Der Vierte

Er ist während der Ermittlungen griesgrämig, hält sich lieber im Montmartre als bei der besseren Gesellschaft auf und ist recht ungehalten, als ihm seine Pfeife zerstört wird. Zählt man dann noch hinzu, dass ein Inspektor Torrence assistiert, der bekannte Untersuchungsrichter Coméliau erwähnt wird, es eine Madame Maigret gibt und der Kommissar, von dem die Rede ist, auch noch am Boulevard Richard-Lenoir wohnt – ja, dann ist es wohl ein Maigret. Ein Richtiger.

Obwohl...

Hat man schon ein paar Maigrets gelesen, dann fällt einem auf, dass Simenon noch ein wenig experimentiert. Ja, der Kommissar ist dick – wohl zu dick; er hat so seine Mühen, einen jungen Mann zu verfolgen. Aber gleichzeitig ist er kampferprobt und es heißt, seine Fäuste wären Keulen. So hat Simenon in späteren Jahren nicht mehr seinen Maigret beschrieben. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass er später »Na prima!« gesagt hätte. Hier tut er es noch…

Ein weiterer interessanter Aspekt ist – das hat dieser Roman aber mit den darauf folgenden Maigrets gemein –, dass der Kommissar kein Mensch ist, der im Team agiert oder ein Team leitet. Im Laufe der Ermittlung versorgt er Torrence mit ein paar Aufträgen. Das Delegieren aber, was in späteren Geschichten gang und gäbe ist, in denen Maigret meist einen »Lieblings-Inspektor« für die Untersuchung hat, die anderen aber eine ganze Reihe von Aufgaben zu erledigen haben, das findet man in den ersten Maigret-Romanen nicht. Maigret ist noch ganz der Einzelkämpfer und weniger der Typ, den man »Chef« ruft.

Ein weiteren Punkt fand ich recht überraschend: Ich hatte an zwei oder drei Stellen das Gefühl, »Hah, gefasst! Fall erledigt.« und Maigret machte weiter, weil für ihn der Fall noch nicht erledigt war – da hatte er mich. Vielleicht, weil ich es nicht gewohnt wahr. Mir ist fremd, dass der Kommissar Beobachtungen macht, die wichtiger Natur sind, und der Erzähler der Geschichte sie dem geneigten Leser nicht mitteilt. So wird hier erst im Epilog die Auflösung verraten, während der Nachspann später häufig eine Aufbereitung ist, wie es mit den Handelnden weitergeht (geht ins Gefängnis; sieht seiner Hinrichtung entgegen; lebt glücklich weiter usw.).

Die Geständige

Kalt ist es, Schnee sollte folgen – die Geschichte spielt im November in Paris. Maigret wurde eine junge Frau ins Büro geschoben, die sogleich ein Geständnis ablegte: Sie hätte jemanden umgebracht. Es klingt ein wenig dürftig, ein wenig eingebildet ... im Sinne von »verrückt«. Irgendwo klingelte ein Telefon und Maigret registrierte, dass alle Kollegen schon nach Hause gegangen waren. Da musste er halt selbst gehen! Kurz hatte er noch den Gedanken, die Tür zu seinem Büro abzuschließen, aber irgendwie erschien ihm das lächerlich. Lächerlich, so musste er feststellen, war das Ansinnen der Anruferin. Seine Idee hingegen wäre recht clever gewesen, denn bei seiner Rückkehr konnte er nur die Abwesenheit der jungen Frau feststellen.

Er stürzte der Frau noch hinterher, aber bekam sie nicht mehr zu fassen. Um die Laune war es vorher schon nicht zum Besten bestellt. Nun war sie komplett verhagelt.

Ohne die Frau hatte er auch keinen Fall. Wenn aber jemand umgebracht worden war, dann musste es auch eine Leiche geben. Da Maigret nicht wusste, wo das angebliche Verbrechen begangen wurde, konnte er nichts tun. Erfahrungsgemäß ist die richtige Reihenfolge ja auch: Leiche wird gefunden, Täter wird gefunden und gesteht. Der umgekehrte Fall ist eher ungewöhnlich, wenn man sich als Polizist auch daran gewöhnen könnte. (Andererseits wäre damit das Krimi-Genre zum Tode verurteilt.)

Erst wartete er ab, dann telefonierte er mit den Kommissariaten, ob es in der Nacht Vorfälle gegeben hatten – vorzugsweise mit Toten.

Das Haus der Unruhe

Dann kam die Meldung aus Montreuil, dass ein Toter gefunden worden wäre. Der etwas überforderte Polizist gab Maigret ein paar Anhaltspunkte: Erstochen, kein Liebesdrama, das Opfer schon älter. Letzteres war übrigens der Grund, warum der Polizist ein Liebesdrama ausschloss.

Der Tote hieß Georges Truffier und war Offizier der Handelsmarine gewesen, der sich nach seiner Laufbahn in Paris niedergelassen hatte. Er war zu Geld gekommen und er hatte sich das Haus gekauft. Der alleinstehende Mann wurde von seiner Concierge betreut und im gesamten Fall hatte man den Eindruck, dass der Mann so freundlich und harmlos war, dass man sich fragte, warum man ihn umgebracht hatte.

Irritierend an der ganzen Geschichte war zudem, dass das Verbrechen mitten in der Nacht passiert sein musste, aber die Concierge sagte, dass sie nach zehn Uhr niemanden mehr heraus- oder hineingelassen hatte. Das würde bedeuten, folgerte Maigret, dass der Täter jemand aus dem Haus war.

Es gab ein paar erstklassige Kandidaten für die Tat: Zuerst einmal die junge Frau, die sich ihm schon offenbart hatte, aber nun so völlig anders erschien. Ihr Bruder war dem Kommissar auch ein wenig suspekt: Er gab unumwunden zu, dass er keine Arbeit mehr hatte und damit natürlich auch an dem Geld des Ermordeten Interesse haben konnte, und der Vater der beiden wirkte so ganz und gar verrückt. Schließlich war dann auch noch der Neffe, der nicht im Haus wohnte, aber seinen Onkel zuletzt lebend gesehen hatte. Vielleicht als Allerletzter, vielleicht aber auch als Vorletzter.

Der Kommissar pendelte nun zwischen dem Büro, Ermittlungen in Paris und dem Vorort. Große Freude bereitete ihm der Fall nicht, da er die Leute nicht begreifen konnte. Es schien nicht sein Milieu zu sein und er machte keine Fortschritte.

Besser als der Erste

Der Roman erschien erstmals in den Ausgaben der Zeitschrift »L’Œuvre« (1. März bis 4. April 1930), bevor er 1931 als Buch im Verlag Jules Tallandier erschien. Bei dieser Geschichte handelt es sich um die vierte Geschichte, in der es (auch) um den Kommissar Maigret geht, die nicht unter dem Namen »Georges Simenon« erschienen ist. Daniel Kampa beleuchtet im Nachwort ausführlich die Entwicklung der Maigrets und gibt uns Einblicke, in die drei anderen Proto-Maigrets. Ein besonderes Augenmerk legt er auf den Aspekt, dass die offiziell geschilderte Entstehungsgeschichte von Simenon später sehr prosaisch beschrieben wurde, so dass letztlich nicht nur nicht der Ort sondern auch die Zeit nicht zu den Fakten passte.

Wer den ersten offiziellen Maigret-Roman[MPL] gelesen hat, wird feststellen, dass sich einige Motive aus der Unruhe-Geschichte in der Pietr-Geschichte wiederholen. Mein Eindruck ist, dass sich dieser Roman, der konzeptionell den ganz frühen Maigret-Geschichten entspricht, sich flüssiger und angenehmer als die Pietr-Geschichte lesen lässt. Jemand, der im Maigret-Universum zu Hause ist, wird diesen Roman mit Zufriedenheit und Spannung »konsumieren« und freuen, dass es diesen Nachschlag gibt.

Als Einstieg in die Maigret-Welt wird der Roman nicht enttäuschen, aber ich würde Einsteigern sowieso immer mehr die Maigrets aus der Mitte empfehlen.

Welcher Mitte, fragt sich nun mancher? Gibt es eine Chronologie? Nein, es gibt keine Reihenfolge (und ich meine, damit die mittlere Schaffensperiode Simenons – sprich die vierziger und fünfziger Jahre), in der man die Maigrets lesen kann oder sollte. Deshalb bin ich auch nicht glücklich mit der eingeführten Nummerierung und deren Titulierung als »Fälle«. Ich glaube, dass sie nur Verwirrung stiftet. Wenn man den ersten Fall liest, dann erwartet man, dass sich der zweite Fall daran anschließt? So sind die Maigrets aber von Simenon nicht gestickt worden. Statt dessen kann es passieren, dass man einen Fall liest, der unmittelbar vor dem Ruhestand des Kommissars spielt (Band 18)[MIN], und zur Kenntnis nehmen muss, dass nun noch über achtzig Fälle folgen (die Erzählungen mitgerechnet), die der Kommissar nur zum Teil als Ruheständler absolviert. Die Pietr-Geschichte ist nach der Logik Fall 1. Aber was ist dann mit der ersten Untersuchung Maigrets[MEU]? Das wäre dann der 30. Fall. Schön ist das wirklich nicht.

Wie das so ist mit dem kleinen Finger und der ganzen Hand: »Maigret im Haus der Unruhe« ist der 0. Fall. Das nimmt einem ein wenig die Hoffnung, auf eine Übersetzung der anderen drei Proto-Maigrets…