Weder ein noch aus

Marcel Viau weiß weder ein noch aus. Vor kurzem hatte er einen Mann überfallen und ihn ausgeraubt. Nun ist er auf der Flucht, nicht wissend, ob man ihm verfolgt; nicht wissend, ob es die Polizei überhaupt für nötig erachtet, ihn zu verfolgen – ihn ein so kleines Licht. Unterwegs gabelt er Sylvie, eine Nachtclubdame auf, die er mit nach Chantournais bringt, der vorerst letzten Station seiner Reise. Gerade untergekommen im Hotel, fragt er sich, wie er die Unterkunft und das Essen bezahlen soll. In so einer dummen Situation beginnt er mit dem Kartenspielen und verliert fatalerweise. Eine Sackgasse.

Über die Story


Wer mit dem Roman »Die Witwe Couderc« Probleme hatte, der wird sich bei diesem Titel erst recht umschauen. In der letzten Zeit habe ich nur ein Buch wieder beiseite gelegt – »Die letzten Tage eines armen Mannes« – es war mir einfach zu anstrengend. Es war wirklich kein Hoffnungsschimmer zu entdecken, mit diesem Buch geht es ähnlich los. Der Held dieses Buches hat enorme selbstzerstörerische Tendenzen und weiß darum, ergibt sich ihnen.

Marcel Viau kommt in Chantournais an. Bei sich hat er eine Frau, die er gar nicht richtig kennt, aufgelesen in einem Nachtklub. Unklar, warum sie diesem Mann folgte, unklar auch, warum er sich ihr angeschlossen hat. Nein, halt, da war doch was: er suchte eine Bleibe und Sylvie war bereit, ihm eine Bleibe zu gewähren. Nach dieser einen Nacht zogen sie weiter, denn Marcel war auf der Flucht. Das hat er Sylvie nicht gesagt, aber sie ahnte es wohl.

Er hatte einen Kartenspieler, der seine Mitspieler ordentlich »abgezogen« hatte, beraubt. Tot war er nicht, aber Viau hatte es sich so vorgestellt, dass der Überfallene keine Ahnung haben sollte, wer ihn überfallen hat. Schon auf der Flucht kamen ihm die ersten Zweifel, er konnte gar nicht anders, als Lücken in seiner Geschichte zu suchen. Als Fremder in der Stadt hält er es für das Beste, wenn er sich ein wenig zurückhält. Das gelingt ihm nur mäßig: schon am ersten Tag lässt er sich in einem Café etwa 8000 Francs von einem reichen, aber wenig geachteten Mann namens Mangre abnehmen. Eine Menge Geld und die Geschichte, von dem Fremden, der sich übers Ohr hauen ließ, macht schnell die Runde. Von Anonymität kann jetzt nicht mehr die Rede sein: man weiß vielleicht nicht, wer er ist, aber wen es interessiert, der wird es herausbekommen. Da heißt es immer, dass Spielschulden Ehrenschulden sind. Viau ist gewillt, sie zu bezahlen. Der Schönheitsfehler bei diesem Willen ist der Mangel an Masse in der Brieftasche. Kein Geld da. Das letzte Geld aus dem Überfall hat er vernichtet, um Spuren zu ihm zu vernichten.

Er schlendert durch die Stadt, an einem Kanal entlang und hegt seine düsteren Gedanken. In der Beziehung erinnert er ein wenig an den Bahnhofsvorsteher in »Der Neger«, der immer vor sich hinbrabbelt, dass er es eines Tages, ihnen allen zeigen würde. Dabei kann man sich durchaus vorstellen, dass damit auch ein Mord gemeint ist. Viau will es auch allen zeigen, ist dabei bereit, über Leichen zu gehen. Der etwa dreißigjährige Mann schätzt sein Leben nicht, Achtung vor fremdem Leben hat er nicht. Der Mord an einem Menschen wäre nur eine Sache, eine Fortschreibung seines eigenen Niedergangs, der fehlenden Fähigkeit sich unterzuordnen.

Bei diesem Spaziergang mit den düsteren Gedanken fasst er einen Entschluss, von dem ihm Sylvie abhält. Sie hat herausgefunden, dass der Hotelmanager eine staatliche Summe in seinem Zimmer versteckt hat, die sich gut klauen lässt. Zu einer Anzeige würde es nie kommen, verrät sie ihm, denn das Geld wäre von diesem selbst unterschlagen worden. In der Tat ist das Geld leicht beschafft. Da macht sich bei dem Mann allerdings keine Erleichterung breit, sondern große Wut… Wahrscheinlich hätte er lieber jemanden umgebracht, denkt man sich beim Lesen. Stattdessen steht er mitten in der Nacht auf und haut der schlafenden Sylvie eine runter. Das ist eine Szene, die ich absolut nicht verstanden habe. Wer macht so etwas? Noch rätselhafter ist mir: warum bleibt Sylvie, was hält sie bei diesem Verbrecher? Zwischen den beiden Außenseitern gibt es nicht einen Funken Liebe und die Frau wirkt auch noch wesentlich cleverer als Marcel Viau. Ihr ist durchaus zuzutrauen, dass sie ihren Weg macht.

Mit dem Geld in der Tasche kann Viau seine Spielschulden bezahlen. Statt aus der Stadt zu verschwinden, und damit aus dem Gedächtnis der Menschen, bleibt er. Geht sogar auf das Revanche-Angebot ein. Damit wird er immer tiefer in die Intrigen der Städter gezogen und obwohl er ein Dreckskerl ist, habe ich gedacht: »Geh! Verschwinde! Versuch Dein Glück woanders«. Aber nein, dass was ich denke, wird ja nie gemacht (haben Sie auch manchmal das Gefühl?). Auf dem Buchrücken meiner Ausgabe steht: »und weiß nur noch einen Ausweg. Doch der ist endgültig.« Klingt nicht sonderlich nach Hoffnungsschimmern, wie auch der Titel nicht vor Optimismus sprüht. Kein Buch, was man lesen sollte, wenn man eine solide Herbstdepression pflegt oder sich Gedanken darüber machen darf, wie man seine Spielschulden zu begleichen hat.

Es mag sein, dass es etwas weit hergeholt ist, aber: Kennen Sie »Krieg der Sterne«? Da gibt es so etwas wie die dunkle Seite der Macht. Sollte ihn schon mal begegnet sein, diese dunkle Seite erwischt jeden mal. Ehrlich. Oder sind sie wirklich JEDES Mal zurück gegangen, als ihnen falsches Wechselgeld zu Ihren Gunsten zurückgegeben wurde. (Ja, Tatsache?! Dann sind sie ja rein wie ein Jedi-Ritter.) Wie häufig ist man schon übervorteilt worden, denkt man sich bei der Gelegenheit; man zählt schließlich nicht jedes Mal das Kleingeld nach. Egal!, bevor hier eine Diskussion über die dunkle Seite der Macht entsteht und dem leichtsinnigen Umgang mit Wechselgeld, will ich zum springenden Punkt geben. Es gibt Menschen, die bewegen sich auf der Seite der Gesetzestreuen (Kleingeldgeschichten jetzt mal ausgenommen), es gibt Leute, die bewegen sich in einer Grauzone (das sind die, die immer Schwarzfahren - da kenne ich kein Pardon) und es gibt die, die von Gesetzen nicht soviel halten (und nur mühsam Naturgesetze anerkennen). Zu der letzten Kategorie gehört Marcel Viau, der nicht einmal gewillt ist, Menschenleben zu achten. Da frag ich mich, warum ich gedacht habe: »Junge, verschwinde!«, wo man hätte denken müssen: »Harry, hol den Wagen!« Aber das ist wohl der Kunst Simenons zuzuschreiben, der mit seinen Texten nicht urteilt, nicht verurteilt – was ansteckend auf den Leser wirkt.

Deutschsprachige Ausgaben

Eine Ausgabe

1985

Weder ein noch aus
Diogenes (detebe 21304)
Übersetzung: Elfriede Riegler

Cinema & TV

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Hörspiele & -bücher

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