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Frauengeschichten

Sind die Non-Maigrets von Simenon reine Männergeschichten? Auf den ersten Blick schon, so dass sich ein zweiter Blick auf prägnante Gestalten auf die Geschichten und Simenons Frauenbild geworfen werden soll.

Was wird uns heute für ein Bild von Frauen in den Medien vermittelt? Auf der Projektionsfläche erscheinen gestandene Frauen, erfolgreich im Beruf, möglichst prominent oder prominent verheiratet, mehrere Kinder an der Hand, gutaussehend, durchtrainiert und dann vielleicht auch noch witzig.

In Talk-Shows erzählen sie ausführlich, über das erfüllte Leben, das sie führen. Nehmen wir beispielsweise die neue Familienministerin Ursula von der Leyen, bei der nie vergessen wird zu erwähnen, dass sie ausgebildete Zahnärztin ist und sieben Kinder hat. Der Vater ist Ernst Albrecht, der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen. Ich habe leichte Zweifel, ob dies der Prototyp einer Frau ist, die im wahren Leben steht.

Eine Frau, die unter solchen Umständen Karriere in der Politik macht – pardon, mir fällt nichts Besseres ein – scheint im trauten Heim eher von Goldtellerchen zu essen, als sich Gedanken um den nächsten Einkaufszettel zu machen. Ein Prototyp scheint mir dies nicht zu sein.

Eine Familie mit drei Kindern und mittlerem Einkommen dürfte heute schon ihre Probleme haben durchzukommen. Alleinstehende Mütter, im schlimmsten Fall noch mit dem Problem konfrontiert, dass die Väter den Unterhalt nicht zahlen, werden vermutlich auch nur müde lächeln, wenn ihnen solch großartige Frauenpersönlichkeiten vorgeführt werden.

Das Optimum an Gleichberechtigung scheint trotz einer gewissen Anzahl von erfolgreichen Frauen noch nicht erreicht zu sein. Man sieht es an den Manager-Riegen deutscher Konzerne, in denen Frauen immer noch deutlich unterrepräsentiert sind. Die großen Star-Anwälte sind nicht Frauen. Die meisten Nobel-Preise, auch unter den deutschsprachigen Forschern, heimsen Männer ein.

Selbstverständlich hat sich mit den Jahren etwas getan, aber ist es der große Sprung für die Frauen gewesen? Ein Blick zurück kann nicht schaden, um zu schauen, wo Frauen standen und wo sie heute angelangt sind. Was bietet sich da als Referenz besser an, als das Werk von Simenon, der, beginnend mit den dreißiger Jahren, vierzig Jahre lang den Alltag der Menschen beobachtete?

Keine Referenz

Von allen Frauen, die in Simenons Werken geschildert werden, eignet sich Madame Maigret am wenigsten als Referenz. Selten kommt sie über den Status eines »Heimchen am Herd« hinaus. Madame Maigret stürzt zur Tür, sobald sie die Schritte ihres Mannes hört. Meist bevor sich der Schlüssel im Schloss gedreht hat, ist sie bereit seinen Mantel entgegenzunehmen und die Pantoffeln zu bringen. Natürlich wird bei den Maigrets kurze Zeit später das Essen auf den Tisch getragen, so wie es Monsieur Maigret mag.

Stundenlang wartet die Frau des Kommissars in der Wohnung darauf, dass ihr Mann zurückkommt. Ein Mann, der es all zu gern versäumt, kurz seiner Frau Bescheid zu geben, dass er es nicht zum Essen schaffen wird. Dieses Verhalten dürfte heute auf großen Widerspruch stoßen und zu mancher häuslichen Krise führen.

In literarischer Hinsicht ist Madame Maigret nicht mehr als ein wenig Füllmaterial, um die Abende des Kommissars plausibel zu gestalten. Wenn man von den angeführten Beispielen absieht, wird sie nur dafür benötigt, dass Maigret jemanden an der Hand oder im Arm hatte, neben jemandem im Kino sitzt. Die Frau entwickelt über die vielen Romane weniger Persönlichkeit als manches Haustier in der heutigen Krimiliteratur. Das klingt nicht charmant, aber Simenon sah es für die Maigrets wohl nicht als notwendig an, die Figur der Madame Maigret detaillierter zu beschreiben und mit Leben »zu füllen«.

Komparsen

Die meisten von Simenons literarischen Frauengestalten sind Komparsen. Hauptfiguren sind Männer, die von Frauen umgeben sind, die wie Madame Maigret ein Nischendasein fristen. Manchmal wird der männlichen Hauptfigur eine starke Gegenspielerin zur Seite gestellt, die aber häufig einen schlechten Einfluss – direkt oder indirekt – auf die Hauptfigur hat. In »Die Eisentreppe« schildert Simenon eindrucksvoll, wie Étienne Lomel langsam vergiftet wird und weiß, dass es seine Frau ist, die ihm nach dem Leben trachtet. Mit Louise Lomel findet sich eine Frau, die ihre Macht ausnutzt – Macht in doppelter Hinsicht. Zum einen ist sie diejenige in der Beziehung, die vermögend ist und zum anderen hat sie das Wissen, wie man Männer umbringt. Hinzu kommt, dass sie auf der Suche nach ihrem Glück ist. Das findet sie in Beziehungen zu jüngeren Männern. Erfüllt sie eine Beziehung nicht mehr, entsorgt sie sich derer.

Simenon erklärt die Morde in der Art, dass es für Louise Lomel nicht in Frage kommt, sich scheiden zu lassen, da sie katholisch ist. Da Scheidungen für die Kirche nicht zugelassen sind, Wiederverheiratungen von Witwen aber schon, »beseitigt« sie ihre Männer. Berücksichtigt sie dabei nicht, dass es für die Kirche nicht akzeptabel ist, wenn man einem anderen Menschen das Leben nimmt? Diese interessante Frage, die den Leser vielleicht brennend interessiert, wird von Simenon nicht geklärt, da er sich in der Geschichte auf die Leiden, das Denken und Fühlen von Étienne Lomel kapriziert.

So ergeht es einem auch, wenn man »Das blaue Zimmer« liest: Man sieht Tony in höchste Ungelegenheiten stürzen. Er wird des Mordes an seiner Frau verdächtigt, die Polizei findet allerlei Hinweise, die auf ihn als Täter hindeuten und – schlimmer noch – ein Motiv muss nicht konstruiert werden. Schließlich handelt es sich bei der zweiten Verdächtigen um seine Geliebte Andrée. Was hilft Tony die Erkenntnis, dass sie es gewesen war, die dafür gesorgt hat, dass seine Frau vergiftet worden war? Was Andrée dazu bewegt, die ihr fremde Frau umzubringen, bleibt vom Motiv her flach: Die Liebe zu Tony war es. Mehr an Erklärung kann nicht aufgeboten werden, lässt sich aus Simenons Text nicht herauslesen. ­Andrée bleibt in dem Roman ein Phantom.

Verlottert in Paris

Durch die prominent auf den Filmplakaten und später auch auf den Buchumschlägen positionierte Brigitte Bardot könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Rolle der Yvette Maudet in »Im Falle eines Unfalls« auch eine wichtige in dem Buch wäre. Aber da täuscht man sich gewaltig. Schließlich spielt in der Geschichte nur einer eine gewichtige Rolle: Gobillot. Er ist es, der über die Affäre Tagebuch führt. Yvette kommt zu ihm, dem Rechtsanwalt, der erfolgreich die aussichtslosesten Fälle zu einem (verhältnismäßig) guten Ende führen kann. Gobillot paukt die größten Verbrecher heraus. Yvette mag sich ihm anbieten, aber der Rechtsanwalt ist es, der entscheidet, wann die Affäre beginnt und wohin steuert, so gut es ging, die Affäre. Gobillot verschafft der mittellosen Frau eine Wohnung in seiner Nähe. Nach seinem Terminplan steht sie zur Verfügung. Aus der Perspektive der Frau gesehen, teilt sich ihre Bedeutung, denn es gibt noch Yvonne, die Frau Gobillots, und die Sekretärin Mademoiselle Bordenave. Man kann aus gewissen Handlungsabläufen in der Geschichte auf die Gedankengänge der Frauen schließen, Thema für Simenon sind sie auch in diesem Buch nicht.

Die Rolle der Frauen ist höchst unglücklich: Mit Yvette tritt ein Konkubinen-Typ auf, der sich aushalten lässt, in den Tag hineinlebt und sich nur Gedanken darum macht, wie sie ihren Liebhaber und einen alten Geliebten unter einen Hut bringen soll. Ich habe das Gefühl, dass es Yvette einfach mit sich geschehen lässt. Der Mann, der ihr Geld gibt und die Wohnung bezahlt, will mit ihr schlafen – na fein, dann soll er doch. Gobillot steigert sich in etwas hinein, das durch die Konkurrenz des jüngeren Liebhabers noch gesteigert wird. Hätte er wirklich so viel Interesse an der Frau, wenn es nicht diesen Wettbewerb geben würde?

Yvonne hatte ihren früheren Mann für Gobillot geopfert. Sie nahm Gobillot zu ihrem Liebhaber, verließ ihren Mann und war dann Förderin von Gobillot in der Pariser Gesellschaft. Nun hat sie sich einen jüngeren Mann »gegriffen« und gerät durch das Auftreten der jungen Yvette plötzlich in eine unangenehme Situation: Sie ist immer noch eine der schönsten Frauen von Paris – nur, an »Frische« kann sie nicht mit Yvette mithalten. Letztlich passiert ihr jetzt das, was – auf einer anderen Ebene – ihrem ersten Ehemann widerfuhr. Yvonne spielt in dem Roman nur eine beobachtende Rolle – der Rechtsanwalt spricht nicht viel mit seiner Frau, ein Austausch von Gedanken findet überhaupt nicht statt.

Als dritte Frau im Bunde ist Gobillots Sekretärin zu nennen, die unsterblich in den Rechtsanwalt verliebt ist. Gobillot macht sich in seinem Tagebuch-Aufzeichnungen darüber Gedanken, kommt aber zu keinem schlüssigen Ergebnis. Die Frau ist ihm bedingungslos ergeben und leidet sichtlich unter seiner Affäre mit Yvette. Ihre Position ist nicht die, dass sie ihren Chef darauf ansprechen könnte. Gobillot ist an der Frau nicht interessiert, er beobachtet sie nur hin und wieder leidenschaftslos.

Eine wirklich starke, durchsetzungsfähige Frau wird von Gobillot in seinen Aufzeichnungen geschildert. Es handelt sich um Corinna de Langelle, die sich als Förderin von Jean Moriat, einem Politiker, betätigt. Gobillot stellt nüchtern fest, dass sich Yvonne, immerhin die beste Freundin von Corinna,  ein ähnliches Verhältnis in ihrer eigenen Ehe vorgestellt hatte. Nur war sie halt nicht wie ihre Freundin. Wichtig bleibt dabei festzuhalten, dass es Corinna vielleicht gelungen war, auf bestimmte Aspekte der Politik Einfluss zu nehmen. Aber wenn es hart auf hart kam, war sie nur eine Puppenspielerin, deren Puppe sich verheddern konnte.

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Meinungen

Artikelhistorie

Cherchez la femme!

Frauen spielen als Hauptpersonen im Werk von Simenon eine untergeordnete Rolle – das mag erstaunen, aber wenn man sich durch das Werk des Schriftstellers gelesen hat, bleibt einem nichts anderes, als diese Feststellen. Nur zwei schafften es in den Titel: Betty und Tante Jeanne.

Vier Frauen

Simenon kolportierte, es wären zehntausend Frauen gewesen. Darauf soll nicht näher eingegangen werden, sie können ihm kaum wichtig gewesen sein: Geprägt wurde sein Leben von vier Frauen, die an dieser Stelle ausführlich vorgestellt werden sollen.

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Die Hauptfigur in der “Witwe Couderc” ist wieder wie fast immer bei Simenon ein Mann, Jean.Dieser hat eine unerledigte Schuld-Sühne-Problematik in seiner Vorgeschichte und sucht erst einmal nach der Entlassung Ruhe,Unterschlupf und Versorgung gegen Arbeit.Eigentlich banal.Und dann wiederholt sich alles, Liebe zu einer jungen Frau, die er nicht leben darf. Er, der sein Leben ein “Looser” war, gibt auf und der Amoklauf mit Fremd- und Selbstaggression ( wie wir ihn immer wieder in der Presse lesen können )ist das letzte Aufbäumen als Befreiungsschlag gegen das Leben. Er besäuft sich, lässt sich damit von den Gendarmen aufsammeln und geht wohl der Todesstrafe entgegen, die er nach seinem Gefühl bei der ersten Tat schon wollte. Todesstrafe als Ersatz für den eigenen Freitod, für den er zu schwach ist. Die Witwe Couderc ist dabei nur das auswechselbare Opfer oder Ziel oder das Mittel zum eigenen biographischen Ende der tragischen männlichen Hauptfigur. Damit bleibt sich Simenon treu und es ist eine wieder “Männergeschichte”

hawegr am 09.11.2009

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Erstellt: 11.06.2008

Letzte Änderung: 25.09.2008