Bahnhof (Symbolbild) Bahnhof (Symbolbild)

Geschmacksfrage


Da habe ich gerade eine halbe Stunde damit zugebracht, herauszubekommen, warum in der deutschen Übersetzung von »Weihnachten bei den Maigrets« Torrence gegenüber Maigret behauptet, dass die junge Dame »sich zur Rue de Maubeuge in die Nähe der Gare du Nord« hat fahren lassen. Beim Lesen dachte ich immer: »Warum denn ›Nähe der Gare du Nord‹?« Das hört sich für mich weder schön noch richtig an.

Gewohnheit ist immer der erste Aspekt. Also schaut man in alten Auflagen nach und siehe da, zumindest in den Diogenes-Ausgaben wird standhaft an »Nähe der Gare du Nord« festgehalten.

Die weniger hilfreich Antwort aus dem Internet auf diese Frage war die gewesen, die behauptete, dafür wäre der Duden zuständig. Da hätte die Redaktion wirklich viel zu tun, wenn sie sich für wenig gebräuchliche fremde Wörter aus anderen Sprachen jetzt auch noch die Artikel ausdenken müsste und – das ist ja auch eine Aufgabe – das Ganze noch dokumentieren. Also das kann keine Antwort sein.

Aber dann fand ich ein kleines Regelwerk: Das erste Entscheidungskriterium kann sein, dass man sich nach dem Geschlecht der deutschen Entsprechung richtet. Damit wäre das Unwohlsein zu erklären, was mich überkam, denn ich übersetzte Gare automatisch mit Bahnhof und damit als »in die Nähe des Gare du Nord«. So, wie ich es im Deutschen auch machen würde. (Mich befielen kurz Zweifel, ob ich es schon immer falsch gesagt habe, aber nein – das mit »in der Nähe des Bahnhofs« geht im Deutschen schon in Ordnung.)

Des Weiteren könnte man sich an Ähnlichkeiten grammatischer Formen orientieren, zum Beispiel Wortendungen. Im Deutschen enden weibliche Substantive gern auf »-e«. Damit bekäme »gare« mit der entsprechenden Endung einen weiblichen Artikel.

Ein drittes Kriterium könnte sein, dass man sich nach dem Geschlecht – soweit vorhanden – in der Ausgangssprache richtet. Auch damit würde der französische Bahnhof »la gare« im Deutschen einen weiblichen Artikel bekommen.

Nun bin ich zwar wieder ein bisschen klüger, allerdings nicht glücklicher mit dem Umstand: Auch mit dem Wissen, wie es zustande gekommen sein mag, hört es sich für mich nicht besser an.