Maigret horcht an der Türe

Maigret und der Würger von Montmartre


Gestern eingetroffen, legte ich die DVD am selben Abend in den Player und schaute mir den Film gemeinsam mit der Besten aller Ehefrauen an. Ich bin sonst nicht so fix. Für diese Ausnahme gab es zwei Gründe: Zum einen hatte ich noch nie Gino Cervi als Maigret erlebt und zum anderen stand auf der Rückseite der DVD, dass Simenon der Meinung war, dass Gino Cervi der Beste der Maigrets wäre. Man sieht, ich bin recht leicht zu kriegen.

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Unbestreitbar ist ein Fakt: Der Film war in Deutschland jahrelang nicht zu sehen – weder im Fernsehen gab es ihn zu sehen, noch gab es Veröffentlichungen für den privaten Bereich als Videokassette oder DVD. Auf dem Cover der neu veröffentlichen DVD prangt das Siegel der Deutschen Film- und Medienbewertung und besagt, dass der Film »wertvoll« sei. Als ich mir den Film anschaute, dachte ich mir: »Ach was, der ist wertvoll?«, um dann nach kurzer Recherche zu lernen, dass es drei Prädikatsstufen in diesem System gibt: Entweder ist der Film wertvoll, sehr wertvoll oder gar nichts. Um die Bewertung zu bekommen, muss der Film eingereicht werden und dann wird er begutachtet. Für das ganze Prozedere hat man zu zahlen. Wird der Film für wertvoll oder sehr wertvoll erachtet, bekommt man das Siegel und Rabatte bei der Vergnügungssteuer. Da kann es sich also durchaus lohnen.

Für die Beurteilung gibt es festgelegte Kriterien. Wenn man sich diese anschaut, wird man feststellen, dass die Maßstäbe für eine Beurteilung zeitgemäß sind. Was damals als modern galt und fortschrittlich war, sei es die Art des Erzählens der Geschichte wie auch die Technik in dem Film, wirkt in den Augen der heutigen Betrachter oft antiquiert. Damit heute noch zu werben, wirkt schon komisch.

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Besonders Maigret-Verfilmungen haben es bei mir seit jeher schwer: Ich kenne die literarischen Vorlagen und jedes Verlassen des vorgegebenen Handlungsstrangs wird von mir sehr kritisch beäugt. Ich habe diesen Film jedoch mit einigem Vergnügen gesehen und würde ihn unterhaltsam nennen. Bei manchen Filmen hat man den Reflex ab- oder wegschalten, das war hier ganz und gar nicht der Fall.

Gino Cervi ist ein Maigret. Er ist nicht der Maigret, wie ich ihn mir vorstelle, aber man nimmt ihm die Rolle des Kommissars ab.

Kommen wir zu den »Mecker-Absätzen«: Zum einen war Cervi für meinen Geschmack nicht brummig genug und gestikuliert manchmal ein wenig zu viel.

Es gibt Stellen in dem Film, da dachte ich: »Das ist ja der pure Klamauk.« In den Maigret-Romanen von Simenon findet man durchaus Humor. Aber er ist doch eher von der stillen Sorte. In dem Film ist das ander und das geht schon am Anfang los, als Maigret zufällig zum Tatort kommt, nur weil ihm der Gerichtsmediziner ein Rezept für seine Schwägerin ausstellen muss und Lognon beiläufig gesteht, dass er vielleicht Schuld an dem Drama der ermordeten Arlette sei. Maigret ist nicht sonderlich interessiert, weil er auf dem Weg in die Ferien ist und seinen Zug schaffen möchte. Sein Gepäck hat er schon in einem Taxi, und da kommen dann Lücken in die Geschichte, die keine Lücken sind, die mit der Originalgeschicht zu tun haben. Mit dem Taxi fährt Maigret von dem Tatort (oder dem Ort des Rezeptausstellung) in Richtung Bahnhof, hat aber ein wenig Zeit und schaut sich deshalb am Arbeitsort von Arlette um. Betont dann, dass er zum Bahnhof müsste und dann verschwindet das Thema »Ferien« plötzlich sang- und klanglos – wo der Taxifahrer mit seinem Taxi und Maigrets Gepäck verblieben ist, wird nicht aufgeklärt.

Noch einmal zurück zu dem Thema »Klamauk«: Es gibt eine Stelle in dem Film, in dem sich der Kommissar und seine Inspektoren einen Film anschauen. Zu sehen ist in diesem, wie Arlette im Badeanzug vor einem Pool steht und dann in diesem badet. Ich habe mich wirklich gefragt, ob die zotigen Kommentare der Inspektoren, und die sich Maigret verbittet, im Original auch so zu hören gewesen waren oder ob sie ein Kind der Synchronisation gewesen sind. Es wunderte mich noch mehr, dass nachdem Maigret – immerhin eine Autoritätsperson – sich die Kommentare verbeten hat, seine Untergebenen mit selben weitermachen. »Nein, nein, nein…«, denke ich mir dann nur, »das kann so nicht sein.«

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In dem Film wurde ein in meinen Augen ziemlich wichtiger Handlungsstrang komplett entfernt. Lapointe ist im Buch ein (oder der) Freund von Arlette gewesen und kommt so während der Ermittlungen ziemlich in die Bredouille. Er hatte den Traum, Arlette aus dem »Sumpf« zu befreien. Es gibt »diesen jungen Mann« auch im Film, aber er ist als Fotograf in einer Agentur beschäftigt. Seine Aufgabe ist es an einer Stelle, Maigret mit einem Cabrio durch Paris zu kutschieren, weil dieser einen Verdächtigen observiert. Diese Lücke in dem Film ist schon deshalb bedauerlich, da der Konflikt des jungen, unerfahrenen Lapointe, der hin und hergerissen ist, sich Maigret zu offenbaren, ein entscheidender Aspekt in der Geschichte ist.

Der Höhepunkt des Films war eine Schießerei. Man kann von Glück sagen, dass diese Szene erst zum Schluss kam. Hätte der Film damit begonnen, hätte es durchaus sein können, dass ich den Film gleich wieder ausgeschaltet hätte. Die Inszenierung von Gangster-Schießereien in italienischen Filmen in französischen Kellergewölben war keine Stärke des Regisseurs. Es wirkt albern, wie die Kerle rumballern und man fragt sich, warum die Polizisten sich nicht selber erschossen haben.

Im Film gibt es eine Stelle, in der in einer Rückschau Arlette und ihr Chef in einem Hotelzimmer gezeigt werden. Dieser Part ist in dem Film nicht synchronisiert. Man wollte dies den Zuschauern in den 60er wohl nicht zumuten: Der Chef hat eine Affäre mit seiner Angestellten, liebt sie vielleicht sogar. Die Szene illustriert die Gewalttätigkeit des Mannes wie auch seine Hingabe zu Arlette. Was nun genau das Problem in dieser Szene für die damaligen Entscheider war, erschließt sich mir nicht. Bedauerlich ist das Herausschneiden auf jeden Fall, denn es handelt sich um eine Schlüsselszene, um die Beziehung zwischen den beiden zu verstehen.

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Fazit: Wenn man einen Maigret-Film sucht, der ein wenig auf Komik und Action gebürstet ist und man nur unterhalten werden will, dann wird man an diesem Film seinen Gefallen finden. Wer eine Verfilmung sucht, die nah an der Vorlage ist – sowohl was Geschichte wie auch die Figuren angeht – der dürfte mit der Verfilmung weniger seine Freude habe.