Der Neue

Sein Kommen hatte keiner beobachtet. Der Mann nahm eine Bestandsaufnahme vor und entschied sich dann für die Kneipe von Charlie Moggio. Dieser ist ein richtiger Wird – seinen Gästen will er nicht nur das Geld abknöpfen, er setzt auch auf Gespräche. Dieser kommunikative Charlie trifft auf einen stillen und mürrischen Fremden – Justin Ward. Wer will es den Kneipenbesuchern verdenken, dass sie den Fremden mit einem Mord in der Nähe in Verbindung bringen. Sie täuschen sich und erfahren, dass Ward gute Beziehungen hat.

Über die Story


Die Situation lässt sich mit einem Zugabteil vergleichen, welches anfangs nur von einem Fahrgast besetzt ist und in welchem andere Passagiere nur ungern aufgenommen werden. Ist das Abteil erst einmal mit zwei Leuten belegt, so verbünden diese sich instinktiv, sollte ein dritter oder vierter hinzukommen – so ähnlich ist es, wenn ein Neuer in die Stadt kommt.

Man kann in eine Stadt kommen, sich in bestehende Runde hineinpressen, auch wenn man nichts sagt – vielleicht hin und wieder ein wissendes Lächeln aufsetzen. Nicht jeder wird mit dem abweisenden, wenn nicht sogar feindseligen Verhalten der »Ureinwohner« zurechtkommen. Schließlich gibt es die Möglichkeit, sich zu integrieren, allen möglichen Klubs beizutreten, freundlich und nett zu sein, wie zum Beispiel Walter Higgings in »Die schwarze Kugel« – der letztlich auch an seinem Traum scheiterte, allerdings anders.

Justin Ward machte schon bei seinem Eintreffen alles falsch. Für die Einwohner ließ sich nicht nachvollziehen, wann und wie er ankam. Sie ahnten nicht, dass er wie ein Landstreicher per Anhalter gefahren war. Bei seiner Ankunft wussten sie auch nicht, was der freundliche Fahrer wusste: Justin Ward war maulfaul, gab nichts preis und eine Dankeschön für das Mitnehmen (allgemein gesprochen für die Freundlichkeit) kam ihm nicht über die Lippen. Ward trat an einem Abend in die Kneipe und machte sich unsympathisch, als man im Radio hörte, dass ein Farmer in der Nähe ermordet würde. Sein fremdartiges Verhalten, seine Einsilbigkeit ließen die Stammgäste vermuten, dass er vielleicht etwas mit dem Mord zu tun haben könnte. Charlie Moggio, der Wirt, ist heilfroh, als Ward vom Sheriff abgeholt wurde. Beunruhigend waren für den Wirt ihn die Worte des Fremden, der sich mit einem »Bis bald!« verabschiedete.

Am nächsten Morgen war der Sheriff ziemlich sauer auf seinen Freund Charlie, und er nach und nach bekam dieser heraus, warum sich Kenneth Brookes so fürchterlich aufregte. Der Polizist hatte die Fingerabdrücke in die Zentrale gesendet und bald kam die Anweisung, man möge Ward in Ruhe lassen. Brookes war um keinen Fingerbreit schlauer geworden und hatte sich vor Ward noch blamiert. Eine Wut, die er nur zu gern an Charlie Moggio ausließ.

Der wurde schon am gleichen Vormittag wieder von Justin Ward beehrt, der nichts weiter tat, als hin und wieder ein Schluck zu trinken, nichts zu sagen und die Leute anzustarren. Das ist es verständlich, dass Charlie sehr unruhig wurde – Ward schien sich zu einem Leutevergrauler zu mausern, der keinen Umsatz brachte. Für Ward machte der Aufenthalt in der Kneipe durchaus Sinn: hier traf sich nicht gerade die Elite, dafür aber der Mittelstand und diesem brauchte er nur auf’s Maul zu schauen, um herauszubekommen, was in dem Ort (der übrigens ungenannt bleibt) lief.

Ward, der sich in einer Pension eingemietet hatte, begann bald Aktivitäten zu entwickeln. Von einem alten Mann kaufte er ein Billard-Salon ab und modernisierte ihn. Er richtete ihn nicht etwa modern ein, sondern ließ diesem das Flair einer Spelunke, so dass sich Halbstarke darin wohlfühlten. Auf wundersame Weise hatte er es geschafft, dass der Herausgeber der örtlichen Zeitung, nicht gegen eine Schankerlaubnis für Wards Etablissement stimmte, was Charlie Moggio sehr verwunderte, denn Chester Nordell (Herausgeber und einziger Redakteur der Zeitung) war sehr streng, was diesen Punkt anging. Noch mehr wunderte Moggio, dass sich die beiden aus früheren Zeiten kannten.

Die Überlegungen Moggios waren einfach: so unbekannt konnte Ward nicht sein, wenn er in einem so abgelegenen Nest, wie dem hier ungenannten Ort, erkannt worden war. Er fing an, immer mit Blick auf die Wettbewerbssituation, Erkundigungen einzuziehen und trat damit eine Lawine los.

Dem Leser wird es nicht leicht gemacht. Ward ist ein unsympathischer Typ, man kann ihn nicht mögen. Allerdings hat auch die andere Hauptperson – Charlie Moggio – seine Kanten. Der Wirt oppuniert von Anfang an gegen den Fremden und dabei hat er nicht das Gemeinwohl im Sinn, sondern seine eigenen Interessen. Er betätigt sich im Wettgeschäft und ist so gut angeschrieben, dass ihn der örtliche Sheriff zufrieden lässt; die Kanäle, über die er Informationen über Ward einholt, haben auch nicht gerade eine weiße Weste. Ich glaube, dass wen man liest, man unwillkürlich Partei ergreift. Aber für wen? Was für ein Dilemma!

Die Geschichte selbst ist wie ein Kammerspiel. Die meisten Szenen spielen sich in der Kneipe von Charlie Moggio ab – er hat den Blick auf die Straße und hin und wieder wird über das Gesehene berichtet. Von dem, was in Wards Billardsaal vor sich geht, hört man nur vom Hörensagen. So wie es in einer kleinen Stadt ist. Simenon beschreibt nicht nur das Duell zweier Männer (der eine hat die Gangster auf seiner Seite, der andere wird merkwürdigerweise vom FBI geschützt), sondern auch die Mechanismen in einer Kleinstadt, das berühmte »Ich habe gehört ...«.

Deutschsprachige Ausgaben

Eine Ausgabe

1990

Der Neue
Diogenes (detebe 21895)
Übersetzung: Ingrid Altrichter

Cinema & TV

Un nouveau dans la ville
1987 - Frankreich
ein Film von Fabrice Cazeneuve
mit Roger Jendly

Hörspiele & -bücher

Für dieses Werk liegen keine Informationen über Hörspiel- oder -buch-Bearbeitungen vor.