Schwarzer Regen

Für ein Kind ist es immer kompliziert, wenn ein Älterer plötzlich dem Haushalt hinzugefügt wird. Da ist es egal, ob das die Oma ist oder ein neuer Mann für die Mutter. Ein solcher Einschnitt bringt häufig Komplikationen mit sich sich, weil das Kind seine Stellung neu definieren hat. Schlimm wird es, wenn eine intakte Familie plötzlich eine Tante aufnehmen muss, die durch und durch bösartig ist. Für Jérôme beginnt ein Kampf gegen das Böse.

Über die Story


Eigentlich war es gut so, wie es war. Aber wenn etwas gut ist, muss es nicht unbedingt so bleiben. Entweder wird es besser (ist er selten) oder es wird schlechter (kommt wohl häufiger vor). Das in den Klammerngeschriebene ist natürlich völlig subjektiv, registrieren wird doch das Negative mit mehr Aufmerksamkeit als das Negative. (An dieser Stelle könnte ich nun eine Litanei über die heutige Medienwelt loslassen, in der sich immer nur negative Nachrichten finden, die durchgekaut werden bis zum »Geht nicht mehr«, um dann durch ein neues schreckliches Thema ersetzt zu werden – aber das lasse ich.) Das was dem kleinen Jérôme widerfährt ist ohne Zweifel schrecklich.

»Ich habe Tante Valérie getroffen«, verkündete mein Vater, während er die beiden Zimmer wie zur Vorbereitung eines Umzugs inspizierte.
»Und? Wie geht’s ihr?«
»Sie kann fast nicht mehr laufen… Die Frau, die ihr im Haushalt geholfen hat, hat sie nach ich weiß nicht was für ‘ner Geschichte sitzenlassen… Ich hab ihr angeboten, zu uns zu ziehen.«
Arme Mutter… Die Bestürzung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Vor lauter Schrecken und Verblüffung klappte ihr Mund auf, und es entfuhr ihr ein einziges hauchdünnes »Hier?«

Der Familie Lecœr ging es nicht schlecht. Sie betrieben Handeln mit Stoffen. Der Vater war Tag für Tag auf den Märkten in der Umgebung unterwegs, um seine Stoffe feilzubieten, während die Frau ein Geschäft in guter Lage am Markt der Stadt betrieb. Sie lebten sehr beengt und wahrlich nicht üppig, aber sie lebten nicht schlecht. Der Sohn hatte eine kleine Kammer für sich, in dem sich sein Bett befand, in dem er sich aufhalten und spielen konnte. Die Eltern hatten nebenan an Schlafzimmer. Gelebt wurde im Untergeschoss, in dem sich der Verkaufsraum befand, wie auch die Küche, in der sich die Familie versammelte.

Platz für eine Tante war da nicht. Aber der Vater, wurde gelockt von dem Versprechen der Tante, ihm ihr Haus zu vermachen. Wahrlich kein schlechtes Lockmittel. Die Sache hatte aber einen Haken: sie hatte das Haus schon verschenkt. Davon wollte die Tante zwar nichts mehr wissen, die Rechtsanwälte und Beschenkten sahen das aber ganz anders.

Jérôme und die Tante sind sich vom ersten Augenblick an nicht grün. Die Tante mag den schmächtigen, nachdenklichen Burschen nicht und triezt ihn, wo es nur geht. Sein sanftes Gemüt versucht sich, mit den Nachrichten aus der Zeitung zu erschüttern. Die Zeiten sind aufregend: es gab im ganzen Land Streiks. Es wurde auf Demonstranten geschossen, diese wehrten sich – die Sache wuchs sich zu einer halben Revolution aus.

Aufrührer wurden hingerichtet, eine Tatsache, die die Tante vor Jérôme ausführlichst behandelte. Ich persönlich bin ja der Meinung, dass man Kinder von sieben Jahren nicht unbedingt mit solchen Themen behelligen sollte, aber die Tante, selbst kinderlos, war da wohl anderer Meinung. Sie saß in der Kammer, die früher Jérômes Platz war, den ganzen Tag, la in Zeitungen oder ließ sich von dem Jungen vorlesen und kommentierte die Lage der Dinge auf denkbar unsensibelste Weise. Bewegung war nicht ihre Sache, was weniger daran lag, dass sie kaum noch laufen konnte, sondern vielmehr daran, dass sie so dick war. Wahrscheinlich war sie so dick, weil sie nichts tat. Denn sie rühte in dem Haushalt nicht den kleinsten Finger.

Mit ihrem Verhalten brachte sie nicht nur das Kind gegen sich auf, auf der Rest der Familie, sprich Mutter und Vater, waren überhaupt nicht mehr glücklich. Wer hätte gedacht, dass sie sich ein solches Ekelpaket geholt hatten?

Dann gibt es ein Attentat, bei dem eine Bombe auf den König von Rumänien und den französischen Premier geworfen wird. Die Situation eskaliert noch mehr. Unter Verdacht steht der Vater eines Freundes von Jérôme. Freund kann man eigentlich nicht sagen, denn die beiden kennen sich nur vom sehen. Der Junge wohnt vis-à-vis und sie können sich gegenseitig in die Fenster schauen. Albert ist schwer krank und darf das Haus nicht verlassen. Aber allein das schafft eine Vertrautheit, die Jérôme Albert seinen Freund nennen lässt.

Eines Abends sieht er im Haus seines Freundes einen Schatten, der dort nicht hingehört.

Man bekommt zwei Geschichten für den Preis von einer. Ich finde das ist ganz günstig, denn es ist eine spannende Erzählung. Was passiert mit Tante? Was ist das für ein Schatten? Kommen Schatten und Tante zusammen? Wer wird als Sieger aus dem Gefecht kleiner Junge vs. dicker Tante hervorgehen? Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive erzählt, als Erinnerung von Jérôme viele Jahre später.

Deutschsprachige Ausgaben

Eine Ausgabe

1993

Schwarzer Regen
Diogenes (detebe 22557)
Übersetzung: Stefanie Weiss/Richard K. Flesch

Cinema & TV

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Hörspiele & -bücher

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