Paradiesische Zustände


Im Tahiti der dreißiger Jahre war die Welt noch in Ordnung. Mit wenig Geld konnte man sich in einem Paradies niederlassen und das Leben in der freien Natur genießen. Die Aussteiger der Welt ließen sich auf der traumhaften Welt nieder und sangen »Pour la vie«.

Die Ernüchterung erfolgte bald und überkam nicht nur die ahnungslosen Naturmädchen und -burschen, sondern auch die Administration. Es mochte keine gefährlichen Tiere und Pflanze auf dem Inselparadies geben, aber wer sagte denn, dass Alles genießbar sei? Den Einwohnern von Tahiti war das klar, aber sie sahen nicht unbedingt die Notwendigkeit, es auch den Neuankömmlingen mitzuteilen.

Es schafften einige durchzuhalten, aber vielen verging der Spaß an dem Paradies alsbald und sie wollten sich auf den Heimweg machen. Sie waren als Habenichtse gekommen und ihr Vermögen wuchs während ihres Aufenthaltes nicht. So waren sie auf ihre Botschafter und französischen Regierungsbehörden angewiesen, um ein Rückfahrtticket zu bekommen. Verständlich, dass die Behörden keine Lust hatten, diese Kosten immer wieder vorstrecken zu müssen. Bei der Ankunft im Paradies wurde in teuflischer Manier so irgendwann eine Prozedur eingeführt, bei der jeder Ankömmling einen Betrag X nachweisen musste, damit die Behörden sicher sein konnten, dass es sich niemand in ihr Land einschlich, den sie später auf eigene Kosten wieder zurückschicken mussten.

Es gab Lücken, dass war klar: Major Owen war so ein Glücksritter. Der gestandene Mann hatte allerdings nicht vor, sein Glück als Aussteiger auf der Insel zu suchen. Seine imposante Erscheinung und erstklassige Anreise verboten den Vertretern, nachzufragen, wovon er denn auf der Insel zu leben gedenke: so landete er ohne einen Centime auf der Insel, und machte sich daran Erbschleichern das Handwerk zu legen und versuchte, sich um René Maréchal zu kümmern, einem jungen Millionenerben. Alfred Mougins war dieses Kunststück in »Die Erbschleicher« auch gelungen, aber über die Tricks des Franzosen wird sich in dem Roman ausgeschwiegen.

In »Das Testament Donadieu« war Oscar noch ein junger Bursche, der am Rockzipfel seiner Schwester hing. Nach dem Tod des Vaters überkam ihn immer wieder ein unerklärliches Fernweh, welches ihn aus La Rochelle forttrieb. Einige Zeit gelang es der Familie, den Jungen immer wieder einzufangen. Der entwickelte dabei ein bemerkenswertes Geschick und eines Tages machte er sich mit seinem Hauslehrer Edmond auf den großen Weg und kehrte in den Vereinigten Staaten ein, wo er sich als Bauarbeiter auf einer Großbaustelle verdingte. Der Tod seiner Schwester und seines Schwagers und der daraus resultierende Zusammenbruch der Familie brachten ihn zurück nach Frankreich. Gegen seine Natur brachte er als jüngster Sproß Ordnung in die Familie, die aus den Eskapaden Philippe Dargens verarmt hervorging. Oscar beschloss, auszuwandern und machte sich auf den Weg nach Tahiti. Wie alle Ankömmlinge in den Büchern Simenons, machte er sich auf den Weg nach einer Ankunft und kehrte zuerst in ein Hotel ein. Nach ein paar Tagen setzte er sein Vorhaben um, frei leben zu wollen, und verzog sich in die Wildnis. Während das den Behörden normalerweise erstmal recht war, war es bei Oscar Donadieu eine andere Sache. Er stammte aus einer berühmten Familie und selbst hier auf der Insel, glauben viele Mitglieder der Administration, dass sie der Familie Donadieu etwas schuldig seien. Ihre Hilfe ist nicht willkommen, Oscar Donadieu möchte in »Der Bananentourist« seinen eigenen Weg gehen.

Hieß es damals wirklich das Liebesarchipel? Simenon nennt die Inseln in einer Reportage so. Die Eingeborenen, die man sich nur bildhübsch vorstellen kann, wenn man die Romane und Erzählungen Simenons liest, scheinen eine sehr liberale Einstellung gepflegt zu haben, was Kleidungsvorschriften und Sexualität anging. Ankommende Seeleute und Inselgäste hatten kein Problem, nach ein paar Getränken, mit einer Maori in die Dünen marschieren zu können, um sich zu vergnügen. Mag man dem Geschriebenen glauben, verlangten die Frauen dafür kein Geld; vermutlich kamen aber willige Herren für deren Lebensunterhalt auf. Ganz ungefährlich war der Kontakt mit den Damen nicht: sie mochten rein in der Seele sein, aber mit ihrer Gesundheit stand es nicht zum Besten. Dafür sorgten schon die Matrosen, die gewisse Krankheiten durch die Welt trugen.

Tahiti gehört zu Französisch-Polynesien. Die Insel im Pazifischen Ozean, welche die größte und bedeutendste der Gesellschaftsinseln ist, hat eine Länge von 33 Kilometern und ist 26 Kilometer breit. Das Klima wird als warm und gemäßigt beschrieben, die Temperaturen bewegen sich in diesen Gefilden zwischen 16 Grad und 32 Grad Celsius. Die Insel ist dank ergiebiger Niederschläge sehr üppig bewachsen.

Ein anderes Thema war Arbeit: auf Tahiti war es zu der damaligen Zeit nicht leicht, eine zuverlässige Arbeitskraft zu bekommen. Wer wollte bei solch paradiesischen Temperaturen und einer solch schönen Umgebung sich schon das Leben mit Arbeit vermiesen? Die Eingeborenen kamen zur Arbeit, wenn sie Lust dazu verspürten. Das hielt sich aber meist nur kurze Zeit. So schlug auch ein Versuch fehlt, von dem Simenon berichtete: um das örtliche Handelsmonopol der Chinesen zu durchbrechen, unterstützte die Regierung die Gründung von Einzelhandelsgeschäften der Eingeborenen. Kurze Zeit später durfte Inspektor den Verkaufserfolg der Geschäftsleute überprüfen. Er traf auf leere Geschäfte und freute sich über den Erfolg der Inhaber, musste aber kurz darauf erfahren, dass die frisch gebackenen Kaufleute das Prinzip des gewinnbringenden Handels nicht verinnerlicht hatten. Die meisten Waren ihres Bestandes hatten sie einfach verschenkt. Simenon berichtet in der Reportage »Die Gangster im Liebesarchipel« von dieser Begegebenheit. Die Gangster auf der Insel waren aber andere. Wie das Frankreich der dreißiger Jahre seinen Stavisky hatte, gab es eine ähnliches Affäre auf der Insel. Die erlangte nie die politische Bedeutung, wie der Skandal im Mutterland, aber es reichte, um die örtlichen französischstämmigen Bewohner der Insel zu entzweien.

Den Vogel schoss auf Tahiti aber ein Tourist ab: Little Samuel wurde er in der Erzählung »Little Samuel auf Tahiti« genannt. Samuel war ein Fabrikant, der großen geschäftlichen Erfolg hatte und diesen auf einer Yacht mit Freunden feierte. Er behauptete, dass man seine Reiseroute über die auf dem Meeresboden verteilten Champagnerflaschen nachvollziehen könnte. Dumm nur, dass er sich unmittelbar seiner Ankkunft auf Tahiti schwer verletzte. Die Insel mochte ein Paradies sein, bei Georges Simenon bringt sie aber den wenigsten Glück.

Ein eigenes Kapitel ist das Schaffen Simenons als Fotograf, auf welches hier nur hingewiesen werden soll. Es existieren zahlreiche Fotos, die während der Tahiti-Reise Simenons aufgenommen wurden. In den Simenon-Bildbänden sind diese ausführlich dokumentiert.

Etwa 7000 Kilometer von Tahiti entfernt, liegen vor ecuadorianischen Westküste die Galapagos-Inseln. Nicht direkt, auch hier muss man sich nochmal 1000 Kilometer über das Meer begeben, bevor man das Festland erreicht, aber die Nähe zu viel Land ist doch mehr gegeben, als in Tahiti. Obwohl sehr viele Kilometer zwischen den beiden Inselgruppen liegen, kann man die beiden in einen Topf packen: schließlich sind auch die Galapagos-Inseln ein Aussteiger-Refugium. Bei Simenon finden sich hierzu zwei Quellen: zum einen in Form einer Reportage, die man in deutscher Sprache in einem Band von »Schwarze Beute« nachlesen kann, allerdings auch nur dort und die den etwas reißerischen Titel »Das Geheimnis der Galapagos-Inseln« trägt. Dr. Ritter, ein deutscher Aussteiger, hat sich einer sehr asketischen Lebensweise verschrieben und propagierte die Lebensweise auch ausführlich in Zeitschriftenartikeln. Da war es kein Wunder, dass sich in der fernen Heimat Leute angesprochen fühlten, und bereit waren, so zu Leben, wie es Dr. Ritter vorschlug. Das ging bis zu dem Tag gut, bis eine Gräfin auf der Insel landete und das Gebiet, sprichwörtlich gesagt, in Beschlag nahm und zu ihrem Territorium erklärte. Die Ereignisse auf der Insel ließen sich schlecht nachvollziehen. Auch Simenon hatte nur das Wort der Überlebenden und die Erinnerungen waren von persönlichen Ansichten gefärbt. So kann man ohne große Bedenken »»... die da dürstet«« lesen, hier bekommt man die Geschichte in Romanform vorgelegt.