Die andere Maigret-Story


September 1929. Die »Ostrogoth« hat Leck geschlagen, und so sitzt Simenon in einem kleinen holländischen Ort namens Delfzijl fest. Während sein Schiff fit gemacht wird, sucht er Trost beim Genever.

Später schilderte Simenon die Idee des Maigret wie eine Offenbarung: Durch den Nebel der Spirituose marschierte der Kommissar, kräftig und resolut, auf ihn zu.

Diese Begegnung, wie sie von Simenon in späteren Jahren prosaisch beschrieben wurde, scheint nicht sehr glaubhaft. Fest steht: Vor fünfundsiebzig Jahren schrieb Simenon erstmals einen jener Romane, die seinen Weltruhm begründen sollte. Man mag mit dem Namen Simenon heute nicht mehr bei jedem eine Erinnerung auslösen, erwähnt man aber Kommissar Maigret, so können sich die Menschen plötzlich gut erinnern.

Die Idee ließ sich verkaufen: Simenon hatte einen Roman geschrieben und schickte ihn als Probe an seinen Verleger. Dieser war nicht gerade begeistert, denn der Krimi, den ihm sein junger Autor zusandte, wollte überhaupt nicht in die gängigen Schubladen passen. Ein fast dick zu nennender Polizist in einer Geschichte, die nicht mit viel Humor ausgestattet war und der eine zünftige Liebesgeschichte fehlte, schien Arthème Fayard nicht sehr erfolgsversprechend zu sein.

Fayard war aber Verleger genug, um ein Risiko einzugehen, mäkelte also erst einmal ein wenig herum, orderte aber weitere Geschichten von Simenon.

Der setzte sich hin und schrieb. So konnte Fayard 1931 beginnen, eine Serie von Maigret-Romanen zu veröffentlichen. Jeden Monat folgte ein neuer Maigret-Roman. Obwohl Fayard die Bücher mit entsprechendem »Tamtam« (Eskin) herausgab, übernahm Simenon einen Teil des Marketing selbst. Am 20. Februar 1931 lud Simenon in die Nachtbar »Boule Blanche« zu einem bal anthropométrique. Dieser Themenball wurde sehr gut besucht, kam gut an und wurde in der Presse ausführlich besprochen. Eine bessere Werbung konnte Simenon sich für seinen Kommissar nicht denken. Auch in anderer Hinsicht war Simenon ganz Marketingfachmann in eigener Sache: Er setzte durch, dass als Preis für seine Maigrets nicht 5 Francs genommen wurden, sondern 6 Francs.

Erwähnenswert sind auch die Buchcover der neuen Maigrets – die aufwendig gestalteten Fotoumschläge waren wirklich eine Sensation.

Der Erfolg übertraf die kühnsten Träume Simenons. Nicht nur, dass nach kurzer Zeit Übersetzungsrechte nach ganz Europa und nach Amerika verkauft worden waren, auch am heimischen Buchmarkt kamen seine Maigret-Romane sehr gut an. So schreibt Eskin in seiner Biographie: »Im Herbst 1931 war Simenon eindeutig in.« Schon im August war Simenon zum Bestseller des Jahres 1931 gewählt worden.

Dass die von Simenon gewählte Mischung den Geschmack des Publikums traf, kann man auch daran ersehen, dass sich nach kürzester Zeit gleich zwei Regisseure für diesen Stoff interessierten. 1932 erschienen sowohl »Le chien jaune« sowie »La nuit du carrefour«. In beiden Filmen sollten Verwandtschaftsverhältnisse bei der Produktion eine große Rolle spielen.

Für die Verfilmung der Geschichte des gelben Hundes setzte der Regisseur Jean Tarride seinen Bruder Abel Tarride ein. Die Mordgeschichte an der Kreuzung wurde von Jean Renoir verfilmt, der seinen Bruder Pierre als Kommissar Maigret besetzte. Über letzteren Film wird gesagt, dass er ziemlich unvollständig produziert wurde (angeblich hatte Jean Renoir einige Rollen des Filmmaterials nicht geschnitten, während Renoir selbst die Schuld der Kopierfabrik gab). Die Zuschauer waren beim Verlassen des Kinosaals einigermaßen irritiert gewesen. Eine verständliche Reaktion: Durch die fehlenden Szenen dürfte so mancher der Zuschauer den roten Faden verloren haben.

Die Bekanntheit, die Simenon durch Maigret erlangte, war nicht nur in finanzieller Hinsicht interessant. Er bekam durch die wohlwollend aufgenommene Figur des Maigret auch Zutritt zum Quai des Orfèvres. Xavier Guichard, damaliger »Chef«, nahm Kontakt zu Simenon auf und lud ihn ein, das wahre Leben zu besichtigen. Bei Guichard bedankte er sich später durch dessen Erwähnung in »Maigrets Memoiren«, gleichzeitig entstand eine »Home«-Story über den Quai, die in mehreren Folgen in der Zeitschrift »Police et Reportage« erschien.

1933 beschloss Simenon, trotz des kommerziellen Erfolges seiner Maigrets, diese Reihe nicht weiterzuführen und sich von der »Halb-Literatur« wie er es nannte, der richtigen Literatur zuzuwenden. Seinem Verleger Fayard wird diese Entscheidung nicht gefallen haben, aber Simenon ließ sich nicht davon abbringen. So beendete er mit »Maigret« (dt.: »Maigret und sein Neffe«) in diesem Jahr die Maigret-Reihe. Übrigens schuf Simenon damit den ersten Roman, der den Namen des Kommissars im Romantitel trug. Dieser Roman war aber streng genommen schon der erste nach dem letzten Maigret. Ursprünglich sollte »L’ecluse No 1« (dt. »Maigret in Nöten«) der letzte von Simenon geschriebene Maigret sein.

Marnham stellt in seiner Biographie zu den ersten Maigret-Folgen übrigens lapidar fest: »Ein Satz, der für die Reihe der Maigret-Romane besonders charakteristisch ist, lautet: Il s’est mis à boire. (Er begann zu trinken.)« Der erhebliche Konsum von Alkohol, der heute jedem Vorgesetzten Sorgenfalten auf die Stirn treiben würde, manifestiert sich schon in den ersten Maigret-Romanen. Klar ist auch: Ein Gesundheitsapostel war Maigret schon für damalige Verhältnisse nicht. Pfeife, korrekte aber eher schlampig getragene Kleidung sind von der ersten Stunde an Markenzeichen des Kommissars, sein mürrisches Auftreten legt er selbst auf seine alten Tage nicht ab.

Eine Erklärung für den Widerruf des Rücktritts von Maigret lautet, dass für Simenon finanzielle Gründe ausschlaggebend gewesen seien. 1936 begann er Maigret-Geschichten zu verfassen. Diese kleinen Erzählungen verkaufte Simenon an Zeitschriften. Sie erschienen erst acht Jahre später in Frankreich in Buchform.

Mitte der dreißiger Jahre schaffte der Pariser Kommissar den Sprung nach Deutschland. Unter dem Namen Georg Simenon wurden einige Romane bei der Schlesischen Verlagsanstalt Berlin veröffentlicht.

Erst 1939 fing Simenon wieder an Maigret-Romane zu schreiben. Diese erschienen 1942 in einem Sammelband unter dem Titel »Maigret revient«. Anfang der vierziger Jahre wechselte Simenon mit seinem Maigret-Werk zu Gallimard (die Non-Maigrets erschienen schon vorher bei dem renommierten Verlag). Dieser Schritt wird auch mit seiner Verärgerung über Fayard begründet, der ihn trotz seines Maigret-Erfolgs noch wie einen Groschenheft-Autor behandelt hatte. Die Episode »Maigret und Gallimard« sollte kein halbes Jahrzehnt währen.

Mitte der vierziger Jahre zog es Simenon zu dem neu gegründeten Verlag Presses de la Cité, der noch heute die französischen Rechte innehat.

Mit dem Wiederbeginn des Roman-Maigrets gab es konstant in jedem Jahr ein, zwei – in guten Jahren schon einmal drei Maigret-Bände. Kurzgeschichten entstanden in der Zeit nur noch sehr wenige.
Die ersten deutschsprachigen Maigrets erschienen kurz nach dem Krieg im Wiener Hammer-Verlag, blieben aber eine Episode. Weitere Romane aus der Maigret-Serie wurden Anfang der fünfziger Jahre im Detektiv-Club veröffentlicht.

Dafür erlangte die Figur des Kommissar Maigret einen neuen Status: Jean Gabin verkörperte ab Mitte der fünfziger Jahre den brummigen Kommissar in drei Kinofilmen und gab der literarischen Figur einen erheblichen Popularitätsschub und damit auch eine nennenswerte Bekanntheit in Deutschland. Die Rechte an Simenons Werk gingen an Kiepenheuer & Witsch, der die Romane, vorzugsweise die Maigrets, in erheblicher Zahl veröffentlichte. Es befanden sich einige namhafte Autoren unter den Übersetzern der Maigret-Ausgaben (genannt sei hier der allseits bekannte Paul Celan), die teilweise bis heute in der damaligen Fassung veröffentlicht werden.

Jean Gabin war das Entrée Maigrets in Deutschland gewesen. Der wahre Durchbruch sollte Mitte der sechziger Jahre durch das Fernsehen kommen. Das Zweite Deutsche Fernsehen hatte sich entschlossen eine englische Fernsehserie einzukaufen: »Maigret« mit dem Hauptdarsteller Rupert Davies. So versammelte sich die Fernsehnation vor dem Fernseher und sah sich den Fernseh-Referenz-Maigret an. Woche für Woche, ein ganzes Jahr lang. Nachfolger von Rupert Davies mussten sich an diesem Schauspieler und seinem Maigret messen lassen. Davon gab es einige: Gino Cervi erlangte durch einen Kinofilm Bekanntheit als Maigret in Deutschland.

Heinz Rühmann war der deutsche Kino-Maigret, fand aber in den Augen vieler Zuschauer keine Gnade.

Dann kam Jean Richard, ein Maigret-Import, und man mochte es nicht glauben, aber der Franzose fand in den Augen der Kritiker keine Gnade. Wenn man lange genug mit dem Finger auf einen zeigt, wird er schon schuldig sein. So war das Motto der Presse, die Jean Richard die Schuld an einer mittelmäßigen Maigret-Darstellung gab. Den Zuschauern waren diese Kritiken, welche Maigret auch nicht gebilligt hätte, ziemlich egal. Wie spätere Befragungen ergaben, fielen die Zuschauerbewertungen nicht blendend, aber immer noch positiv aus.

Mitte der sechziger Jahre, kurz nach der Rupert-Davies-Maigret-Ausstrahlung, wanderten die Maigrets zu Heyne und wurden mit Rupert-Davies-Covern versehen. Die Hardcover erschienen nach wie vor bei Kiepenheuer & Witsch.

1972 entsteht der letzte Maigret. Im September des gleichen Jahres entschloss sich Simenon das Schreiben aufzugeben. Damit ist »Maigret und Monsieur Charles« der letzte Maigret in einer Reihe , die 104 Titel (Erzählungen mit eingeschlossen) umfasst.

Die Zeit der Kino-Maigrets war vorbei und lebte bis zum heutigen Tag nicht wieder auf. Jean Richard drehte von 1968 bis 1989 seine Maigrets und durfte sich abschließend im Guiness-Buch der Rekorde eintragen lassen, als derjenige Darsteller, der die meisten Maigrets gedreht hat (manche, mangels Stoff, doppelt).

Unzufrieden mit seiner Vermarktung in Deutschland, wechselte Simenon 1977 den Verleger und ging von Kiepenheuer & Witsch zu Diogenes. Daniel Keel, Verleger und Simenon-Freund, machte sich daran, eine Werkausgabe zu planen, die eine fast vollständige Neuübersetzung des Werkes enthielt, von denen auch die Maigret-Romane profitierten. Die Rupert-Davies-Umschläge verschwanden, es kamen die gelb-schwarzen Maigrets mit der typischen Maigret-Silhouette von Hans Höflinger heraus.

Zum 50. Geburtstag Maigrets 1979 schrieb Simenon »seinem Kind« einen Brief nach Meung-sur-Loire und gratulierte herzlich zum Geburtstag.

Zehn Jahre später starb Simenon und viele Zeitschriften titelten vorsichtshalber: »Maigret tot«, bevor sich einer der Leser fragen konnte, wer denn dieser Simenon sei. So ist es bis heute geblieben. Bei Simenon sieht man Fragezeichen in den Augen der Leute, erwähnt man Maigret, entspannt sich das Gesicht zu einem »Aha-den-kenn-ich-Ausdruck«.

Im Jahr nach Simenons Tod übernahm Bruno Cremer den Maigret von Jean Richard und schaffte es mit einigen Folgen ins deutsche Fernsehen. Diese Ehre blieb Michael Gambon, einem weiteren Maigret-Darsteller der Neunziger versagt.

Ein Hoch erlebte Maigret in seinem vierundsiebzigsten Lebensjahr. Dies hatte er ganz und gar dem 100. Geburtstag von Simenon zu verdanken. Der Diogenes-Verlag verjüngte Maigret, indem er das Cover mit dem markanten Kopf in Rente schickte und dafür die Maigrets mit nostalgischen Schwarz-Weiß-Fotos schmücken ließ.

Unverdrossen dreht Bruno Cremer als Maigret weiter und ist auf dem besten Weg Jean Richard die Maigret-Krone zu entreißen, auch wenn man zu der kleinen Schummelei greift und so manche Non-Maigret-Erzählung zu einer Maigret-Geschichte macht.

Auch wenn er weitestgehend aus der Presse verschwunden ist (wobei er als Sinnbild für Belgien, Paris und einen verbeamteten Ermittler immer noch herhalten muss) und nur selten auf der Mattscheibe auftaucht, hat er ein eigenes, kleines Domizil gefunden: EBay. Es mag ein deutschsprachiges Phänomen sein, aber Maigret wird immer noch gern gehandelt und so mancher hat einen Traumpreis als Verkäufer erzielt. Das mag nicht viel heißen, aber immerhin soviel: Maigret kommt in die Jahre, aber er lebt!