»Ellery Queen's Kriminal-Anthologie 18«

Trüb, grün oder blaugrün?


Es muffelt hier an meinem Schreibtisch gerade nach Mottenkugeln. Das hat man davon, wenn man sich wieder mal ein altes Buch gekauft hat. Aus irgendwelchen Gründen war ich der Meinung, ich bzw. maigret.de wüssten nicht, was es mit der Geschichte »Inspektor Maigret denkt nach« auf sich hat. Aber kaum ist das Buch angekommen und duftet hier still vor sich hin, da verrät mir die Webseite, dass es sich um einen alten Bekannten handelt.

Ich habe der Bibliographie nichts hinzuzufügen, denn bei der Erzählung handelt es sich um »Der Kahn mit den beiden Erhängten«. Wenn man von den Inspektor-Geschichten hört, kann man davon ausgehen, dass es sich um eine Veröffentlichung aus dem Heyne-Verlag handelt. Die Erzählungen kommen aber nicht, wie sonst üblich bei Simenon-Veröffentlichungen aus dem Hause, von Kiepenheuer & Witsch, sondern es handelt sich um Übersetzungen aus dem Englischen. Abgesehen von der interessanten Tatsache, dass also zuerst vom Französischem ins Englische übersetzt wurde und dann ins Deutsche, was nicht unbedingt zu den besten Resultaten führen kann, kommt noch hinzu, dass man davon ausgehen kann, dass die Übersetzung aus dem Französischen schon vorlag, denn der Sammelband mit Maigret-Erzählungen ist bei KiWi ein Jahr zuvor – 1976 – erschienen.

Image Lightbox

Die Übersetzungen sind, finde ich, ziemlich unterschiedlich. Der Anfang der aktuellen Übersetzung lautet:

Der Schleusenwärter von Coudray war ein magerer Mensch von melancholischer Wesensart, im Kordsamtanzug, mit hängendem Schnurrbart und misstrauischem Blick, ein Typ Mann, wie man ihn unter Gutsverwaltern häufig antrifft. Er machte keinen Unterschied zwischen Maigret und den etwa fünfzig Leuten – Gendarmen, Journalisten, den Polizisten von Corbeil und den Mitgliedern der Staatsanwaltschaft –, denen er seit zwei Tagen seine Geschichte erzählte. Während er sprach, ließ er seinen Blick unablässig über die trübe Oberfläche der Seine gleiten, stromauf- und stromabwärts.

Die KiWi-Fassung lautet derweil so:

Der Schleusenwärter von Coudray war ein trauriger magerer Mann in einem Kordanzug, mit einem herabhängendem Schnurrbart und einem misstrauischen Blick, ein Typ, wie man ihn häufig unter Gutsverwaltern trifft. Er machte keinen Unterschied zwischen Maigret und den fünfzig anderen, Gendarmen, Polizeibeamte aus Corbeil und Mitgliedern der Staatsanwaltschaft, denen er seit zwei Tagen seine Geschichte erzählte. Während er sprach, beobachtete er weiter, stromauf- und stromabwärts die grüne Wasserfläche der Seine.

Die Unterschiede sind nicht sehr groß. Die Übersetzung unterscheidet sich in Nuancen. Ich finde zum Beispiel die Wortwahl »melancholischer Wesensart« eleganter. Manche Menschen sind so, da muss ich mir keine Gedanken machen. Bei der KiWi-Übersetzung stellt sich die Frage, warum er traurig ist. Ob die Seine nun trübe oder grün ist, scheint mir nicht ganz so entscheidend. Aber die Übersetzung von Elfriede Riegler in der letzten Fassung, in der von Oberfläche die Rede ist, liest sich »runder« an als Wasserfläche. Ein interessanter Aspekt ist jedoch, dass die Zeichensetzung in der aktuellen Fassung, diese Passage wesentlich angenehmer lesbar macht.

Damit komme ich zur dritten Fassung, die aus dem Englischen kommt:

Der Schleusenwärter von Coudray war ein magerer, traurig dreinsehender Bursche in Kordhosen. Er hatte einen Hängeschnurrbart und misstrauische Augen, war also der Typ, den man oft bei Gerichtsvollziehern trifft.
Er machte keinen Unterschied zwischen Maigret und den fünfzig Leuten – Polizisten aus Corbeil, Beamten vom Büro des Ermittlungsrichters und des Staatsanwaltes und Reporter, für die alle er in den letzten zwei Tagen immer wieder seine Geschichte erzählt hatte. Und während er dies tat, ließen seine Augen flussauf- und flussabwärts die blaugrüne Oberfläche der Seine nicht aus den Augen.

Auch wenn ich die anderen beiden Fassung nicht kennen würde, hätte ich bei der letzten Fassung gestutzt. Gerichtsvollzieher? Wie würde Simenon denn darauf kommen, zumal es sich um eine ländliche Gegend handelt? Der Berufsstand eines Gerichtsvollziehers würde ich, wie allerdings auch den eines Gutsverwalters, nicht mit Bursche assoziieren. Das sind für mich gestandene Männer, während Bursche etwas jugendliches hat und vielleicht irgendwo als Lehrling oder Arbeiter auf einem Hof arbeitet.

Die Übersetzung hat durch den Zwischenschritt nicht gewinnen können.