Die schielende Marie

Sylvie hat nur ein Ziel: nicht mehr arm sein. Dafür geht sie nicht unbedingt über Leichen, verkauft nicht unbedingt ihren Körper – setzt aber schon einmal Mittel ein, die man nicht unbedingt als koscher bezeichnen kann. Marie ist ihre stille Freundin, die im Schatten der Schönheit von Sylvie steht. Sie hat sich damit abgefunden, dass das Leben so sein wird, wie sie es als Kinder gespielt haben: Sylvie ist die Prinzessin, Marie ist die Zofe. So verleben sie einen gemeinsamen Sommer in Fouras, um ein bisschen Geld zu verdienen, um dann nach Paris zu gehen: die Welt erobern.

Über die Story


Kinder haben ihre Spiele. »Mutter und Vater« ist so eines; das andere, heute nicht mehr ganz so gängige, nennt sich »Prinzessin und Dienstmädchen«. Zwischen Sylvie und Marie ist klar, wer die Prinzessin spielt und wer das Dienstmädchen. Marie schielt. Vor der Operation nach innen, danach nach außen. Ihr ganzes Äußeres sorgt dafür, dass man lieber nicht hinschaut. Sie hat sich damit abgefunden, macht das Beste draus. Sylvie dagegen ist bildhübsch, wird von den anderen als hochmütig angesehen und kann nur Marie ihre Freundin nennen.

Die beiden zieht es im Sommer nach Fouras. 18 Jahre alt, ist es wohl die erste Gelegenheit, die sie haben, dem häuslichen Umfeld zu entfliehen. Sie arbeiten als Zimmermädchen in einer Pension. Sylvie darf die Herrschaften bedienen, Marie wird in die Küche zum Abwaschen verbannt – auch deshalb, weil sie vieles falsch macht. Das Tischdecken hat die junge Frau nicht erfunden.

Die Villa, im englischen Cottage-Stil, war aus dunkelrotem Backstein von der Farbe geronnenen Blutes gebaut und von einem Gewirr von Grün umgeben. Über der Haupttür hing anstelle eines Schildes ein Bild, das sicherlich aus der Panele einer Jahrmarktbude ausgeschnitten worden war: zwei Frauen, die eine dunkelhaarig, die andere blond, im gestreiften Badeanzug, der Arme und Beine halb bedeckte, lächelten wie in ein Objekt vor drei Reihen erstarrter Wellen.
Von diesem Bild hoben sich die Wörter »Les Ondines« ab, während eine bescheidenere Tafel neueren Datums angab: »Familienpension, gepflegte Küche, erschwingliche Preise.«

Die beiden Serviceangestellten wohnen in einem Zimmer und an dieser Stelle beginnt die Geschichte der schielenden Marie. Diese kommt in das Zimmer und teilt ihrer Freundin mit, dass der Pensionswirt ihr Fenster beobachtet hätte. Die Empfehlung von Marie, sich beim Ausziehen doch etwas diskreter zu verhalten, stößt auf taube Ohren. Das wäre ihre Angelegenheit, sagt Sylvie. Nicht nur der Mann hätte sie beobachtet, im Garten hätte auch Louis gestanden. Das weiß niemand besser als Sylvie: Louis ist zurückgeblieben und verrichtet die groben Angelegenheiten in der Pension. Harmlos.

An diesem Abend schlafen die beiden schwer ein, immer wieder fallen Satzfetzen. Irgendwann kommt es zum großen Krach im Haus – Marie ist versucht aufzustehen, um herauszubekommen, was sich dort abspielt. Ihre Freundin hält sie davon ab. Das war vielleicht falsch, aber ein Urteil darüber, wird wohl nie abgegeben werden können.

Was war passiert? Louis hatte am Abend vor dem Fenster gestanden und den schönen Körper von Sylvie betrachtet. Diese präsentierte ihn gern, wusste sie doch, dass sie sehr gut gebaut war. Der zurückgebliebene Louis war in die Brüste der jungen Frau verliebt und stand nun an diesem Abend am Fenster und bettelte darum, dass sie sich ihm länger nackt zeigte und bat, sie einmal anfassen zu dürfen. »Sie« sagte er immer, er sagte nie »Brüste«. Sylvie war geneigt dem Wunsch stattzugeben (wie eine Prinzessin), aber verband das mit dem Wunsch auf eine Gegenleistung. Einmal in der Woche machte die Pensionswirtin Schokoladen-Windbeutel, in die Sylvie absolut vernarrt war. Sylvie versprach dem brustverliebten, jungen Mann, dass er »sie« anfassen dürfte, wenn er ihr Windbeutel besorgte. Das tat er und wurde dabei erwischt.

Monsieur Clément, der Wirt, war nicht der Cleverste und hielt es für das Beste, den jungen Mann erst einmal in der Besenkammer einzusperren. Das war definitiv keine gute Idee: man fand den jungen Louis am nächsten Morgen tot in der Kammer vor – er hatte sich an seinen Hosenträgern erhängt. Ein hoher Preis für einmal Windbeutel stehlen, um »sie« anfassen zu dürfen.

Es lag ein Schatten auf der Ferientätigkeit der beiden Mädchen: denn Monsieur Clément hatte der Polizei nicht alles gesagt, was er wusste. Er ließ sie in dem Glauben, dass Louis in das Haus eingedrungen wäre, um Geld zu stehlen. Ein abwegiger Gedanke, denn er hatte Louis in der Speisekammer erwischt. Wahrscheinlich war Louis mit seinen Händen auch schon an den Windbeuteln. Eins und eins konnte der ehemalige Taxifahrer zusammenzählen und so kam er schnell darauf, dass der Schlüssel zu dem Drama bei Sylvie zu suchen war. Der Mann wusste was, jetzt erwartete er eine Gegenleistung von Sylvie. Die er auch bekam.

Völlig unverständlich für Marie, die sich noch nie einem Mann hingegeben hatte, die es noch unverständlicher fand, dass sich Sylvie dazu erpressen ließ.

Sylvie hatte nur ein Ziel vor den Augen: reich und wohlhabend sein. Als Zimmermädchen war dieses Ziel nicht zu erreichen. Auch als Stenotypistin, ihre Berufung in Paris, würde sie dieses Ziel nicht erreichen. Ihre Pläne gingen weiter. Aber erst einmal Paris: es war ausgemacht, dass Sylvie und Marie nach dem Ferienjob in Fouras nach Paris gehen würden.

Sylvie will Nägel mit Köpfen machen. Dabei hilft ihr die Ankunft des Ehemannes einer Ferienfamilie. Der schien etwas darzustellen. Was, das blieb das Geheimnis von Sylvie, die sich Marie immer mehr entfremdete. Trotzdem gehen die beiden jungen Mädchen nach Paris. Die eine, um die Welt zu erobern, die andere als Gefährtin.

Deutschsprachige Ausgaben

Eine Ausgabe

1990

Die schielende Marie
Diogenes (detebe 21800)
Übersetzung: Eugen Helmlé

Cinema & TV

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Hörspiele & -bücher

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