Der Wucherer

Der Wucherer spielt nicht die Hauptrolle. Ein Arzt ist der Hauptakteur. Aber der wuchert auch nicht. Weder mit Geld, Lebensfreude noch mit Spannung. Er erzählt, wie er damals von seinen Eltern zu seiner Tante kam, die ihm das Studium finanzierte und machte sich Gedanken darüber, was denn wohl dem Onkel passiert ist, der eines Tages verschwand und den man als Wucherer bezeichnen konnte.

Über die Story


Die Vielseitigkeit von Simenon wird dann deutlich, wenn man zwei Bücher direkt nacheinander liest. Hier »Der Wucherer« und da »Das Begräbnis des Monsieur Bouvet«. Gerade noch hat man ein Buch gelesen, in die Geschichte in Ich-Form erzählt wird (wobei der Erzähler mit einem Bein in der Gegenwart steht und daraus in die Erinnerung seiner eigenen Kindheit gleitet), dann wieder eine Erzählung, bei der die Geschichte eines älteren, gerade verstorbenen Herren erzählt wird, der eine Menge Leute mit seiner Identität auf den Arm genommen hat, aus einem Guss – die verschiedensten Figuren greifen mit Tun und Denken ineinander – eine absolut flüssige Geschichte.

Eines vorneweg: Malempin, Edouard Malempin, um genau zu sein, ist ein Langeweiler. Dass die Erziehung ihn dazu gemacht hätte, wäre weit hergeholt, eher waren es die Umstände. Die Malempins bewirtschafteten ein Gehöft, welches weitab von den anderen Höfen lag. So hatte Edouard immer einen langen Weg zur Schule, den er allein beschritt. Freunde konnte er so keine gewinnen. Der Junge war mit sich selbst beschäftigt und lebte damit ganz gut.

Interessant an diesem Buch ist die Schilderung der Mutter: Sie war es, die ihren Mann dazu gebracht hatte, dieses Gut zu kaufen, für das sie nun Tag und Nacht ackerten, und jeden Monat zitterten, ob sie die fällige Rate begleichen konnten. Sie wollte es so und sie bekam es. Zwei Kinder waren da, Edouard wurde weniger geliebt (so sein subjektiver Eindruck). Die Tochter war nur am Wochenende da, sie besuchte eine Klosterschule mit angeschlossenem Internat. Die Tochter weggedacht, haben wir wieder ein Bild von Simenons Mutter Henriette. Richtig warm wird man mit ihr nicht, zumal sie ihren Sohn immer noch »unmöglich« findet. Der Vater spielt in der Geschichte nur eine untergeordnete Rolle: er hatte zu arbeiten, die Mutter bestimmte – womit nicht gesagt werden soll, dass die Mutter nicht arbeitete.

Die Geschichte beginnt Simenon in der Gegenwart. Edouard ist ein erfolgreicher Arzt. Eine Frau, zwei Kinder. Der Kleinste erkrankte kurz vor dem Urlaub, kurz vor der Abfahrt, schwer und nimmt Zeit, Kraft und Sorge der Eltern voll in Anspruch. Der ältere von den Söhnen war ein Mutterkind, den jüngeren zog es zum Vater. Der Kleine war von jeher das Sorgenkind der Eltern gewesen: er nahm alles an Krankheiten mit, gab es eine Gelegenheit, sich zu verletzen, Bilot nutzte sie – sprach man von klein, dann traf es auch auf sein Erscheinungsbild zu: Bilot war klein und blass, ganz anders als sein Bruder Jean.

Am Krankenbett des Sohnes fängt der Arzt an zu schreiben, seine Gedanken zu sammeln. Er erinnert sich, wie es damals gewesen war. Ein zentrales Ereignis in der Woche war der Besuch bei Tante und Onkel. Zu der Gelegenheit wurden die Pferde vor den Wagen gespannt. Die Mutter nahm Brote mit. Nicht etwa, weil es eine so lange Reise gewesen wäre, sondern aus Sorge, die Kinder würden bei Tisch zu sehr »reinhauen« – diesen Eindruck von ausgehungerten Kindern wollte die Mutter nicht zulassen. Irgendwann erhoben sich der Vater und Onkel und verschwanden im Arbeitszimmer. Der Onkel war ein geiziger Mann gewesen, der wohl nur ganz knapp dem Gefängnis entkommen war. So hatte er aufgrund seiner krummen Geschäfte die Berechtigung verloren, als Rechtsanwalt und Notar tätig zu sein. Damit, so wird gesagt, hatte er noch Glück gehabt? Die Geschichte kommt ans Rollen, als der Onkel eines Tages verschwand?

Warum verschwand er, wo sollte er hinwollen? Die Tante war eine liebenswerte Frau, die überhaupt gar nicht zu dem Mann passte. Aus irgendwelchen Gründen, die Malempin ein Rätsel waren, nahm die Tante ihn auf und ermöglichte ihm den Besuch einer höheren Schule. Es war wahrscheinlich das Geschäft zwischen zwei Parteien, wobei bei den Vertragsverhandlungen der Junge nicht teilnahm: für die Eltern war es ein Esser und eine Sorge weniger; die Tante hatte Gesellschaft, die nicht ganz so garstig war, wie der Onkel. Das Abkommen, das muss Malempin zugeben, war nicht zu seinem Schaden.

Mit seinen Rückblicken versucht der Arzt herauszubekommen, was eigentlich mit seinem Onkel – dem Wucherer – passiert war. Er hat ihm keine Träne hinterhergeweint, wie wohl die wenigsten. Aber Malempin war neugierig.

Die Geschichte ist wirklich nicht sehr spannend, sie plätschert so vor sich hin. Malempin hat sich eine Frau aus Bequemlichkeit gesucht. Das Motto war: man braucht halt eine Frau. Wobei seine Frau mit ihren Motiven nicht viel besser war: die große Liebe konnte ich nicht bekommen. Sie lebten nebeneinander her. Ein richtiges Verhältnis zu seiner Mutter hatte er immer noch nicht, obwohl sie auch in Paris lebte und er sie jeden Tag besuchte (besuchen musste). Sie zog immer noch den jüngeren Bruder vor und knöpfte ihm ständig Geld ab, welches sie dem jüngeren Bruder gab. Insgeheim machte sie ihm den beruflichen Erfolg zum Vorwurf, obwohl sie es war, die ihn damals »weggab«. Obwohl man jede Menge Spannungen erwarten könnte, kommen die nicht rüber. Der Funken springt nicht.

Lesen Sie lieber »Das Begräbnis des Monsieur Bouvet«.

Deutschsprachige Ausgaben

Eine Ausgabe

1994

Der Wucherer
Diogenes (detebe 22694)
Übersetzung: Günter Seib

Cinema & TV

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Hörspiele & -bücher

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