Quai des Orfévres > Romane > Maigret

suchen | registrieren | anmelden | das lädchen | forum | kontakt

Maigret und die kopflose Leiche

Jules Naud – ein Schiffer – stand am Kanal und drehte sich eine Zigarette. Er und sein Bruder waren mit ihrem Schiff die Ersten, die an diesem Morgen die Schleuse »Les Récollets« passieren sollten. Paris erwachte und Jules warf den Dieselmotor an. Das Schiff bewegte sich in Richtung Schleuse, aber ein paar Meter vor der Schleuse bekam der Motor einen richtigen »Schluckauf«. Die Männer mühten sich, das Schiff von dem Ort wegzudrücken, an dem die Schiffsschraube den Grund zu berühren schien. Nach dem sich auch das Getriebe gemeldet hatte, bekamen die Männer ein mulmiges Gefühl. Die Pariser warfen zu der Zeit vieles in die Kanäle: Kinderwagen, alte Möbel, Leichenteile… Die Gebrüder Naud hatten das Pech, sich Letzteres eingefangen zu haben.

Abbildungen zu »Maigret und die kopflose Leiche« (insgesamt: 4)
Maigret und die kopflose Leiche - Diogenes - Maigret-Werkausgabe (Band 47) Maigret und der Kopflose - Kiepenheuer & Witsch – 1957 Maigret und der Kopflose - Kiepenheuer & Witsch

Nicht nur Lucas ist erstaunt, als er vernahm, dass der gefundene Arm zu einem Mann gehört, auch Maigret kommt gehörig ins Staunen. Und vielleicht ist der Tatsache, dass es ein Männerarm war, der gefunden wurde, zu verdanken, dass Maigret sich dieses Falles annahm. Der Taucher war schon in Aktion, als Maigret ankam. Da an der Schiffsanlegestelle nichts weiter gefunden wurde, suchte der Taucher mit seinem Assistenten an einer anderen Stelle. Maigret suchte nach einer Telefonzelle.

»Was darf es ein?«, fragte der Wirt eilfertig.
»Haben Sie Telefon?«
Im selben Augenblick entdeckte er es. Es war ein Wandapparat, der nicht in einer Kabine hing, sondern gleich neben dem Tresen.
»Komm, Lapointe.«
Er hatte keine Lust, in aller Öffentlichkeit zu telefonieren.

Einen verwunderten und gekränkten Wirt zurücklassend, machen sich Maigret und Lapointe auf die Suche nach einer anderen Kneipe.

Sie mussten etwa dreihundert Meter weit laufen, ehe sie eine düstere Bar entdeckten, deren Tür der Kommissar aufstieß. Man musste zwei Steinstufen hinabsteigen, und der Fußboden war mit kleinen dunkelroten Fliesen gekachelt, wie in Wohnhäusern von Marseille.
Es befand sich niemand in dem Raum, nur eine fuchsrote dicke Katze, die in der Nähe des Ofens lag, sich träge erhob, auf eine angelehnte Tür zuschlich und dahinter verschwand.
»Ist hier niemand?« rief Maigret.
Man hörte das hastige Ticken einer Kuckucksuhr. Der Geruch von Schnaps und Weißwein lag in der Luft, wobei der Schnaps überwog, aber auch ein bisschen nach Kaffee roch es.
In einem Hinterzimmer rührte sich etwas. Eine Frauenstimme sagte mit einer gewissen Trägheit:
»Sofort!«

Die Wirtin, früher wohl einmal ansehnlich, machte nicht den Eindruck, als ob Gäste willkommen wären. Während Maigret mit dem Quai telefoniert und die Ergebnisse durchgibt, genießt er einen leichten Landwein, deren Ursprung er in der Gegend von Poitiers vermutet. Er vermutet richtig: ein kleines Dorf bei Poitiers sei der Ursprung, bestätigte die Wirtin auf Nachfrage. Es war allerdings in diesem Gespräch der einzige Satz, den sie mit mehr als zwei Wörtern versah. Neugierig wird Maigret, als er vernimmt, dass der Mann gerade in dieses Dorf gefahren ist, um neuen Wein zu holen. Der Wein hatte es ihm mehr angetan, als der Männerarm aus dem Kanal.

Nach und nach finden sich auch die anderen Teile, nur der Kopf bleibt verschwunden. Die Täter hatten genügend Verstand, den Kopf auf andere Art und Weise zu beseitigen. Die Identifizierung wurde damit erschwert. Dr. Paul charakterisiert den Mann so: »Braun, nicht sehr groß, eher klein, aber stämmig, mit hervorspringenden Muskeln, dunklem und dichtem Haarwuchs auf Armen, Händen, Beinen und der Brust. In Frankreich kommen solche Leute auf dem Lande häufig vor, kräftige, eigenwillige, dickköpfige Burschen.«, und fügt hinzu, dass ihn der Kopf des Mannes brennend interessieren würde. Maigret auch.

Interessant findet Maigret die Ergebnisse, die die Obduktion der inneren Organe ergibt. Abgesehen von dem fehlenden Blinddarm und den Narben, die den Schüssen eines Schrotgewehrs zuzuschreiben sind, gibt die Leber Aufschluss. Kein Säufer, aber jemand, der alle halbe Stunde ein Glas Wein trinkt – ein Wirt?

Drucken

fakten Fakten

Originaltitel:

Maigret et le corps sans tête

Entstehungsjahr:

1955 (Januar)

Erscheinungsjahr:

1955

Entstehungsort:

Lakeville

Verlag:

Presses de la Cité

cinema und tv Cinema & TV

The Simple Case
[Maigret und der Kopflose]
1961 - Großbritannien
ein Film von Gerard Glaister
produziert von Andrew Osborn
mit Rupert Davies [Maigret]

Maigret et le corps sans tête
[Der Rumpf ohne Kopf]
1974 - Frankreich
ein Film von Marcel Cravenne
mit Jean Richard [Maigret]

Maigret et le corps sans tête
[Die kopflose Leiche]
1992 - Frankreich
ein Film von Serge Leroy
mit Bruno Cremer [Maigret]

nicht so fernNicht so fern...

Kopflos beim Kopflosen

Ich hatte ja gerade beschrieben, was für eine »blöde« Arbeit die Zuordnung von Ausgaben zu den Covern ist. Manchmal bleibt einem dabei das Herz stehen und dann fragt man sich, ob man mit seiner Struktur wirklich gut unterwegs ist. Beispielsweise beim »Maigret und der Kopflose« von Kiepenheuer & Witsch.

verschlagwortet Verschlagwortet

 

Schaukasten

Erste Worte

Meinungen (0)

Biblio

Im Augenblick keine Ergebnisse.

Der Himmel begann gerade erst blau zu werden, als Jules, der ältere der beiden Brüder Naud, an Deck des Lastkahns erschien, zunächst sein Kopf, dann seine Schultern, dann sein großer, schlaksiger Körper. Er strich sich über sein flachsfarbenes Haar, das noch nicht gekämmt war, blickte zur Schleuse hinüber, links zum Quai de Jemmapes, rechts zum Quai de Valmy, und verweilte ein paar Minuten, um eine Zigarette zu drehen und sie in der Kühle des frühen Morgens zu rauchen, noch ehe in der kleine Bar an der Ecke der Rue de Récollets eine Lampe anging.

Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.

Was meinen Sie?

13 Ausgaben - erste Ausgabe: 1957 - letzte Ausgabe: 2009

Kein Cover vorhanden

[0000]

Maigret und der Kopflose
in »Maigret und die Gangster«
Europäischer Buchklub

Maigret und der Kopflose / Kiepenheuer & Witsch

1957

Maigret und der Kopflose
Kiepenheuer & Witsch (K13)
Übersetzung: Ernst Sander

Kein Cover vorhanden

1957

Das hat Maigret noch nie erlebt
in »Münchner Illustrierte«
Süddeutscher Verlag München (Frhjahr 1957)

Kein Cover vorhanden

1959

Maigret und der Kopflose
in »Maigret und die Gangster/Maigret und der Kopflose/Maigret und die Bohnenstange«
Büchergilde Gutenberg
Übersetzung: Ernst Sander

Kein Cover vorhanden

1960

Maigret und der Kopflose
in »Maigret und der Kopflose/Maigret und die Gangster«
Europäischer Buchklub

Kein Cover vorhanden

1962

Maigret und der Kopflose
in »Maigret und der Kopflose/Maigret auf Reisen«
Buchgemeinschaft Donauland

Kein Cover vorhanden

1963

Maigret und der Kopflose
in »Maigret und die Gangster/Maigret und der Kopflose/Maigret und sein Revolver«
Ex Libris

Kein Cover vorhanden

1966

Maigret und der Kopflose
Heyne (K13)
Übersetzung: Ernst Sander

Kein Cover vorhanden

1974

Maigret und die kopflose Leiche [gekürzt]
in »Weltberühmte Kriminalromane«
Das Beste

Kein Cover vorhanden

1980

Maigret und die kopflose Leiche
Diogenes (detebe 155/XVI)
Übersetzung: Wolfram Schäfer

Kein Cover vorhanden

1983

Maigret und die kopflose Leiche
Edito-Service
Übersetzung: Wolfram Schäfer

Kein Cover vorhanden

1991

Maigret und die kopflose Leiche
Diogenes (detebe 20715)
Übersetzung: Wolfram Schäfer

Maigret und die kopflose Leiche / Diogenes

2009

Maigret und die kopflose Leiche
Diogenes (detebe 23847 (MA 47))
Übersetzung: Wolfram Schäfer