Mein Frieden

»Kommissar Maigret: Sein Toter«


Von der Idee des Mister Rowan Atkinson, den Maigret zu geben, war ich überhaupt nicht begeistert. Es hörte sich für mich nach einem Scherz an, allerdings nicht nach einem guten. Man möge mich nicht falsch verstehen: Nach Jahren habe ich mir im November die alten Mr. Bean-Folgen angeschaut und meine Begeisterung dafür ist nicht kleiner geworden.

Gut kann ich mich auch an einige Filme erinnern, die ich wirklich gut fand, abgesehen von den Mr. Bean-Filmen (in der Länge brachte das dann doch nichts für mich). Hinreißend fand ich auch die Folgen der Blackadder-Serie, die Atkinson bei einer Umfrage zu den besten britischen Comedy-Serien den zweiten Platz einbrachten.

Dann kam er mit der Maigret-Idee um die Ecke und begann auch gleich mit einem Klassiker unter den Maigrets – »Kommissar Maigret: Die Falle«. Puh. Ich habe ihn mir dann im Februar angeschaut und nicht schlecht gestaunt. Ich habe das mal mitgetwittert und der Höhepunkt war wohl meine Feststellung:

Also eigentlich finde ich den Maigret sogar ziemlich gut. Rowan Atkinson muss vielleicht so aussehen.

Insofern war ich jetzt beim Anschauen des zweiten Maigrets gar nicht mehr so voreingenommen. Jetzt? Richtig gehört. Nach zehn Monaten habe ich es geschafft, mir mit »Kommissar Maigret: Ein toter Mann« den zweiten Maigret anzuschauen. Nicht gerade eine stolze Leistung, aber die beiden nächsten Maigrets werde ich mir ein wenig zügiger anschauen. Versprochen.

Ich habe mal eine ganz subjektive Liste erstellt, in der ich meine fünf besten Maigrets nenne. Die Liste existiert schon eine Ewigkeit und dass sich Rowan Atkinson nun zwei von denen genommen hat und als erstes verfilmt hat, lässt zwei mögliche Schlüsse zu: Entweder hat er den gleichen guten Geschmack wie ich oder den gleichen miserablen. Oder zumindest derjenige, der die Stoffe ausgesucht hat.

Allerdings heißt das auch, dass ich bei der Verfilmung von einem Lieblingsstoff sehr kritisch herangehe und ich habe die Stirn gerunzelt, als ich sehen musste, dass ein Kommissar – und es war nicht Maigret – in der Provinz rumstampft und einen Mehrfachmord untersucht.

Dann kommt Maigret ins Spiel, der einen Anruf von einem unbekannten Mann bekommt, der erklärt, der würde verfolgt werden und befürchte, umgebracht zu werden. Maigret würde ihn nicht kennen, aber die Frau des Verfolgten würde Nine heißen und den Kommissar kennen. Dann hängt er auf und Maigret kann sich den Kopf darüber zerbrechen, wer denn nun Nine ist. Die Geschichte nimmt ihren Gang.

Es gibt bei Kriminalgeschichten zwei Herangehensweisen. Im Falle der Maigrets ist es so, dass die Polizei zu einem Tatort (im weitesten Sinne) gerufen wird, diesen untersucht und mit der Täter-Ermittlung beginnt. Ganz am Ende bekommt der Leser einen Mörder präsentiert, meistens mit einem Motiv. So funktionieren die meisten Kriminalgeschichten ganz gut. Die zweite Variante besteht darin, dass der Leser eingeweiht wird, wer der Täter ist oder zumindest den Täter schon einmal kennenlernt und dann verfolgt, wie gut und geschickt oder dumm und dämlich sich die Ermittler anstellen, um den Täter zu ermitteln.

Für diese Verfilmung hat man die Geschichte auf die Variante Nummer 2 umgemodelt und auch sonst einiges in eine andere Reihenfolge gebracht: Wir lernen die Bande recht schnell kennen und seine Versuche, sich zu verstecken. Die Ermittlungen von Colombani werden schon zu Anfang mit den Ermittlungen von Maigret vermischt. Comeliau (der übrigens genauso unsympathisch von Aidan McArdle im Film gespielt wird, wie er in den Büchern geschildert wird) hatte angeordnet, dass Maigret den Fall seines Toten aufgeben solle und sich mit Colmbani um die Morde in der Picardie kümmert. Maigret kümmert das nicht und er ermittelt weiter. Nach und nach werden die Bandenmitglieder zur Strecke gebracht – allerdings meistens durch Ihresgleichen. Die Freunde von Albert Rochain kommen relativ früh ins Spiel, in der Vorlage tauchen sie auch später auf.

Die Unterschiede zum Buch sind recht klein: Statt der Frau eines Inspektors ist es Madame Maigret, die das das Restaurant des Toten übernimmt. Für die Rolle der Maria hat sich auch nicht die wilde Schönheit gefunden, wie sie Simenon in seinem Buch beschreibt, aber Anamaria Marinca nimmt man die Furie, die die Mörderin sein kann, schon ab.

Leichte Kritik hat jedoch die Szene verdient, in der Maigret dem inhaftierten Hauptverdächtigen Dacourt gegenübertritt. Er sagt zu Dacourt, dass er nichts anderes sei als ein Tier in einem Käfig, dass nichts anderes zu erwarten hätte, als seine Hinrichtung. Das ist so gar nicht das, was ein Maigret sagen würde. Verstehen, nicht urteilen lautet doch seine Devise. Oder habe ich etwas verpasst?

Nichtsdestotrotz habe ich mit Rowan Atkinson als Maigret meinen Frieden gemacht. Vielleicht hat man als Schauspieler das gleiche Problem wie Musiker, denen auch gern attestiert wird, dass sie sich weiter entwickelt haben oder halt auch nicht. Wie auch immer das ausgeht, haben sie sich weiter entwickelt und machen etwas Neues, wird ihnen das von den alten Fans auch gern vorgehalten. Nur wenige Superstars durften oder dürfen sich erlauben, sich ständig neu zu erfinden.

Dankbar habe ich zur Kenntnis genommen, dass sich die Verfilmung eng an die Vorlage orientiert. Die Abweichungen wurden erkennbar gemacht, um sich den Sehgewohnheiten der heutigen »Kundschaft« anzupassen. Maigret hat eine solche moderne Fassung, die trotzdem das Flair der damaligen Zeit pflegt, verdient.

Dann schauen wir mal, was uns Weihnachten bringt.