Maigret und der Clochard

Einer der beliebtesten Maigret-Romane, die es gibt. In der Hitliste der Aufrufe dürfte dieser Roman an Nummer 1 stehen. Oder liegt es daran, dass dieser Roman in der Schule behandelt wird? Wie dem auch sei, Maigret weiß von seiner Beliebtheit unter den Lernenden nichts und wandelt an den Ufern der Seine, um den Mordversuch an einem Clochard aufzuklären. Dabei wird er mit einem schweigsamen Opfer und einer mehr als hochnäsigen Verwandtschaft des Opfers gequält. Die Ursache für den Mordversuch liegt in diesem Fall ganz woanders.

Über die Story


Für einen Augenblick, so kurz, dass der neben ihm gehende Lapointe gar nicht darauf achtete, hielt Maigret inne auf dem Weg vom Quai des Orfèvres zum Pont Marie. Für Sekunden, vielleicht auch nur den Bruchteil einer Sekunde, hatte sich der Kommissar ins Alter seines Begleiters zurückversetzt gefühlt.
Es musste an der Beschaffenheit der Luft liegen, an ihrer strahlenden Helle, ihrem Geruch, ihrem Geschmack. So musste es an so manchem Morgen gewesen sein damals, als er in jungen Jahren, als frischgebackener Inspektor der Kriminalpolizei, die bei den Parisern noch La Sûreté hieß, für öffentliche Ordnung zu sorgen hatte und deshalb von früh bis spät in den Straßen von Paris unterwegs war.
Obwohl man schon den 25. März schrieb, war es der erste wirkliche Frühlingstag, und er war um so heller und klarer, als in der Nacht zuvor ein leichter, von feinem Donnergrollen begleiteter Regen gefallen war. Zum ersten Mal in diesem Jahr hatte Maigret auch den Überzieher im Schrank seines Büros gelassen, und von Zeit zu Zeit blähte ein Luftzug sein aufgeknöpftes Jackett auf.

Maigret war auf dem Weg zu einem Routinetermin. In der Nacht zuvor hatten zwei Schiffer einen Clochard mit eingeschlagenem Schädel aus der Seine vor dem Ertrinken gerettet. Der Clochard lag mit relativ guten Überlebenschancen im Krankenhaus, einer der Schiffer berichtet, dass er zwei Männer gegen Mitternacht beobachtet hatte, die einen Sack in den Fluss geworfen hatten und anschließend mit einem roten Peugeot 403 von dannen gerast waren. Das Verhör mit dem holländischen Schiffer verlief zähflüssig.

»Beschreiben Sie die Männer.«
»Der Kleinere trug einen hellen Regenmantel, und er hatte breite Schultern.«
»Und der andere?«
»Ihn habe ich so genau gesehen, weil er als erster ins Auto gestiegen ist. Er hat sofort den Motor angelassen.«
»Haben Sie sich die Nummer nicht aufgeschrieben?«
»Welche Nummer?«
»Die Nummer des polizeilichen Kennzeichens.«
»Ich weiß nur, dass zwei Neuner drin waren und dass es ein Pariser Kennzeichen war mit der Zahl 75 am Schluss…«

Der Clochard hatte sein Zuhause unter der Brücke, in der er in die Seine geworfen wurde. Er haust dort mehr oder weniger allein. Die Vertretung der Staatsanwaltschaft interessiert der Fall wenig, die Umgebung stößt einen solch feinen Mann mehr ab. Maigret macht dagegen eine Entdeckung, die sein Interesse weckt. Der Mann, der in die Seine geworfen wurde, wird von seinen Kameraden »der Doktor« gerufen und er hat bei einigen Leuten im Viertel ein großes Ansehen, da er ihnen geholfen hatte. Einen Clochard bringt man nicht um, dass hatte Maigret in seiner Laufbahn noch nicht erlebt. Diese Leute lassen sich untereinander und den Rest der Welt in Ruhe, der größte Teil des Restes der Welt – die Polizei einmal ausgenommen – lässt dafür die Clochards in Ruhe. Aber einen Arzt…

Der Pass des Mannes, der Maigret im Krankenhaus ausgehändigt wird, verspricht den kleinen Dienstweg.

Name: Keller
Vorname: François Marie Florentin
Beruf: Lumpensammler
Geboren in: Mulhouse, Département Bas-Rhin

Der Schwager von Maigret stammt aus der Gegend, und so wird dieser am Abend von Madame Maigret kontaktiert. Natürlich kennt man ihn – er war der Armenarzt in Mulhouse. Obwohl er es eigentlich gar nicht musste. Die Frau des Arztes hatte eine ansehnliche Summe geerbt, die ihm dieses Leben erspart hätte, aber er wollte das Leben weiterführen. Das ging natürlich nicht lange gut…

Mittlerweile ist Lapointe mit seinem Peugeot weitergekommen. Er hatte den Halter ausfindig gemacht und präsentierte zwei Männer Maigret. Die erzählten folgendes:

»Ich bin etwa um acht Uhr von meinen Kundschaftsbesuchen zurückgekommen – ich mache die Vororte im Westen -, und da hat mich meine Frau beiseite genommen, damit die Kinder es nicht hörten, und hat mir mitgeteilt, dass Nestor ...«
»Wer ist Nestor?«
»Unser Hund. Eine Deutsche Dogge… Er war zwölf Jahre alt und sehr lieb mit den Kindern, die er schon als ganz kleine Babys erlebt hat. Damals hat er sich vor die Wiege gelegt, und ich habe mich kaum hingetraut…«

Um es kurz zu fassen: Die Dogge musste eingeschläfert werden und da die Männer das Tier nicht einäschern wollten, haben sie es in einen Sack gepackt und in die Seine geworfen. Danach seien sie in Trauer durch diverse Bars und Kneipen gezogen.

Nun fällt Maigret eine Ungereimtheit auf: Die Männer wollen den Mann nicht in die Seine geworfen haben, da ist ja ein Hund gelandet. Das war glaubhaft, auch ihre Kneipenbesuche waren bestätigt. Warum hat dann der Schiffer gesagt, er habe beobachtet, wie der Clochard um Mitternacht in die Seine geworfen wurde? Die Ermittlungen beginnen von vorn.

Als der Clochard aus dem Koma erwacht, ist er nicht bereit, etwas zum Tathergang zu sagen.

Deutschsprachige Ausgaben

4 Ausgaben - erste Ausgabe: 1964 - letzte Ausgabe: 2009

1964

Maigret und der Clochard
Kiepenheuer & Witsch (K81)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

1971

Maigret und der Clochard
Heyne (K81)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

1989

Maigret und der Clochard
Diogenes (detebe 21801)
Übersetzung: Josef Winiger

2009

Maigret und der Clochard
Diogenes (detebe 23860 (MA 60))
Maigret-Werkausgabe – Band 60
Übersetzung: Josef Winiger

Cinema & TV

Maigret et le clochard
[Maigret und der Clochard]
1982 - Frankreich
ein Film von Louis Grospierre
mit Jean Richard [Maigret]

Maigret et le clochard
2004 - Frankreich
ein Film von Laurent Heynemann
mit Bruno Cremer [Maigret],
Franck Gourlat [Jeff Van Houtte]

Hörspiele & -bücher

Für dieses Werk liegen keine Informationen über Hörspiel- oder -buch-Bearbeitungen vor.