Die reizende Madame Maigret


Sie steht zu Hause und kocht, hält den Kontakt zu den Verwandten und bereitet die Fahrten an die Loire vor. Madame Maigret verharrt meist im Hintergrund der Erzählungen, aber es gibt Ausnahmen...

Die Frau von Maigret wird in den Büchern immer als »Madame Maigret« tituliert. Sie heißt eigentlich Louise (ja, und auch Namen sind Schall und Rauch: in »Madame Maigrets Liebhaber« ruft er sie Henriette! Ob er da was durcheinander gebracht hat, ist die Übersetzung für Louise Henriette oder ist Simenon sich untreu geworden, wie er es mit dem Wohnort der Maigrets ja auch manchmal ist) und stammt aus Colmar im Elsaß. Die komplette Verwandschaft arbeitet im Amt für Brücken- und Straßenbau, und das herausheiraten aus diesem Kreis gilt schon als kleine Sensation.

Auf einer solchen Feier lernte Maigret auch Louise kennen. Eigentlich war ein Freund (ein ehemaliger Studienkollege) von ihm – seines Zeichens ein pickliger Apotheker, in sie verliebt. Da Maigret in Paris neu war, nahm sein Freund ihn zu einem Empfang der Brücken- und Straßenbaufamilie mit. Dort setzte sich Maigret gleich in Szene, in dem er aus Verlegenheit während eines Gesangsvortrages einer Cousine von Madame Maigret, alle Kekse aufaß. Das lenkte unter anderem auch die Blicke von Louise auf ihn.

1912 heiraten beide. In der Anfangszeit nannte Louise ihren Mann nicht Maigret, sondern rief ihn mit seinem Vornamen. Sie hatte einen tiefen Respekt vor ihm, der auch dann zu spüren war, wenn sie ihn mit seinem Vornamen rief. Sie wird als mollige Frau beschrieben, wie man sie häufig – nach heute wohl nicht mehr – in Milchgeschäften und Bäckereien antrifft. Sie war voll und ganz Hausfrau, kannte keine Langeweile.

Madame Maigret hält sehr engen Kontakt zu ihrer Schwester Florence im Elsaß, und sie besuchen sich häufiger gegeneinander. (Die Schwester von Madame Maigret – und sie hat eigentlich nur eine – hat auch eine zeitlang in Orleans gewohnt, zumindest wird es so in einer Erzählung erwähnt.) Im Gegensatz zu der Ehe von Louise und ihrem Mann – der natürlich Tiefbauingenieur ist –, hat ihre Schwester Kinder. Wie bei der Wohnungsfrage, sollte man auch bei verwandtschaftlichen Dingen, nicht jedes Wort auf die Waagschale legen: in »Maigret und das Schattenspiel« heißt es, die Schwester wäre überraschend mit ihrem Mann eingetroffen, wobei sie wie üblich eine Flasche Obstschnaps (Mirabellen) und einen geräucherten Schinken mitgebracht hätten, und, dass der Mann nett sei und obendrei Besitzer einer Ziegelei.

In der Erzählung »Maigret in Nöten« antwortet Maigret auf die Frage nach Kindern: »Ich hatte nur eine Tochter, die starb, als sie noch ganz klein war.«

Sie fragt Maigret nicht nach seiner Arbeit und wertet sie nicht. Höchst selten erzählt Maigret seiner Frau von seinen laufenden Ermittlungen. In ganz seltenen Fällen gibt sie ihm Anregungen, meist ohne das sie sich dessen bewusst ist. Und nur von zwei Fällen ist überliefert, dass sie in die Ermittlungen eingreift – »Madame Maigrets Liebhaber« und »Madame Maigrets Freundin«, aber wie die Titel schon sagen, hat sie in beiden Fällen auch ureigenstes Interessen zu vertreten.

Madame Maigret hat großen Respekt vor »wichtigen« Leuten. Dazu gehören für sie auch die Staatsanwaltschaft und die Untersuchungsrichter – insbesondere der Lieblingsrichters Maigrets – Coméliau. Während Maigret mit solchen Leuten bei deren seltenen Besuchen und häufigeren Telefonanrufen in der Regel so umspringt, wie es ihm beliebt und sie oft genug mit seiner Art (Gelassenheit und Humor) auf die Palme bringt, möchte Madame Maigret vor Scham im Erdboden versinken. Sie sieht ihren Mann auch nicht als die Berühmtheit, zu der ihn die Presse durch ihre aufmacherische Art macht. Beispiel gefällig? Maigret sitzt mit seiner Frau in einer Pension fest, denn die Überfahrt nach England ist aufgrund schlechten Wetters nicht möglich (»Sturm über dem Kanal«). Eine Angestellte der Pension wird ermordet. Das zieht natürlich eine Ermittlung nach sich, die Maigret völlig kalt lassen. Seine Frau wird als erste Person von dem Orts-Kommissar vernommen:

Die Tür war zwar geschlossen, aber man hörte trotzdem fast alles, was auf der anderen Seite gesprochen wurde, und das Lächeln von Maigret vertiefte sich, als er seinen Kollegen im Zimmer nebenan fragen hörte:
  »Mit ai oder mit é?«
  »Mit ai…«
  »Wie der berühmte Kommissar?«
  Brave Ehefrau! Sie begnügte sich, mit »Ja« zu antworten.
  »Sind Sie mit ihm verwandt?«
  »Ich bin seine Frau.«

Maigret ist entzückt von solchen Dialogen. Außerhalb seiner Arbeitszeit zieht er wann es geht und wo es geht, seine Ehefrau auf liebenswürdige Art und Weise auf.

Wenn Maigret aufsteht, so tut er dies in der Regel nach seiner Frau. Wenn er seine Füße in die Pantoffeln schlüpfen lässt und einen Blick auf den Boulevard Richard-Lenoir schweifen lässt (das Wohnzimmer lässt diesen Blick zu, das Schlafzimmer auch?), dann kann er den frisch gemachten Kaffee schon riechen. Madame Maigret ist es, die am frühen Morgen Gäste empfängt, die der Morgenmuffel Maigret gehört, aber ignoriert hat. Sanft, aber bestimmt, wird Maigret geweckt oder zum Aufstehen gezwungen (Interpretationssache).

Kommt in den frühen Morgenstunden ein Anruf, so steht Madame Maigret ebenfalls mit auf, um den Kommissar eine Tasse Kaffee zu bereiten. Wahrscheinlich würde sie ihm auch ein Taxi rufen, aber in der damaligen Zeit gab es so etwas wie Funktaxis wohl nicht.