Handlung, einer Fahrt von Steve und Nancy Hogan nach Maine, um die Kinder aus einem Feriencamp abzuholen. Der Mann trinkt vor der Fahrt, der Mann macht Pausen und nimmt dann einen Drink – es wird aber nicht so dargestellt, als würden seine Gedanken immer darum kreisen.

Merkwürdig, dass es trotzdem mehr als eine Gewohnheit zu sein scheint.

Die Frau trifft eigene, souveräne Entscheidungen und das ist das Elend: Sie hat am Ende das Gefühl, sie wäre schuld. Aber Schuld an dem, was passiert ist, hat derjenige, der sich an ihr verging; dass die Gelegenheit dazu entstand, das hat ihr Ehemann mit seinen Entscheidungen zu verantworten.

Um hier noch einmal tiefer hineinzugehen, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als das Buch zu lesen. Wer mehr über den Plot der Vorlage wissen möchte, ist mit diesem Link besser aufgehoben.

Das Gehörte

Die Bearbeitung dieses Stoffs erfolgte durch Eva Solloch, die auch Regie in dem Stück führte. Das Stück ist in jeder Hinsicht stimmig. Die Geräusche, die verwendete Musik – alles nahm mich gefangen. Vielleicht hätte ich mir die Stimme von Steve ein wenig verrauchter, verlebter vorgestellt – aber da folge ich Klischees, die man von Alkoholikern hat. Schließlich gibt es genügend Alkoholiker, denen man die Sucht nicht auf den ersten Blick anmerkt. 

Das war es aber dann auch: Das Stück, das etwas länger als eine Stunde läuft, hat mich schnell gefangen genommen, und es nimmt einen mit. Ein in jeder Hinsicht hörenswertes Stück Radiokunst.

Link zum Hörspiel (verfügbar bis 15.12.2021)