La Schlucht


Soll man Erinnerungen verdammen oder nicht? Vor zehn Jahren hatte ich die Gelegenheit in das Elsaß zu fahren. Es war bergig, viele Bäume und es war kaum ein Auto auf der Straße unterwegs. Diese gespenstische Leere wiederum mag an der Jahreszeit gelegen haben.

Wo es genau war, daran kann ich mich heute (leider) nicht mehr erinnern. Dagegen erinnere ich mich, dass ich eine Straße herunterfuhr und im Tal einen Gasthof sah, so altmodisch, wie ein solcher Gasthof nur aussehen kann. Dahinter ging es den Berg wieder hoch. Das war der Gasthof, wie ich ihn mir auch für »Das Gasthaus im Elsaß« vorgestellt habe.

Nimmt man das Buch zur Hand und lässt man die Abbildung auf dem Cover mal weg, so wird man schnell feststellen, dass die Vorstellung, die ich von meinem Gasthof im Elsaß hatte, überhaupt nichts mit der Vorstellung Simenons zu tun hatte. Denn schon auf den ersten Seiten stellt sich heraus, dass die Konstellation in La Schlucht eine ganz andere ist. Mir machte das nichts aus, ich hatte meinen Gasthof und das Drumherum konnte ich mir schon gut dazu fantasieren.

Nun waren wir »rein zufällig« in der Nähe, was ich vor der Abfahrt aus dem Norden schon wusste, und so steckte ich das Buch ein, um es beizeiten wieder aus der Tasche zu zaubern. Selbstverständlich habe ich mich auf mein Navigationsgerät verlassen, sondern mich mit Google Earth auf einen eventuellen Besuch vorbereitet. Aber das ist leichter gesagt, als getan. Wenn man Google Earth mit »La Schlucht« füttert, der Name ist ja schon goldig, bekommt man eine Reihe von Ergebnissen geliefert, die aber mit dem eigentlichen Ort nichts zu tun haben können. Dazu liegen die Ergebnisse zu weit verstreut und, was vielleicht auch nicht ganz unwichtig ist, sie haben mit der Beschreibung Simenons überhaupt nichts zu tun.

Unser Anhaltspunkt auf der Reise war also der Col de la Schlucht, der Pass der zu diesem Platz führte. Das war es aber schon gewesen. Die anderen Anhaltspunkte, die wir hatten, waren eher wage:

Der Ort La Schlucht bestand nur aus vier Häusern, einem Wegweiser und den Überresten der alten Grenze, die vor dem Krieg Frankreich und Deutschland getrennt hatte und nun nur noch das Ende des Elsaß markierte.
Der Wegweiser zeigte an, dass der Ort in 1236 Metern Höhe lag, dass Gérardmer nach links in dreizehn Kilometer und Münster nach rechts in achtundzwanzig Kilometer entfernt lagen.

Auch das Navigationsgerät kannte den Ort nicht, umso überraschter war ich, dass ich Hinweisschilder fand, die auf »La Schlucht« verwiesen. Also schien es den Ort zu geben. Was mich nicht daran hinderte, erst einmal dran vorbei zufahren. Es ist der Start ein Seilbahn und es stehen ein paar Häuser dort. So unspektakulär, dass ich von meiner Frau einen Kilometer weiter darauf hingewiesen wurde, dass »La Schlucht« schon vorbei wäre. »Wirklich, wir waren schon in La Schlucht.« »Na, klar.«

An der Anzahl der Häuser hat sich nicht viel getan. Es sind nicht mehr vier. Wenn es neun sind, dann sind wir schon recht vollständig. Das war es gewesen. Davon sind vier Gaststätten, zwei Souvenirläden, zwei verfallene Gebäude und es gibt auch eine Kirche, die modern und gepflegt gewirkt hat. Offenbar scheint man gern vor dem Skifahren beten zu gehen.

Wir gingen ein wenig in Richtung »Munster« und ich entdeckte noch ein Gebäude, welches mit Relais begann, aber es war nicht das »Relais d’Alsace«, welches mich vermutlich mit einem offenen Mund hätte dastehen lassen. Vielmehr gehörte es zu den zwei geschlossenen Restaurants vor Ort, was mich ein wenig verwunderte. Es ist schließlich Ende Juni gewesen und damit dürfte das schon zur Saison gehören.

Fährt man etwa fünfhundert Meter in Richtung Gérardmer, so kann man in Richtung Hoheneck abbiegen, was Simenon mit einer Entfernungsangabe von sechs Kilometer angegeben hat. Schwierig zu sagen ist aus heutiger Sicht, wie die Verkehrsverhältnisse damals waren. Die dreizehn Kilometer in Richtung Gérardmer kommen auf jeden Fall hin. Der Ort ist unspektakulär und mag seinen Flair im Winter entfalten. Wir sind nur durchgefahren, haben uns angeschaut und meinten, nur wegen des Sees, müsste man nicht bleiben. (Wer in der Nähe ist, kann aber gut einen Abstecher zu dem vor Gérardmer liegenden See machen, denn da ist es recht reizvoll.) Fährt man indes in die andere Richtung - Munster (Münster) - so wird man positiv überrascht. Vermutlich fühlte sich Monsieur Serge auch deshalb mehr zu diesem Ort hingezogen. Auch heute noch kann man seine Freude an dem Ort haben - klein, mit alten, ansehnlichen Gebäuden und einer Menge Storchen um das Rathaus herum.

La Schlucht war früher, ganz früher, die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich - Nic, der Wirt, so beschreibt es Simenon, soll seinen Gästen erzählt haben, früher konnte er aus einer Tür des Hauses treten und hätte die Grenze schon überschritten. La Schlucht ist immer noch Grenzposten, aber diesmal innerfranzösisch zwischen Haut-Rhin und Vosges.

Simenon schildert in dem Roman, dass man vor acht Uhr morgens nicht in La Schlucht telefonieren konnte. Das mag heute auch anders sein. In der Zeit der intensiven Ermittlungen des Kommissars, kommt alle naselang ein Telegramm, welches von einem Postboten aus Gérardmer gebracht wurde. Der dürfte ordentlich zu strampeln gehabt haben, denn es waren nicht nur die Entfernung von dreizehn Kilometern, die den armen Mann geschlaucht haben dürften, es geht auch die ganze Zeit bergauf. Aber, wir hoffen mal für den Kollegen Postboten der damaligen fiktiven Zeit, dass er auch Kollegen hatte, die ihm bei diesem Auftrag geholfen haben.