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Zum Weißen Ross

In den meisten Werken Simenons folgt man einer Person – es passiert selten etwas nebenher. Der Handlungsstrang ist für den Lesenden klar. Dieses Buch ist neben »Stammbaum« für mich eine große Ausnahme: wir dürfen mehrere gleichberechtigte Akteure auf der Bühne betrachten.

Es beginnt mit einer Wanderung der Familie Arbelet. Es ist Pfingsten und man hat sich vorgenommen eine »enorme« Strecke zu absolvieren. Germaine schiebt in ihrer Besorgnis die kleinen Söhne vor, obwohl sie es ist, die Probleme mit der langen Strecke hat. Man kann auch nicht sagen, dass sie von den Plänen ihres Mannes begeistert ist, irgendwo zu übernachten und am nächsten Tag nach Hause zu wandern. Man könnte es mit dem Bus noch nach Hause schaffen und hätte dann die Übernachtungskosten gespart. Aber darauf lässt sich ihr Mann nicht ein.

Sie steigen im Hotel »Zum weißen Ross« ab und damit treten andere Protagonisten auf den Plan, wie zum Beispiel der Wirt, der allen Frauen nachsteigt; der von seiner Frau Fernande skeptisch beäugt wird, die aber nichts dazu sagt und die feine Dame spielt. Seine Geliebten, wie die junge Rose und die verbrachte Therese. Monsieur Arbelet genießt den Abend. Während seine Frau schon im Bett liegt, spielt er mit den Gästen und dem Wirt noch Karten. Dazu wird das eine oder andere Gläschen getrunken, das, obwohl der junge Mann weiß, das er nichts verträgt.

Abbildungen zu »Zum Weißen Ross« (insgesamt: 2)
Zum weißen Ross - Diogenes - 2011 Zum Weißen Roß - Diogenes – 1982

So kommt es, wie es kommen muss. Ihm wird mitten in der Nacht speiübel und er muss sich übergeben. Zu allem Überfluss schafft es Arbelet nicht bis zur Toilette und verunreinigte das Treppenhaus des Hotels. Das dieses dem Nachtwächter nicht gefällt dürfte verständlich sein, Arbelet war es peinlich und es kommt noch schlimmer: er erkennt in dem Nachtwächter den Onkel von seiner Frau Germaine: Félix Drouin.

Diesem ist so ziemlich alles egal. Der alte Mann (er sieht wesentlich älter aus: sieht aus wie siebzig, ist wohl aber Mitte fünfzig) legt keinen Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild und seine Manieren lassen auch mehr als zu wünschen übrig. Vielleicht trifft man ihn am ehesten mit der Bezeichnung Original. Man findet so etwas nicht alle Tage. So ähnelt er einigen Gestalten oder besser Originalen, die in Simenons Romanen vorkommen. Dem Mann, der die Reste von Arbelets Unwohlsein wegmachen darf, fehlt aber eine entscheidende Eigenschaft – man findet ihn überhaupt sympathisch (die Hauptfigur in »Die letzten Tage eines armen Mannes« widerte einen ebenfalls an, reiht sich so gesehen in die Reihe von unsympathischen Simenon-Figuren ein – aber ehrlich gesagt, war der auch kein Original).

War es der Besuch der Arbelets, der Stein des Anstoßes für die folgenden Ereignisse war? Das vermag ich nicht zu beurteilen: Germaine ist es recht, das sie dem Onkel Geld geben, der sich dafür nicht gerade überschwänglich bedankt; aber weitere Besuche? Der Onkel, der den ganzen Tag vor sich hin brabbelt, dass er noch mal einen umbringen würde – das muss man schon um der Kinder Willen nicht um sich haben.

Die Frau des Wirtes denkt sich wahrscheinlich ähnliches, wenn es das Personal des Hauses betrachtet. Warum muss man sich denn Frauen ins Haus holen, denen ihr Mann nachsteigt? Allerdings stellt sich der Leser gleich die Frage, was könnte man dann noch für Personal haben; der Wirt steigt wirklich jedem Rock nach.

Es kommt, wie man es von Simenon gewöhnt ist: langsam spitzen sich die Ereignisse zu. Interessant ist der Roman aus dem am Anfang angeführten Grund: man weiß gar nicht, auf wem das Scheinwerferlicht steht. Ist es Félix, Arbelet oder gar der Wirt. Simenon erzählt drei Geschichten, die nur eines gemeinsam haben: ihren Schauplatz. Damit erinnert er ein wenig an Robert Altmanns Filme…

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fakten Fakten

Originaltitel:

Le Cheval-Blanc

Entstehungsjahr:

1938 (März)

Erscheinungsjahr:

1938

Entstehungsort:

Porquerolles

Verlag:

Gallimard

Fuer die Ohren Für die Ohren

Zum Weissen Ross
2002 - Preiser Records
mit Hans-Peter Bögel

verschlagwortet Verschlagwortet

 

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Erste Worte

Meinungen (1)

Biblio

Im Augenblick keine Ergebnisse.

»Stell ihn doch auf den Boden, Maurice«
Warum sollte er sich gerade an diesen Satz eher erinnern als an einen anderen? Und warum gerade an diese Minute eher als an irgendeine andere Minute dieses Pfingstsonntags?
Der Junge dachte nicht darüber nach.

Saint-Fiacre

Nachdem ich dieses Buch zuende gelesen hatte, hat es mich ziemlich verwundert, dass Simenon später, im Vorwort zu “Die Marie vom Hafen”, anmerkte, er wolle (zumindest für seine bis dato verfassten Werke) an der “Marie” und am “Weißen Ross” gemessen werden. Bei mir hat dies Buch den Eindruck hinterlassen, Simenon habe im Grunde Ideen für drei halbe Geschichten im Kopf gehabt, anstelle von drei Kurzgeschichten aber unbedingt einen Roman schreiben müssen. Keine Frage: Die Milieubeschreibung “Landgasthof in den 40er-Jahren” ist für sich sehr gut getroffen und sicherlich das Großartigste an diesem Buch; die Story selbst ist hingegen (meines Eindrucks nach) unausgegoren und zeugt von wenig konistenter Komposition. Ich halte es nicht für einen stilistischen Kniff Simenons, das ganze Buch über in der Schwebe zu lassen, auf welcher Figur denn nun eigentlich der Fokus ruht, sondern einfach als ein Ergebnis mangelnder Planung bzw. zu flüchtiger Umsetzung. Auch nach Abschluss des Buches weiß man nicht, ob es nun eigentlich schwerpunktmäßig um Maurice und sein Unwohlsein im Ehe- um Familienkorsett gehen sollte (das nur vage angedeutet wird) ODER um Félix (der aufgrund seiner Vorgeschichte eher eine tragische denn eine - wie ein Zitat auf dem Rückumschlagstext weismachen will - “abstoßende” Figur darstellt, als Figur aber nicht so konsequent ausgestaltet wird, dass er als solche wirklich glaubhaft wäre oder Anlass zu irgendgearteter Identifikation böte) ODER um die Psychologie des Patrons (bei dieser Figur bleibt einiges, was im Laufe der Geschichte angedeutet wird, letztlich offen) ODER eben um die schicksalhaften Verwicklungen des Gasthof-Personals. Allein schon letzterer Plot hätte sicherlich genügend Potenzial und Reiz besessen, um eigenständig ausgearbeitet zu werden. So bleibt der Roman letztlich hinter den Erwartungen zurück, die verschiedene in ihm und seiner Konstellation angerissene Konflikte und Geschichten wecken. Der Autor hatte es hier (meines Erachtens) wirklich zu eilig und hat damit gleich mehrere gute und reizvolle Ideen auf einmal verschenkt.

Saint-Fiacre am 11.12.2008

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3 Ausgaben - erste Ausgabe: 1980 - letzte Ausgabe: 2011

Kein Cover vorhanden

1980

Zum Weißen Roß
Diogenes
Übersetzung: Trude Fein

Zum Weißen Roß / Diogenes

1982

Zum Weißen Roß
Diogenes (detebe 20986)
Übersetzung: Trude Fein

Zum Weißen Ross / Diogenes

2011

Zum Weißen Ross
Diogenes (detebe 24113)
Übersetzung: Trude Fein