Anderson

Nacht an der Kreuzung


Es gibt da ganz am Anfang in »Nacht an der Kreuzung« diesen Schwenk auf den Quai des Orfèvres und die Kriminalpolizei, der wirklich sehr hübsch ist. Man sieht nämlich überhaupt nichts von dem großstädtischen Verkehr, wie er heute üblich ist. Keine Menschenseele ist in diesem kurzen Augenblick sichtbar. Mehr Paris gibt es in der Folge aber nicht zu sehen. Ich gebe mich da keinen Illusionen hin, dass das vielleicht nur eine Illusion ist. Computern sei Dank.

Goldstein hat in diesem Film die Rolle, die er im Buch hat und er darf seinen Namen auch behalten. Sprich, er ist auch nach wenigen Minuten tot. Allerdings wird mit dem Vorspann – der Reise Goldsteins von Antwerpen in die Nähe von Paris – der Zuschauer schon in die Story eingeführt. Es endet mit der Entdeckung der Leiche. Die amüsante Idee des Fahrzeugtausches, die in dem Buch eine wesentliche Rolle spielt, wird komplett unter den Tisch fallen gelassen.

Stattdessen muss Madame Michonnet als eine Art Zugehfrau für die Familie Anderson herhalten und die Familie Anderson darf auch nicht Andersen heißen, sondern musste umbenannt werden – mich würde wirklich mal interessieren, was die Beweggründe für solche lapidaren Änderungen sind, die dem normalen Zuschauer überhaupt gar nicht auffallen, den Kenner der Geschichte aber auf die Palme bringen.

Das war es mit den Gemeinsamkeiten der Story am Anfang, dann geht es auseinander: Maigret ist auf der Beerdigung eines Kollegen und Inspektor Grandjean bittet im seine Pariser Kollegen um Hilfe bei der Fahndung nach Anderson, den Madame Michonnet hatte mittlerweile die Leiche von Goldberg im Auto von Anderson gefunden.

Im Buch ist Grandjean nur ein Verkehrspolizist. In der Geschichte von Stewart Harcourt wurde er nicht nur »befördert«, sondern bekommt auch eine tragende Rolle in der Geschichte. Wenn auch eine sehr Zwiespältige: Er scheint Affären mit fremden Frauen zu haben, unterstützt illegale Boxkämpfe (wegen der Wetten) und irgendwie scheint er hinter Anderson auf eine ganz andere Art interessiert zu sein als er es als Polizist sein sollte.

Anderson selbst wird als sehr gottesfürchtiger Mensch dargestellt, dessen Konflikte und seine Liebe zu Else spielen aber nur eine untergeordnete Rolle. Im Vergleich zum Buch verliert auch Else an Bedeutung.

Das zieht sich fast wie ein roter Faden durch die Adaption: Fast alle Hauptfiguren des Buches haben nur noch kleinere Rollen. Oscar als Werkstatt-Besitzer spielt eine untergeordnete Rolle, sein gewalttägiges Potential wird genauso wenig thematisiert, wie die Führungsrolle, die er in der Bande hat. Jojo scheint bei Drehbuchschreibern nicht geheuer zu sein. In der Bruno Cremer-Verfilmung machte man aus dem Jungen einen alten Mann. Hier nun handelt es sich bei Jojo um eine in die Jahre gekommene Tankwartin ist, die sehr schüchtern und zurückhaltend ist. Monsieur Michonnet quengelte im Buch ständig, dass er seine Arbeit nicht machen könne, da sein Auto eingezogen worden wäre – da der Teil der Story entfiel, wurde auch seine Rolle kleiner. An Bedeutung gewonnen hat einzig Madame Michonnet, die im Dreieck ihres Hauses, dem der Andersons und der Werkstatt hin- und herflitzte.

Ich kann mit diesen Abweichungen von der Original-Story sehr gut leben. Dank dieser kommt bei mir keine Langeweile auf. Meine Schwierigkeiten habe ich indes mit der Rolle von Madame Maigret. Man schimpfe mich einen Traditionalisten, aber in meiner Vorstellung ist Madame Maigret keine Frau, die sich in Ermittlungen von Maigret einmischen würde. Das entspricht nicht dem in den Büchern geschilderten Naturell der Frau Maigrets. Es fühlt sich so an, als hätte man eine Frau der heutigen Zeit in das Kostüm einer Frau von damals gesteckt und versucht so, Madame Maigrets zu renovieren. Ich finde das deplatziert und halte es nicht für glaubwürdig. Zumal man die Modernität Madame Maigrets in der Serie nicht konsequent durchzieht: In der Adaption von »Maigret und sein Toter« ist eine Szene zu sehen, in der sie mehr als peinlich berührt ist, als Maigret sich am Telefon mit Comélieau anlegt, da sie einen hohen Respekt vor Hierarchien hat – zu den Privatermittlungen passt das überhaupt nicht.

Ein weitere Aspekt ist, dass Maigret keiner ist, der sich zu Hause großartig über seine Ermittlungen auslässt. Er hat einen Stab von Inspektoren und Zugriff auf die Ressourcen der Pariser Kriminalpolizei. Es erscheint mir daher nicht plausibel, dass er Ermittlungsarbeit durch seine Ehefrau durchführen lässt. Ich kann da noch nicht einmal das Argument gelten lassen, dass das halt modern wäre. Wäre es umgekehrt und es gäbe eine weltbekannte Kommissarin und die würde ihren Ehemann, der einen anderen Job oder auch keinen hat, in die Ermittlungen einbeziehen, hielte ich das für ebenso unglaubwürdig.

Erwähnt werden sollte noch, dass die literarische Vorlage der Geschichte wohl die actionreichste ist, die es in der Maigret-Reihe gibt. Dieses Element findet sich in der Verfilmung auch nicht wieder. Das Gewalttätigste abgesehen von den Schüssen dürfte der Box-Kampf in der Werkstatt sein. 

Rowan Atkinson ist mal wieder ein einer liebevoll ausgestatteten Kulisse unterwegs und wird als Maigret durch eine spannende Story geschickt. Die Kamera-Einstellungen sind teilweise wirklich großartig. Zusammengefasst handelt es sich um eine Verfilmung, die man sich gern anschaut, die auch ein gutes Ende findet. Nur wer eine werkgetreue Verfilmung erwartet hat, dürfte enttäuscht werden.