Das Wirtshaus zu den Ertrunkenen

Achtung – Spoiler! In den Bewertungen kann verraten werden, was und warum etwas passiert! Lesen Sie bitte auch die Informationen zum Bewertungssystem. Die vorgenommene Bewertung kann sich von der subjektiven Meinungs auf maigret.de unterscheiden. Und auch wenn ein Score Wissenschaftlichkeit suggeriert, handelt es sich wiederum nur um eine Meinung.

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ℹ️ Wie funktioniert das Bewertungssystem?

Das Grundprinzip (V4.0)

Die Bewertungen werden durch ein KI-System erstellt, das mit einer skeptischen Grundhaltung arbeitet: Jedes Werk gilt als unterdurchschnittlich (Startwert 4.5), bis das Gegenteil bewiesen ist. Da Simenon etwa 350 Werke verfasst hat – die meisten davon Routinearbeit – muss jeder Punkt über 5.0 mit einem expliziten Beweis und Zitat belegt werden.

Forced Ranking mit Anker-Werken

Vor der Detailanalyse wird jedes Werk mit Referenz-Werken verglichen:

  • Pietr-le-Letton (5.0) – Frühwerk, handwerklich unausgereift, literarisch Durchschnitt
  • Liberty Bar (5.5) – Routinearbeit, funktioniert, nichts Besonderes
  • Le chien jaune (6.2) – Solider Maigret, gute Atmosphäre, aber Schema erkennbar
  • Les anneaux de Bicêtre (8.0) – Innovative Erzähltechnik, tiefe Charakterstudie
  • La neige était sale (8.5) – Psychologische Meisterleistung, sprachlich herausragend

Dieser Vergleich definiert einen Score-Korridor, den die Detailbewertung nur mit sehr guter Begründung verlassen darf.

Die sechs Bewertungsdimensionen

Alle Dimensionen starten bei 4.5 (Routinearbeit), außer Lesbarkeit (5.0, da Simenon immer lesbar ist):

  1. Sprachliche Gestaltung – Startwert 4.5 = Simenons funktionaler Routine-Stil. Höhere Werte erfordern bemerkenswerte Formulierungen.
  2. Strukturelle Kohärenz – Startwert 4.5 = der Plot funktioniert. Für 6.0+ braucht es überraschende Wendungen.
  3. Psychologische Tiefe – Startwert 4.5 = Figuren sind Typen. Für höhere Werte müssen Figuren überraschen oder echte Konflikte zeigen.
  4. Thematische Substanz – Simenon-Standardthemen (Einsamkeit, Entfremdung, Identität) geben keinen Bonus. Für 6.0+ braucht es originelle Blickwinkel.
  5. Realismus – Startwert 4.5 = funktionales Milieu. Höhere Werte erfordern spezifische, unverzichtbare Authentizität.
  6. Lesbarkeit – Startwert 5.0 = Simenon-Standard. "Flüssig" ist kein Lob! Für 6.0+ braucht es echten Lesesog.

Gattungsspezifische Obergrenzen

Dimension Roman Novelle Kurzerzählung
Struktur max. 10 max. 8 max. 7
Psychologische Tiefe max. 10 max. 8 max. 7
Realismus max. 10 max. 9 max. 8

Stärken und Schwächen (V4.0)

Stärken sind selten – sie müssen über die Dimensionswerte hinausgehen und mit Zitat belegt sein:

  • Herausragend (+0.5) – Bleibt im Gedächtnis, zitierwürdig
  • Bemerkenswert (+0.3) – Fällt positiv auf, über Erwartung
  • Maximal 3 Stärken fließen in die Score-Berechnung ein

Schwächen sind Pflicht – die Anzahl hängt vom Score ab:

  • Score unter 5.5 → mind. 3 Schwächen, davon 1 schwer
  • Score 5.5–6.5 → mind. 2 Schwächen, davon 1 moderat
  • Score 6.5–7.5 → mind. 2 Schwächen
  • Score über 7.5 → mind. 1 Schwäche

Gewichtung: Leicht (-0.2), Moderat (-0.4), Schwer (-0.6), Gravierend (-0.8)

Die KI-Kritiker-Urteile (V14.3)

Bis zu acht KI-Kritiker-Perspektiven ergänzen die Bewertung. Der Marcel ist immer dabei, die anderen können je nach Werk hinzugewählt werden:

Profis:

  • Der Marcel – Schonungslos, hohe Maßstäbe, pointiert. Mag normalerweise keine Krimis und muss auch bei guten Werken kritisieren. (Pflicht)
  • Der Hellmuth – Der elegante Feuilletonist: wohlwollend, unterhaltungsorientiert, aber nicht unkritisch.
  • Die Elke – Die leidenschaftliche Leserin: warmherzig, direkt, volksnah.
  • Der Denis – Der Entertainment-Kritiker: ironisch, provokant, unterhaltsam.

Laien & Spezialisten:

  • Der Martin – Der Bahnfahrer: Pendler, Bierfreund, Romantiker im Herzen. Bewertet nach Unterhaltungswert.
  • Die Derya – Die Juristin: faktentreu, nüchtern, mit trockenem Humor. Achtet auf logische Konsistenz.
  • Der Harald – Der Akademiker: kanonbewusst, vergleichend, anspruchsvoll. Vergleicht mit Weltliteratur.
  • Die Gisela – Die Spöttin: elegant, bissig, mit tödlicher Pointe. Vernichtet mit Stil.

Qualitätssicherung

Das System enthält mehrere Kontrollmechanismen:

  • Der finale Score muss im Forced-Ranking-Korridor liegen (oder Abweichung begründen)
  • Die Schwächen-Anzahl muss zum Score passen
  • Eine Plausibilitätsprüfung gleicht den Score mit der Werkphase ab

Was bedeuten die Scores?

Score Bedeutung Häufigkeit
3.5–5.0 Unterdurchschnittlich ca. 40%
5.0–6.0 Durchschnitt ca. 35%
6.0–7.0 Überdurchschnittlich ca. 18%
7.0–8.0 Gut bis sehr gut ca. 6%
8.0+ Herausragend ca. 1%

Werkphasen-Erwartungen

Phase Typischer Score-Bereich
Frühwerk (bis 1935) 4.5–6.5
Mittlere Phase (1936–1950) 5.0–7.5
Reifewerk (ab 1951) 5.5–8.5

Historische Einordnung

Jede Bewertung dokumentiert auch problematische Aspekte nach heutigen Maßstäben (rassistische Stereotype, koloniale Perspektiven, Frauendarstellung) – nicht um abzuwerten, sondern um Kontext für heutige Leser zu bieten.

Literarischer Score (Final)

5.2

von 10 Punkten

📊 Score-Berechnung

Dimensionen-Durchschnitt (6 Dimensionen): 5.67/10

Stärken-Bonus:

✧ Stärke 1 (bemerkenswert): +0.3
Gesamt-Bonus (max. 3 Stärken): +0.3

Schwächen-Abzüge:

● Schwäche 1 [B: Figuren] (moderat): -0.4
● Schwäche 2 [E: Thematik] (moderat): -0.4
Gesamt-Abzug (max. 5 Schwächen): -0.8
Literarischer Score (Final): 5.2/10

✦ Stärken (1 gefunden)

Stärke 1 (bemerkenswert): Clevere Plotkonstruktion mit der Rekonstruktion als Entlarvungsmethode

"Die nächtliche Fahrt mit Lecoin, bei der Maigret dessen Lügen durch praktische Demonstration widerlegt, ist originell und spannend inszeniert."

⚠️ Schwächen (2 gefunden)

Schwäche 1 [B: Figuren] (moderat)

Vorhersehbare Charaktertypen

"Vertbois als zynischer Emporkömmling, Viviane als naives Mädchen aus gutem Hause - die Figuren folgen bekannten Mustern ohne Überraschungen."

Schwäche 2 [E: Thematik] (moderat)

Thematische Oberflächlichkeit

"Die Klassengegensätze und Geldgier werden zwar angesprochen, aber nicht vertieft oder originell beleuchtet."

📈 Qualitätsbewertung (Einzeldimensionen)

Sprachliche Gestaltung 5.0/10

Simenons bewährter Funktionalstil ohne besondere Höhen oder Tiefen. Die Prosa ist sauber und zweckmäßig, aber schmucklos. Gelegentlich gelingen atmosphärische Beschreibungen der regnerischen Herbstlandschaft, doch insgesamt bleibt die Sprache reine Handwerksarbeit ohne eigenständigen Ton.

"Der Herbst zeigte sich in diesen Tagen von seiner schlechtesten Seite. Seit zwei Wochen lebte man inmitten von Regen und Nebel, während der Loing, in dem das Wasser stark gestiegen war, auf seinen schlammigen Fluten dicke Baumäste mit sich führte."

Strukturelle Kohärenz 6.0/10

Geschickt konstruierter Plot mit überraschender Wendung: Der vermeintliche Verkehrsunfall entpuppt sich als inszenierter Selbstmord zur Vertuschung eines Mordes. Die Rekonstruktion mit dem Lastwagen ist ein cleverer Kunstgriff. Das Pacing stimmt, keine Längen. Die Auflösung ist logisch, wenn auch nicht völlig überraschend.

"Und dennoch hatte der Lastwagen in mehr als drei Meter Entfernung von dem grauen Auto gehalten!"

Psychologische Tiefe 5.5/10

Vertbois ist als zynischer Emporkömmling typisiert, aber glaubwürdig gezeichnet. Viviane bleibt blass - das verliebte, naive Mädchen aus gutem Hause. Maigret zeigt seine gewohnte Menschenkenntnis, aber ohne besondere Tiefe. Die Nebenfiguren (Lecoin, Notar La Pommeraye) sind funktional, aber nicht eindimensional.

"Der Prototyp des kleinen, zynischen Emporkömmlings, in seinen Worten wie in seiner ganzen Haltung."

Thematische Substanz 5.5/10

Standardthemen: Geldgier, Klassengegensätze, naive Liebe trifft auf Kalkül. Die Kritik an kleinbürgerlichen Aufstiegsträumen ist erkennbar, aber nicht vertieft. Das Motiv des vorgetäuschten Selbstmords ist interessant, wird aber nicht thematisch ausgeschöpft.

"Als Jean Vertbois sah, daß seine Heiratspläne fehlgeschlagen waren und das Geld der Familie La Pommeraye ihm entging, auch wenn er mit Viviane flüchtete, ließ er seine nicht mehr ganz junge Geliebte, die er schon lange kannte, dafür büßen."

Realismus 6.0/10

Überzeugendes Milieu der Landstraßengaststätte und der Fernfahrer. Die Atmosphäre des regnerischen Herbstes ist stimmig eingefangen. Authentische Details der Polizeiarbeit und des Journalistenzirkus. Die sozialen Verhältnisse sind glaubwürdig dargestellt.

"Es war die typische Küche des kleinen Handwerkers: mit dem geschnitzten Eichenholzbüffet, einem karierten Wachstuch auf dem Tisch und scheußlichen rosa und lila Vasen, die man auf dem Jahrmarkt gewonnen hatte."

Lesbarkeit 6.0/10

Deutlich über Simenons Standard. Die Geschichte entwickelt echten Sog, besonders in der zweiten Hälfte. Die Rekonstruktionsszene ist spannend inszeniert. Keine Längen, flüssiges Tempo. Die Neugier auf die Auflösung wird geschickt aufrechterhalten.

"»Und dabei haben wir noch miteinander geredet.« »Ja, und?« »Gestern warst du allein. Deine Aufmerksamkeit war also durch nichts abgelenkt.«"

🏆 Einordnung

📊 Qualitäts-Perzentil: ○ Untere Mitte (Durchschnitt)

📚 Referenzwerk: Liberty Bar

🏷️ Kontextuelle Merkmale

⚡ Spannungsprofil

hoch

🎭 Tonalität

ernst

💋 Erotischer Gehalt

angedeutet

⚔️ Gewalt

moderat

🏛️ Milieu

Landstraßengaststätte, Fernfahrermilieu, kleinbürgerliche Verhältnisse

⚠️ Historische Einordnung

👥 Frauendarstellung: problematisch

⚠️ Klassistische Darstellungen

📜 Kontexthinweis:

Das Werk zeigt typische Vorstellungen der 1930er Jahre über Klassengrenzen und weibliche Naivität. Die Darstellung der Unterschicht (Vertbois) als moralisch minderwertig und die Reduktion der weiblichen Figuren auf Opferrollen entsprechen den Konventionen der Zeit, wirken heute aber stereotyp.

📝 Zusammenfassung

Solider Maigret-Krimi mit cleverer Plotkonstruktion um einen vorgetäuschten Doppelselbstmord. Die Rekonstruktionsmethode ist originell, die Charakterzeichnung aber konventionell. Handwerklich sauber, literarisch unambitioniert - typische Routinearbeit der mittleren Schaffensperiode.

💬 Die KI-Kritiker urteilen

👎

Der Marcel

Der strenge Kritiker - scharf, direkt, polarisierend

"Langweilig! Ein Krimi wie hundert andere - nur dass ihn Simenon geschrieben hat. Die Rekonstruktionsmethode originell? Quatsch! Das sind Tricks für Rätselfreunde. Literatur entsteht nicht durch clevere Plots, sondern durch Wahrheit über den Menschen."

👋

Die Elke

Die leidenschaftliche Leserin - warmherzig, direkt, volksnah

"Die arme Viviane! So verliebt und dann so betrogen. Das hat mich wirklich mitgenommen. Und diese düstere Herbststimmung - da friert man richtig mit. Marcel hat ja recht, dass es keine große Literatur ist, aber es packt einen schon. Nur das Ende ist mir zu abrupt - was wird denn nun aus dem Mädchen?"