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Ein ganz anderes Kaliber
Vom 13. Januar bis zum 7. März fand eine Ausstellung mit Fotografien von Simenon im Jeu de Paume in Paris statt – allerdings im Jahr 2004. Schon ein Weilchen her. Geblieben davon ist der Katalog der Ausstellung. Dessen Anschaffung lohnt sich schon aus zwei Gründen: Die gezeigten Bilder gehen über den der zuvor veröffentlichten hinaus und das Format ist ein ganz anderes.

Die gezeigten Bilder kommen in der Vergrößerung viel besser zur Geltung. Statt ein Format um A5 herum, haben wir es hier mit 22,7 x 27,2 Zentimeter zu tun. Auch werden Abbildungen schon mal über zwei Seiten gezeigt, wenn es dem Motiv dient. Wie die zuvor erschienenen Bände haben die Betrachter:innen es hier mit einer Taschenbuch-Bindung zu tun. Unweigerlich hat man das Gefühl und die Befürchtung, dass einem der Band irgendwann auseinanderfällt. Durch den Umfang von fast zweihundert Seiten sogar noch eher als bei den kleineren Geschwistern, die zuvor erschienen sind.
Nach einer kurzen Einleitung von Valère Bertrand, in der geschildert wird, wie die Fotos in die Ausstellung gelangten, unterhält sich selbiger mit dem Simenon-Biografen Michel Carly. Es ist ein Interview, bei dem es kleinere Einwürfe von Bertrand gibt, das Wort jedoch der ausgewiesene Spezialist Carly führt. Das Buch kommt mit zwei weiteren Texten daher – einmal betrachtet Patrick Roegiers Simenon als Zeitzeugen seiner Zeit, der mit der Kamera unterwegs war.
Den Fotos aus Polen ist ein Artikel von Catherine Clément vorangestellt, in dem die Schriftstellerin die Wirkung auf sich beschreibt, die einen katholisch-jüdischen Hintergrund in der Familie hat und deren Großeltern von den Nazis vergast wurden.
Das Interview
Auf die Frage, ob diese erste Flussreise der Einstieg in die Fotografie gewesen wäre – was man anhand der Qualität der Aufnahmen annehmen könnte –, antwortet Carly, dass das mitnichten so gewesen sei. Den ersten Kontakt mit dem Metier hätte der junge Simenon bei der Gazette de Liège gehabt. Zu der Zeit habe er erstmals mit Fotomaterial im technischen Sinn gearbeitet und selbstverständlich Berührungspunkte mit Fotografen und deren Wahrnehmung der Welt gehabt.
Dass die Aufnahmen schließlich besser wurden, erklärt Carly damit, dass sich die Technik sowohl in Sachen Kameras wie auch im Filmmaterial in wenigen Jahren eklatant verbesserte.
Sie waren von besserer Qualität, schärfer und präziser.
Im weiteren Verlauf geht es darum, was Simenon fotografierte. Er hatte erklärtermaßen kein Interesse daran, Landschaften auf Zelluloid zu bannen. Ihm kam es auf die Menschen an, die nahm er in den Fokus. Sowie Boote und Schiffe – dort konnte er sich für Details interessieren. Carly sieht sowohl bei den Aufnahmen von Personen wie auch von den maritimen Themen eine unerwartete Sorgfalt.
Überhaupt hatte Simenon ein Gespür für die Inszenierung eines Bildes. Das galt nicht nur seine eigenen Foto-Werke. Er war mit von der Partie, wenn es darum ging, die Fotografien für die Cover seiner Bilder aufzunehmen. So berichtet Carly, dass sich Simenon persönlich darum bemühte, den passenden Clochard für das Frontbild von »Le Charretier de la Providence« zu finden.
In dem Interview wird man mit Informationen geflutet, dass es eine Freude macht. Das will und möchte ich hier im en detail nicht wiedergeben – auch wenn die Informationsbeschaffung für andere gewiss mühsam ist (man braucht den Katalog und muss es wieder einmal sich ins Deutsche übersetzen) – aber eines sei noch erwähnt: Simenon war für die Reportage über die französischen Flüsse und Seen mit Hans Oplatka unterwegs gewesen. Abgesehen, dass der sich viel mehr für alte Steine und romanische Kunst interessierte – weshalb viele Halte eingelegt worden sind – unterschieden sich die Aufnahmen Oplatkas insbesondere in der technischen Qualität und Schärfe.
Und so bleibt auch hier das (teilweise unausgesprochene) Fazit: Simenon hatte einen Blick für das Motiv und seine Fotos wurden deshalb besser, weil ihm der technische Fortschritt in die Hände spielte. Zudem wird auch hier klargestellt, dass er die Reportagen machte, die ihn interessierten und die Redaktionen ihn dafür mit den finanziellen Mitteln ausstatten.
Der Zeuge des Übergangs
Um den Text von Patrick Roegiers ist es eigentlich schade. Da der Text den gleichen Fokus hat wie das Interview, erscheinen mir ein Teil der Informationen redundant. Das entwertet den Beitrag jedoch nicht – denn Roegiers geht mehr in das Detail.
Aber es soll natürlich geschaut werden, ob wir noch etwas Neues aus dem Text ziehen können. Vielleicht sogar etwas Überraschendes …
Er hat ein gutes Auge, findet schnell den richtigen Blickwinkel, wählt klare Bildausschnitte, verbindet das Ganze harmonisch mit den Details, gibt den Personen ihren richtigen Platz und würzt das Leben, das niemals klischeehaft oder postkartentauglich ist, mit Komik und Absurdität.
Dachte, ich wäre auch für Komik zu haben und das Absurde. Hatte sie an den verschiedensten Ecken in meinem Leben und auf der Welt entdeckt. Gerade das Absurde hat in meinen Augen seine besonderen Reize. Bei den Bildern von Simenon konnte ich weder das eine noch das andere entdecken. Vielleicht müsste mir das mal jemand anhand eines konkreten Beispiels erklären. Oder es ist ein Wahrnehmungsproblem, dass sich daraus ergibt, dass ich aus einer anderen Zeit und einem anderen Kulturkreis stamme. Wer weiß …
Hier wird noch einmal eindringlich festgehalten, woran Simenon Interesse hatte:
Vor allem in Frankreich und Belgien fotografiert Simenon in Cafés, Treffpunkten für gesellige Trinkrunden, Restaurants und kleinen Geschäften, die nostalgisch an den unfassbaren, aber unvergesslichen Duft vergangener Zeiten erinnern.
Hier haben wir vielleicht eine Erklärung für das zuvor aufgezeigte Problem: Ich habe keine Erinnerungen an die Gerüche der Zeit, als Simenon für seine Reportagen unterwegs gewesen ist. Mit den olfaktorischen Aromen von Supermärkten und Drogerien wird er unvergleichbar sein. Auch werden Kneipen heute schon anders riechen, weil dort nicht mehr geraucht wird und die (meisten) Leute in diesen Breiten entweder täglich Duschen, und/oder Deodorants verwenden. Wie sollte der Geruch wiederkehren. Unfassbar trifft am besten, denn es ist nicht mehr da.
Einen schonungslosen Blick wirft der Autor auch auf die Bilder, den Text und das Gehabe von Simenon in Bezug auf Afrika:
Ohne die Klischees und Stereotypen zu vermeiden, die seine zahlreichen populären Romane, die unter Pseudonymen veröffentlicht und in kleiner Auflage herausgebracht wurden, mit sich bringen, gibt er selbst den schlimmsten Neigungen dieser Kolonialzeit nach, die er »verabscheut«, er staunt als »guter Weißer« über Affenbrotbäume und Gummibäume, beschreibt die Hütten aus Ästen, die Hütten, die Amulette, die Opferrituale, die Feste und grausamen Zeremonien, die der Zauberer anordnet. [...] Auf dieser erschreckenden Safari zeichnet zeichnet Simenon zahlreiche Einzelporträts – das Selbstbild ist in diesen Gegenden noch ungewöhnlich –, beschreibt die Frauen und ihre Kinder, die sich vertrauensvoll der Kamera darbieten, aber er bezeichnet die Schwarzen weiterhin als Neger – damit war er damals nicht allein –, was er im Hinblick auf die Vereinigten Staaten relativiert, wo das Wort als Beleidigung empfunden wird und durch »coloured« ersetzt wurde.
Mich überrascht, dass der Autor überrascht ist. Sowohl davon, dass Simenon bestimmten Klischees und Vorurteilen nachhängt. Gerade in seinem Frühwerk (also in den 1930er-Jahren) sind diese zuhauf zu finden. Das ändert sich mit der Zeit. Und noch 1957 verwendet er das N-Wort für einen Roman – also fast zwanzig Jahre später und seinem zeitweiligen Leben in den USA, in dem das Wort schon damals nicht unproblematisch war.
Roegiers betont in seinem Text, dass Simenon zwar in den besseren Gesellschaften verkehrte. Er mied den Abstand zu den »Elenden« in dieser Zeit nicht. Simenon ging in die Notunterkünfte und nahm die Armut auf – sowohl auf seinen Fotografien in den 1930er-Jahren wie auch in sein Gedächtnis, um später aus den Erinnerungen seine Romane und Erzählungen damit zu speisen. Er war jemand, der sich nach Roegiers nicht für die »engagierte« Literatur erwärmen kann, seine Fotografien und Texte aus der Zeit legen aber den Finger auf die Wunde von Armut und Ungerechtigkeit.
[Er] stellt sich auf die Seite derer, die hungern, denen es an Würde und Achtung mangelt.
Roegiers ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Verfasser von vielen Büchern über Fotografie. Einen großen Teil des Artikels zeichnet er die Reisen nach, die auf den Bildern beschrieben sind. Da finden sich viele Informationen, die uns Carly im Gespräch nicht bietet – der Text ist allerdings um einiges länger, kein Wunder also.
Den letzten Abschnitt seines Beitrags widmet der Autor der Qualität der Fotografie Simenons. Roegiers hat ein ambivalentes und differenziertes Verhältnis zu dem, was er an Fotos von Simenon kennengelernt hat, tendiert jedoch zur Anerkennung.
Simenon wird in dem Text als der Autodidakt und Amateur beschrieben, der er war. Beim Fotografieren zeigte er Spontaneität. Der Autor des Textes hebt anthropologischen Blick Simenons hervor, seine Empathie und die Fähigkeit, das Allgemein-Menschliche in anonymen Figuren einzufangen.
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Simenon hätte »archetypische Visionen des universellen Menschen« statt individueller Porträts bevorzugt. Seine Bildauswahl und Herangehensweise gelten bewusst als nicht-ästhetisierend – eher würde man sie als dokumentarisch bezeichnen und Simenon hätte sich darauf konzentriert, Momente und Menschen in ihrer Alltäglichkeit einzufangen. Die eigentliche Qualität seiner Fotografie sieht Roegiers weniger im perfekten Ergebnis, sondern im Versuch, mit der Kamera dasselbe Projekt zu verfolgen wie in seiner Literatur: sich in andere Leute hineinzuversetzen.
Zugleich betont Roegiers, dass das Resultat für Simenon selbst oft nebensächlich ist (»Es ist gelungen oder misslungen«), was auf eine gewisse Nonchalance Simenons oder Bescheidenheit schließen ließe.
Starker Tobak
Nun hatte ich schon angeteasert, mit welchem Hintergrund Catherine Clément daherkommt. Insofern ist wirklich kein leichter Text zu erwarten. Was machen die Fotos mit einem? Das ist eine interessante Frage. Die kann unter ästhetischen Gesichtspunkten beantworten oder aber unter emotionalen. In dem Kontext findet Clément Antworten unter emotionalen Aspekten.
Ich wäre nicht darauf gekommen, bei dem Betrachten der Bilder die Schlüsse zu ziehen. Clément dagegen hatte – wie zuvor erwähnt – ihre Großeltern in einem Vernichtungslager verloren. Da hat man einen anderen Blick auf jüdische Kinder in den 1930er-Jahren. Die Frage, ob sie den Krieg unbeschadet überstanden haben, stellt sich dann unmittelbar. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie es taten, ist nicht sehr groß, wenn man sich erinnert, wie effizient die nationaldemokratische Diktatur in Polen vorgegangen ist. Die Frage, ob die Kinder, die auf den Bildern zu sehen sind, überlebt haben, stellt sich nicht nur bei den jüdischen Kindern (und Erwachsenen) – die sie ist auch in Bezug auf die Polen erlaubt.
Simenon trat eine Reise an, die ihn durch Europa führte. Daraus resultierte der Artikel »Europa 1933«. Der Fokus lag schon in den osteuropäischen Ländern, auch wenn nach Aussage von Catherine Clément Simenon im Zuge der Reise in Berlin war und dort Hitler im Fahrstuhl des Hotels »Kaiserhof« traf. Hier wird die Ironie betont, die dieser Begegnung innewohnte.
In dem Beitrag wird weniger die Qualität der Fotografie von Simenon betrachtet. Der Text ist zwanzig Jahre alt.
Was seine Fotografien von 1933 zeigen, ist die Angst, die große Angst. Nun gut, eine abgehandelte Angelegenheit. Zum Glück gehört auch Simenon zur vergangenen Welt.
Tja, denkt man sich da, hoffentlich hast du recht, liebe Catherine! Manchmal, nein, desöfteren hat man das Gefühl, wir haben aus der Geschichte nicht so viel gelernt. Sind wir nicht vielleicht wieder auf dem Weg in solche Zeiten? Unter dem Aspekt wäre es wichtig, sich sowohl die Fotos von damals, auch die von Simenon anzuschauen. Und diese Texte zu lesen.
Kleines Fazit
Interessiert man sich für die Fotografie Simenons, dann sollte man sich diesen Katalog besorgen.
Die Qualität der Reproduktion ist hervorragend. Hilfreich ist, dass den Bildern der notwendige Raum gegeben wird. Unter ästhetischen Gesichtspunkten ist auch die gelungene Typografie und das Layout dieses Titels hervorzuheben. Wenn es etwas zu meckern gibt, dann das man offenbar davon ausgegangen ist, dass man die Autoren der Texte kennt und deshalb keine Kurz-Biografie für notwendig erachtete.
Die Beiträge – französischsprachig – sind lesenswert und interessant. Beschlossen wird der Katalog durch einen ausführliche und bebilderten Lebenslauf.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.