Maigret (Cremer) verhört Andersen

Scharfes Verhör


Es ist eine gute Sache, wenn Verbrecher gefangen werden. Das sehe ich nicht nur als Krimi-Leser so, sondern es gefällt mir auch, wenn das im richtigen Leben hinhaut. Oft genug, kommen die Täter einfach so davon. Statistiken zufolge wurden 2016 93% aller Morde in Deutschland aufgeklärt. Davonzukommen scheint auf den ersten Blick nicht so einfach zu sein, zumal die Quote in manchen Jahren zuvor bei 96% lag. Die Krux liegt vielmehr darin, dass man den Mord als solchen erst einmal erkennen muss.

Schätzungen besagen, dass nur jeder zweite Mord heutzutage unerkannt bleibt und solche Schätzungen gab es in den Jahren vorher auch schon häufiger. Heißt, wenn man sich als Mörder dumm genug angestellt hat, den Mord nicht »anständig« zu verbergen, hat man kaum die Möglichkeit der Gerechtigkeit zu entkommen. (Wobei man natürlich einschränken muss, dass die polizeiliche Aufklärungsquote nicht mit der Verurteilungsquote korreliert. Freisprüche in Mord-Angelegenheiten sind aber hierzulande eher selten.)

Ist man jedoch raffiniert genug, einen Mord verbergen zu können, hat man sehr gute Chancen, davon zu kommen.

Wenn der Mord nun aber entdeckt worden ist, dann kann man sich heute sicher sein, dass man als Verdächtiger anständig behandelt wird. Ziemlich sicher, würde ich mal sagen. Wir haben unsere Prinzipien und Gesetze beschreiben den Handlungsspielraum, den ein Polizist hat. Ein scharfes Verhör heute dürfte in den meisten europäischen Ländern ganz anders ausfallen, als noch in den frühen Maigrets.

Die Beschreibung des Verhörs, das Maigret Carl Andersen unterzog, hat indes mit diesen Prinzipien wenig gemein. Wenn man ihn nicht in Untersuchungshaft brachte, stellt sich die Frage, warum man ihm Schürsenkel und Krawatte abnahm. Aber das ist wohl eher eine Petitesse gegen das, was folgte: Die ersten vier Stunden durfte Andersen nicht sitzen, sondern musste in der Mitte des Raumes stehen. Nach sieben Stunden durfte er mal etwas essen, dann ging es weiter. Auch später ließ man Andersen immer wieder stehen und er musste sich den Fragen der Beamten stellen. Maigret und Lucas wechselten sich ab und legten sich in der Zeit auch einmal hin, konnten so, wenn sie schon nicht schliefen zumindest ruhen. Andersen hingegen waren solche Ruhephasen nicht vergönnt.

Bei einer solchen Behandlung ist es ein Wunder, dass Andersen nicht gestanden hat und nicht noch ein paar Sachen oben drauf gelegt hat. Nach heutigen Maßstäben, nach dem »Folter jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, zum Beispiel um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen« (Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe), sind die verwendeten Methoden zumindest sehr nah an Folter.

Somit illustriert das Vorgehen Maigrets in dem Fall Andersen das Dilemma mit solchen Methoden: Man bekommt sicher sehr oft viel Information. Ob es sich dabei jedoch um die Wahrheit handelt, da kann man sich nicht sicher sein. Schließlich wird der Verhörte genötigt irgendetwas zu sagen oder zuzugeben, und an einem bestimmten Punkt ist er geneigt, alles mögliche zuzugeben, nur um die Tortour zu beenden. Maigret hätte also durchaus »Erfolg« haben können und Andersen hätte gestanden. Die Konsequenz wäre gewesen, dass Andersen verurteilt worden wäre (wahrscheinlich zum Tode) und hingerichtet würde; der wahre Täter aber noch auf freiem Fuße wäre. Es macht eine Hinrichtung ganz gewiss nicht besser, wenn man als Delinquent weiß, dass man unschuldig ist.

In der Verfilmung mit Bruno Cremer mochte man das nicht zeigen. In der Darstellung des Verhörs war von diesen Methoden nichts zu sehen. Andersen wurde zum Verhör gebracht, durfte sich setzen und wurde verhört. Es wirkt so viel zivilisierter als das, was wir in der Romanvorlage geschildert bekommen. Es war so, wie man sich das heutzutage vorstellt.

Maigrets Nacht an der Kreuzung
Der Mann war wirklich erstaunlich: Maigret war eigentlich von seiner Schuld überzeugt. Aber mit der Ruhe, mit der der Däne das Siebzehn-Stunden-Verhör durchgestanden hatte, hatte der Kommissar nicht gerechnet und er hatte seine Meinung geändert. Blieb immer noch die Frage, warum ein Diamantenhändler aus Antwerpen tot im Auto des Nachbarn saß, welches in der Garage des Dänen abgestellt war.