Da, wo früher die Concierge saß

Alles anders


Du weißt, dass sich etwas geändert hat, wenn um Dein Lieblingsviertel herum plötzlich Sushi- und Nudel-Restaurants entstanden sind. Dann musst du dort eigentlich gar nicht mehr durchgehen, wenn Du nicht gerade ein Herz für Edel-Boutiquen, In-Cafés und Galerien hast. Wobei die Galerien wohl das geringste Übel sind. Aber die Makler preisen ihre Ware nun aus riesigen Läden an. Alles ist verloren, zumindest im Marais.

In den 2000er Jahren sind wir häufiger in Paris gewesen und haben an den unterschiedlichsten Ecken genächtigt. Die Zimmer waren schon immer sehr klein gewesen, so dass man mit mehr als einem Täschchen dort nicht auftauchen sollte. Die Entschuldigung »Es ist halt Paris« habe ich schon immer für nicht sehr überzeugend gehalten. Wir waren dazu übergangen, lieber in System-Hotellerie wie IBIS abzusteigen, bei der die Zimmer auch in Paris nicht größer war, aber man zumindest davon ausgehen konnte, dass es einen funktionierenden Fahrstuhl gibt.

Nach zehn Jahren Hotel-Abstinenz brachen wir diesmal mit dieser golden Regel und haben uns im Marais in einem Hotel eingemietet. Auf ein kleines Zimmer war ich gefasst, da kam ich auf die Idee eine bessere Kategorie zu buchen – ich möchte jedoch nicht wissen, in was für einem Zimmer wir nun nächtigen würden, wenn ich mich auf ein Standard-Zimmer eingelassen hätte. Manch einer fragt sich, wie ich nun die Kurve zu Maigret bekomme – voilà: Habt Ihr zuletzt mal Atkinsons Maigret nach »Maigret und sein Toter« gesehen? Die Bande hauste auch in einem Hotel im Marais. Ich bin ziemlich erstaunt gewesen, wie groß die Zimmer im Film gewesen sind. Das kann mit der Realität nichts zu tun haben.

Überall ist es schick

Vor zehn Jahren fand ich alles noch recht angenehm. Man sah schon, dass in dem Viertel gearbeitet wird. Aber die großen Ketten wie Hugo Boss etc. waren noch nicht da. Unser sympathisches Couscous-Restaurant war am Ende der Dekade aber auch schon verschwunden gewesen. Nun muss ich vermelden, dass das »L’ Impasse« mit seinem reizenden Schild, welches an Maigret erinnerte einem anderen Restaurant gewichen ist. Wie haben es nicht hinein geschafft, denn an einem Sonnabend-Abend ohne Reservierung in einem Restaurant im Marais aufzutauchen, ist scheinbar weltfremd. Es ist nun aber hell gestrichen und modern, ob da ein solche Kuriosität Platz hat, daran zweifle ich.

Der Tourismus hat das Viertel nun ganz in seiner Hand. Wie schon angedeutet, ist der Anteil der Reisenden aus Asien phänomenal, beschränkt sich aber auf bestimmte Straßenzüge und – auch ganz interessant – auf junge Frauen. Manchmal sieht man eine in einem Straßen-Café, teilweise schrecklich blass geschminkt, so dass man denkt, man wäre in einer Straßen-Theater-Aufführung; in der Regel hat man es aber mit Gruppen zu tun. Dazu kommen dann noch Spanier und Italiener. Interessanterweise, das wird aber eine Momentaufnahme sein, hörte man weniger Englisch und Deutsch. (Für Frankreich gesamt gesprochen, darf ich aber anfügen, dass man keine Chance auf entkommen hat. Im Süden von Frankreich [von Nizza bis Bordeaux] stießen wir an jeder Ecke auf Engländer, Amerikaner und Deutsche zu.)

Weitergehen, bitte weitergehen

Sobald man den Boulevard Beaumarchais überquert hat, ist man dann allein mit den Einheimischen oder ein paar Touristen, die dort in der Nähe ihr Hotel haben und in den Marais streben. Da wir kein Ziel hatten, machten wir mal einen Ausflug zum Boulevard Richard-Lenoir. Ein paar Tage zuvor, bekam ich den Hinweis, dass auf der anderen Straßenseite der (nicht existierenden) 132 ein Arzt praktizieren soll, der Maigret heißt. An der Tür steht zumindest nichts, also sieht es so aus, dass er dort wohnt aber nicht praktiziert. Wie es bei den französischen Häusern oft üblich ist, waren an der Tür auch keine Namensschilder zu finden – warum das so ist, weiß ich nicht, vielleicht um Klingelstreiche zu anonymisieren.

Das Bild ist zwar ein wenig lustig, da die Autos ein wenig geschrumpft aussehen. Es stellt die gegenüberliegende Seite da. Wenn Madame Maigret heute aus ihrem zum Boulevard Richard-Lenoir gehenden Fenster schauen würde, dann geht ihr bester Blick auf einen Asia-Import-Export-Geschäft, in dem sie sich mit Lebensmitteln versorgen kann. Und nein, mir ist nicht bekannt, dass irgendwann Madame Maigret mit den Worten begrüßt hätte: »Maigret, heute Abend gibt es etwas aus dem Wok.«

Auf einem Sonnabend-Nachmittag findet sich aber noch typisches auf dem Boulevard. Die Petanque-Plätze sind noch da. Ich könnte da stundenlang sitzen und den Männern zusehen, wie sie mit einer Gelassenheit ihre Kugeln rollen und werfen, jeder mit seiner Technik. Besonders angetan hatte es mir ein Mann, der aussah, wie ein verrenteter Mafia-Boss und mit der gleichen Mimik arbeitete: Er konnte sich nicht mehr Bücken und wenn er in den Kreis trat, um die Kugel zu platzieren, dann tat er das mit einer Gleichgültigkeit und einem Minimum an Anstrengung, die ein Desinteresse ausstrahlte, das überhaupt nicht mit seinen Ergebnissen korrespondierte. Meistens platzierte er in der nächsten Runde wieder die kleine Kugel, ein Privileg, welches üblicherweise dem Sieger vorbehalten bleibt.

Die Regeln, nach denen hier gespielt wurde, waren nicht ganz durchschaubar. Während der Sieger-Monsieur offenbar mit zwei Kugeln spielte, hatten andere drei Kugeln, die sie auch nutzten, zur Hand. Vielleicht wurde eine Handicap-Regel eingeführt. Vielleicht hatte es unserer Sieger-Monsieur auch nicht nötig, mit mehr als zwei Kugeln zu spielen und wollte andere auch mal gewinnen lassen.

Eine übliche Konstellation scheint zu sein, dass die Herren spielen und die Damen am Rand beobachten. Aber es gab auch eine Mannschaft, in der eine Dame mitspielte und das auch nicht schlecht. Erfreulicherweise kamen auf die Alt-Herren-Runde zwei weitere Gruppen, bei denen es sich um junge Spieler handelte (und mit jung meine ich Mittzwanziger, also wirklich jung).

Also einfach weitergehen, nicht im Marais verbleiben.