Der Schwager

Wenn das Leben unter dem eigenen Dach unerträglich wird, warum sucht man sich nicht ein neues Zuhause? Die Frage wird von Simenon in diesem Roman nicht beantwortet, denn er schildert den Fall, wie es ist, wenn man bis zum letzten Augenblick in einer unerträglichen Situation aushält. Die Konstellation ist auf jeden Fall unglücklich zu nennen, denn in diesem Haus wohnen Betrüger und Betrogene zusammen und das Thema »Verzeihen und Vergeben« steht nicht auf der Tagesordnung.

Über die Story


Die ganze Familie unter einem Dach, ein Bild, welches Simenon in seinen Roman hin und wieder beschreibt, scheint mir nicht erstrebenswert. Viele Kleinigkeiten verkomplizieren das alltägliche Miteinander und die Glücksmomente, die heute heraufbeschworen werden, scheinen mir nur die selige Erinnerung an die gute alte Zeit zu sein. Früher war halt alles besser, wie uns die Schweizerin neulich im Zug deutlich machte, vergessen, dass sie mit ihrem Gepäck sicher nicht so bequem in die Züge einsteigen konnte und dass die Zugfahrten viel, viel länger brauchten, die Bahnhöfe auch nicht ein Ausbund an Sauberkeit und Gemütlichkeit waren. Vielmehr noch als die Schweizerin, spielt mir aber der Roman von Simenon bei meiner Argumentation in die Hände. Das was sich im Hause Lacroix abspielte, war nicht erstrebenswert und dabei lebte man in diesem Hause noch nicht einmal in beängstigender Enge, wie sie zum Beispiel in »Der kleine Heilige« beschrieben wurde.

Eines ist schon sehr bezeichnend: wenn man heiratet, nimmt die Frau den Namen des Mannes an (so war es zumindest zu der damaligen Zeit) und aus einem Hause Lacroix würde ein Haus Vernes werden, wenn der Mann dazu zieht. Bei der Familie Vernes war es nicht so. Schuld daran dürfte ein Vorfall kurz nach der Eheschließung gewesen sein, bei der Mathilde Lacroix Zeuge wurde, wie ihr Ehemann mit ihrer Schwester Poldine im eigenen Haus fremd ging. Seit dem Tag redeten die beiden kein Wort mehr miteinander, wenn sie allein waren. In Gegenwart Fremder wurden nur die notwendigsten Worte gewechselt, der schöne Schein spielt immer eine Rolle (daran hat sich mit der Zeit nichts geändert). Verkompliziert wurde die Angelegenheit durch die Tatsache, dass Poldine immer noch im gleichen Haus wohnte. Der Zwischenfall von damals spielte auch nach Jahrzehnten eine große Rolle, vergiftete die Atmosphäre, ohne das jemand direkt auf den Zwischenfall anspielen würde. Wie heißt es heute so schön: ist ja wegen der Kinder. In der Tat, die Kinder wussten nicht, warum eine solch ekelhafte Spannung in dem Haushalt herrschte.

Jacques, der Sohn von Mathilde Lacroix und Emmanuel Vernes, hatte den Entschluss gefasst, das Haus in der Nacht zu verlassen und mit seiner Geliebten zu flüchten. Er sah darin den einzigen Ausweg. Er offenbart sich seiner Schwester, die ihn anfleht zu bleiben. Was solle aus ihr, Geneviève, werden, wenn ihr einziger Rückhalt im Haus verschwinden würde. Unmittelbar danach passiert Zweierlei: Jacques vergisst sich in der großen Familienrunde und beschwört einen Eklat herauf, als er darauf hinweist, dass er die ewigen Nadelstiche, die er nicht nachvollziehen könne, nicht mehr ertragen könne. Zum anderen bricht Geneviève zusammen und kann nicht mehr laufen. Diese beiden Punkte scheinen die Initialzündung zu sein, für die darauf folgenden Ereignissen. Die Grausamkeiten untereinander nehmen kein Ende.

Der Vater ergreift eines Abends das Wort und Geneviève beschließt, zu sterben.

Ich gebe es zu: ich bin konfliktscheu und harmoniebedürftig. Wenn es eine Stimmung gibt, die mir vergiftet ist, dann graut es mir schon. Simenon hat dem Roman ein Satz vorangestellt: »Jede Familie hat ihre Leiche im Keller.« Besser kann es nicht ausgedrückt werden. Bei der einen Familie wird der Keller durch die ganzen Leichen belegt, bei anderen ist es eine dicke, fette Leiche, die viel Platz wegnimmt, und bei anderen ist es einfach nur die Zeit, welche die Beziehung zu einer Leiche gemacht hat. Damals blieb man zusammen, weil es sich nicht schickte und die Reputation der Familie schädigen konnte, heute bleiben manche aus reiner Bequemlichkeit zusammen, und geben als Begründung an, man hätte sich aneinander gewöhnt. Mehr als ein Aha fällt mir dazu allerdings nicht ein. Immerhin scheint mir das Zusammensein aus Gewohnheit nicht von der Qualität zu sein, wie das, was Emmanuel Vernes durchmachen musste. Seine Frau wollte sich nicht scheiden lassen, das mag sein, aber was hinderte ihn daran, das Haus einfach so zu verlassen? Warum nicht woanders ein neues Leben beginnen? Frankreich ist groß und er hätte sein Glück auch anderswo suchen können. Denn eines war gewiss: im Hause Lacroix würde er es nie wieder finden.

Es ist schwer eine Bewertung zu finden. Kategorien wie schön oder nicht schön ziehen einfach nicht. Ein wichtiges Kriterium kann der Realismus sein, mit dem die Geschichte erzählt wird. Wenn man von dem Motiv »Geneviève beschließt zu sterben« (Jahrzehnte vor Veronica) absieht, sind die Ereignisse in dem Haus sehr realistisch geschildert. Liest man, leidet man mit. Eine größere Kunst kann es nicht geben? Da spielt es letztlich keine Rolle, ob ich die Handlung der einzelnen Personen nachvollziehen kann. In einem Krimi rufe auch nicht im Geiste dem Täter zu, tue es nicht, es ist verboten…

Deutschsprachige Ausgaben

Eine Ausgabe

1993

Der Schwager
Diogenes (detebe 22556)
Übersetzung: Renate Heimbucher

Cinema & TV

Für dieses Werk liegen keine Informationen über Verfilmungen vor.

Hörspiele & -bücher

Für dieses Werk liegen keine Informationen über Hörspiel- oder -buch-Bearbeitungen vor.