Unterschrift

Seite 67


Der Titel soll immer einen Meilenstein darstellen. Bis hierhin bin ich schon gekommen. Es ist so, dass ich recht schnell lese, wenn mich ein Stoff interessiert. Bei diesem Buch ist es ein wenig anders: Es ist sehr interessant, keine Frage, aber ich kann es nicht einfach in einem Rutsch durchlesen. Auf jeder Seite konfrontiert Simenon einen mit interessanten oder skurrilen Details aus seinem Leben und Erleben. Das muss verarbeitet werden.

Nun war ich am Ende von Kapitel 5 angelangt und Simenon behandelt auf einer Seite seine Reisen durch die Welt. Ob der Norden Europas, Mittelamerika oder Australien – all das wird auf einer Seite kurz behandelt. Ein wenig verwunderlich, denn darüber schreiben Menschen Bücher von hunderten von Seiten.

Kapitel 6 beginnt dann mit einer, ich möchte es mal Litanei nennen, was Simenon alles besessen hat. Drei Details fielen mir ins Auge: Simenon hatte auch Katzen. Später hielt er neben Hühnern und Gänsen auch Puten – der Puter hatte den Spitznamen Maigret, weil er »ehrfurchtsgebietend einschritt, wenn sich ein Kampf zwischen zwei anderen Putern ankündigte«. Dann hielt er sich Wölfe, allerdings überlebte von den dreien, die sie aus der Türkei mitbrachten, nur einer und mit dem ging sie spazieren, wie mit einem Hund.

Der nackte Mensch

Vor nicht allzu langer Zeit beschäftigte ich mich mit einer Reportage von Simenon, in der es insbesondere um die kolonialen Gefilde Frankreichs und Belgiens in Afrika ging und die in diesen Gebieten lebenden Menschen, seien es nun die Einheimischen, seien es Zugewanderte der Kolonialmächte. Manches war wirklich schwierig zu lesen und zu akzeptieren. Fast fünfzig Jahre später schrieb Simenon:

Meine Vorliebe gilt, um ganz offen zu sein, dem Menschen mit schwarzer, glänzender Haut, den ich noch in seinem Stamm mitten im Busch oder im Urwald am Äquator treffen konnte und der zu jener Zeit fern von den Weißen lebte, ohne die Bedeutung des Wortes Geld zu kennen.

Er schildert nun, wie die Männer sich auf die Jagd machen und die Frauen im Dorf das Essen zubereiteten, um zu schließen:

Bei diesem Mann, bei diesen Frauen entdeckte ich eine menschliche Würde, der ich nirgendwo sonst begegnet bin.

Die Sympathie, die er diesen Menschen entgegenbringt, ist deutlich zu spüren. Es sind andere Töne als die, die er in seiner Reportage anschlug und es ist mehr Verständnis für diese Lebensweise herauszulesen. Ein in der Reportage manchmal überheblicher Ton ist hier gar nicht mehr zu finden. Simenon legt vielmehr den Finger auf die Wunde, wenn er schreibt, dass der »moderne Mensch« so schnell wieder da sein kann, wo der «nackte Mensch« vielleicht noch ist. Er macht es an kannibalischen Handlungen fest, die immer einmal wieder vorkommen – wo der ach so zivilisierte Mensch plötzlich wieder »wild« wird.

Diese Menschen würden nach dem Rhythmus der Natur leben, meint Simenon. Das war dann allerdings der Zeitpunkt, wo ich mir eingestehen musste, dass das schön und gut ist. Aber ich trotzdem dem Rhythmus der Natur durch das Einschalten der Heizung im Herbst und Winter gern trotze. Es hat halt alles seine Licht- und Schattenseiten.

Auf's Land

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Simenon lebte Mitte der dreißiger Jahre, wenn er nicht gerade unterwegs war, am Pariser Boulevard Richard Wallace. Zweifellos war das eine feine Adresse, die Seine und einen Park vor der Türe – da ließ es sich gut aushalten. Allerdings zog es Simenon aus der Stadt und so machte er sich mit Tigy auf eine Endeckungstour, wo man denn hinziehen könne. Die Suche führte die Simenons von Delfzijl über die Küste Belgiens, durch die Normandie und Bretagne bis in die Vendée – erst dort sollte Simenon das finden, wonach es ihn sehnte.

Tränen rannen mir die Wangen herunter, und die Brust presste sich mir zusammen.

Da haben wir die Quelle für zahllose Geschichten von Simenon. Die Namen Nieul(-sur-Mer) und Marsilly, sind jedem Simenon-Freund bekannt, obwohl es damals kleine Städtchen gewesen waren, die es auch heute nur auf zusammen 8000 Einwohner bringen. In der Simenon-Welt aber haben sie den gleichen Stellenwert wie das nicht weit entfernte La Rochelle.

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La Richardière war nicht zu haben, der Besitzer weigerte sich zu verkaufen. Simenon tat es in der Seele weh, zu sehen, dass das Anwesen immer weiter verfiel. Mit Hilfe eines Arztes suchten die Simenons in der Nähe von Nieul ein Haus. Die nächsten Monate war Simenon damit beschäftigt, das Haus zu renovieren. Vormittags schrieb er kleine Geschichten, die ihn nicht allzu sehr beschäftigten – wir behalten das mal im Hinterkopf, wenn wir die Erzählungen aus den Jahren 37/38 lesen – und nachmittags stürzte er sich in die körperliche Arbeit.

Die Schilderungen in diesem Kapitel sind die Overtüre für das Ankommen von Marc.

Ärger aus Berlin

Simenon schreibt in seinem Text, dass er zu der Zeit weder Zeitung las noch viel Radio hörte. So erklärt er, warum das Hitlersche Säbelgerassel aus Berlin ein wenig an ihm vorbei ging. Hitler war damit beschäftigt, sich das Sudetenland einzuverleiben. Er hätte es sich auf kriegerische Art und Weise geholt, was Simenon veranlasste, seine Sachen zu packen und in Richtung Belgien zu düsen, aber England und Frankreich setzten auf Diplomatie. So kam es zur Münchner Konferenz, bei der Hitler gegeben wurde, was er haben wollte. Der Gebende, auch eine interessante Variante von Verhandlungsführung, saß nicht mit am Tisch.

An der Grenze angekommen, musste Simenon warten. Seiner Erzählung nach, verschwand der Beamte mit seinen Papieren und kam eine Ewigkeit nicht wieder. Dann erschien er jubelnd wieder und verkündete der Krieg wäre abgewendet worden. Im Nachhinein ist man immer klüger, denn wir wissen, dass Hitler seine Vorspeise hatte und der Krieg nur verschoben worden war.

Tigy war schwanger und Marc wuchs und gedieh prächtig. Die werdende Mutter hielt es nicht davon, weiter im Garten zu wirtschaften. Simenon beobachtete das wohl mit einer gewissen Sorge, denn er notierte, dass er schon 35 gewesen sei und Tigy 38 – eine späte Erstgebährende wie man damals sagte, heute würde man vermutlich versuchen, das Wort Risiko noch irgendwo mit unterzubringen.

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Dass die Geburt nicht so ganz ohne sein würde, war den Simenons schon klar. Deshalb suchten sie einen fähigen Arzt, der sie bei der Geburt unterstützen könnte. Geburten im Krankenhaus waren zur damaligen Zeit nicht üblich und wurden nur Bedürftigen zugestanden. Weshalb sie sich beraten ließen und schließlich eine Klinik im Elsaß fanden, in dem Tigy zur Welt bringen konnte. Die Ankunft würde fürstlich werden, denn die Klinik befand sich auf einem Schloss in Scharachbergheim, in der Nähe von Straßburg.

D.M.C.

Urplötzlich muss Simenon etwas anderes eingefallen sein, denn er berichtet nun über seine zweite Ehefrau – Denyse – und ihr Buch. Marie-Jo hatte nach dem Lesen das Gefühl, sie wäre ein unerwünschtes Kind gewesen. Simenon sagt klipp und klar, dass sie sehnlichst erwünscht war. Schränkt aber ein, dass er nicht wüsste, ob das für Denyse auch gegolten habe. Die Anekdote, dass Marie-Jo wie eine Kanonenkugel auf die Welt gekommen wäre, würde aber stimmen.

In dem Buch spricht Simenon von seiner ersten Ehefrau immer als Tigy. Die zweite Ehefrau wird nur als D. abgekürzt, und den Rest muss man sich halt denken.

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Ein kryptischer Satz, von dem ich mir gewünscht hätte, dass er in den Anmerkungen erklärt wird, war:

Diese Bitterkeit von Marie-Jo, die nicht ohne Gewicht auf ihre Entscheidung zu sterben war, erinnert mich an die über 20 D.M.C.-Alben, die die verschiedenen Stickereien aller Länder in Farbe reproduzieren.

Nun bin ich ein Kind der 70er Jahre, kulturell geprägt von den End-Siebzigern bis in die Mitte der achtziger Jahre. Wenn mir jemand mit der Kombination von Alben und D.M.C. kommt, dann denke ich erst einmal an Musik und Hip-Hop, egal ob ich es damals hörte oder nicht. Was ich mir allerdings nicht so recht vorstellen konnte, warum eine Hip-Hop-Band seine Alben mit Stickereien schmücken sollte. Zeitlich passte es auch nicht.

Aber dank des Internets habe ich herausgefunden, dass es sich um eine Reihe über Stickereien handelt (mit Anleitungen). Ein Ausschnitt aus einem Cover sieht man auf der rechten Seite in diesem Abschnitt.

Anders als man denkt

Marc sollte jedoch nicht fürstlich geboren werden. Simenon bekommt die dringende Empfehlung das Gebiet zu verlassen, da eine Generalmobilmachung bevorstehen würde. Gerade er mit seiner schwangeren Frau sollten das Gebiet schleunigst verlassen. Ihm wird die Empfehlung gegeben, nach Belgien zu gehen, da er dort auf neutralem Gebiet wäre. Simenon hatte aber noch gut in Erinnerung, dass das schon 1914 nicht geholfen hatte und er dann mit seinen Eltern im Keller des Hauses saßen, während die Deutschen kamen.

Die Empfehlung lautete aber nach Brüssel zu gehen, um dort die Entbindung vorzunehmen. Dort würde sich auch eine vorzügliche Klinik befinden, die auf dem Fachgebiet tätig Geburtshilfe wäre. Damit wäre der erste Simenon-Nachkömmling wieder ein waschechter Belgier.