Herr Montag

Die Geschichte fein, der Hintergrund weniger. Im Haus eines Arztes verstirbt plötzlich ein Dienstmädchen. Die Geschichte ist etwas heikel, denn der Hausherr hatte ein Verhältnis mit der jungen Frau gehabt. Schon bald stellt sich heraus, dass die Art der Zutodebringung mehr als ungewöhnlich war. Ein Clochard könnte die Lösung bringen. Maigret observiert den Mann und macht erstaunliche Entdeckungen.

Über die Story


Im Hause des Arztes Dr. Barion – einem Lungenfacharzt – ist das Dienstmädchen Olga Boulanger verstorben. Anscheinend nicht natürlichen Todes, was durch die Tatsache bekräftigt wurde, dass das Dienstmädchen im fünften Monat schwanger war. Maigret wurde mit den Untersuchungen zu dem Zeitpunkt betraut, an dem sich die Eltern des Dienstmädchens, bretonische Bauern, entschlossen haben, als Privatkläger aufzutreten. Der Verdacht der Eltern richtet sich gegen den Arzt.

Maigret sucht den Arzt auf, um ihn mit dem Verdacht zu konfrontieren, den die Eltern haben: der Arzt habe ihre Tochter erst geschwängert und dann – er war schließlich verheiratet und hatte Kinder – umgebracht. Der Arzt hatte an der Autopsie des Mädchens teilgenommen und eigene Untersuchungen vorgenommen:

»Da Sie den Bericht Dr. Pauls in der Tasche haben, wissen Sie, dass wir festgestellt haben, dass der Darm dieser Unglücklichen von winzigen Löchern durchsiebt war, die rasch zu einer Blutvergiftung geführt haben. Es ist Ihnen auch bekannt, dass wir nach sorgfältigen Untersuchungen den Grund dieser Durchlöcherung gefunden haben, was meinem berühmten Kollegen und mir allerdings einiges Kopfzerbrechen bereitet hat – derartiges Kopfzerbrechen, dass wir uns genötigt sahen, einen Tropenmediziner zuzuziehen; ihm verdanken wir des Rätsels Lösung…«
[...]
»Die Methode, die verwendet worden ist, um mein Dienstmädchen umzubringen – für mich besteht kein Zweifel, dass sie umgebracht worden ist –, ist anscheinend in Malaysia und auf den Neuen Hebriden durchaus nicht unüblich. Man muss dem Opfer eine bestimmte Menge jener feinen, nadelharten Granen verabreichen, die an der Ähre des Getreides sitzen, unter anderem an Rogenähren. Diese Grannen bleiben im Darm, dessen Wände sie nach und nach durchstechen, was unvermeidlich…«

Eine sehr raffinierte Methode, jemanden das Leben zu nehmen, wenn aus nicht sehr gebräuchlich. Der Doktor hatte sich in den letzten Tagen auch viel Zeit genommen und überlegt, in welchen Nahrungsmittel, die Granen hätten untergebracht worden sein könnten. Er stellte eine Liste von allen Lebensmitteln auf, die die Familie und das Personal in den letzten Tagen zu sich genommen hat, was ihn aber wunderte ist, dass alle Familienmitglieder und das Personal das gleiche aßen. Bis er Herrn Montag erblickte.

Herr Montag, so wird Maigret aufgeklärt, kommt an jedem Montag, um in der Küche zu essen. Ein freundlicher alter Herr – »ein Bettler wie aus der Vorkriegszeit, sauber und würdevoll«. Der Arzt erinnerte sich daran, dass der alte Herr immer Creme-Törtchen mitbrachte, die für die Kinder des Arztes bestimmt waren. Vor geraumer Zeit hatte Dr. Barion den Kindern verboten, die Törtchen zu essen; vernascht wurden sie zu einem späteren Zeitpunkt von dem Dienstmädchen. Der Arzt ist sich ziemlich sicher, dass die Granen in den Törtchen waren.

Kamen die Granen von Herrn Montag oder nicht vielleicht doch von dem Doktor, der zugibt seiner Frau untreu gewesen zu sein, oder dem Chauffeur, der auch ein Verhältnis mit dem Mädchen hatte?

Maigret heftet sich an dem kommenden Montag an die Fersen von »Herrn Montag«. Zu beantworten war die Frage, wo bekam der alte Mann seine Creme-Törtchen her.

Bereits um ein Uhr stand er am Montag nicht weit von der Konditorei Posten, und erst um zwei bemerkte er einen alten Mann, den er erkannte, ohne ihn je gesehen zu haben. Kinder sind auf eigene Art genial: Das war nun also Herr Montag, der mit kleinen Schritte gelassen und gleichmütig daherkam, sich seines Lebens freute und jede Minute genoss, gleichsam Brosame auf Brosame häufend.
Mit gewohnter Bewegung öffnete er die Tür der Konditorei, und Maigret war von außen Zeuge der guten Laune von Frau und Fräulein Bigoreau, die mit dem Alten Scherzworte wechselten.
Es war offensichtlich, dass man sich freute, ihn zu sehen! Sein Unglück war nicht von der Art, die traurig stimmt. Er erzählte ihnen etwas, was sie zum Lachen brachte, und schließlich erinnerte sich das dralle junge Mädchen an den Montagsritus, beugte sich über die Auslage, wählte zwei Religieuses aus und schlug sie mit geübter Bewegung in weißes Papier ein.

Herr Montag ging von der Bäckerei schnurstracks zum Hause Barion, ohne Station. Je näher er dem Hause kam, desto hüpfender wurde sein Gang. Es ist schon klar, dass dieser Mann nicht die Granen in die Törtchen tat. Maigret stattet der Bäckerin einen Besuch ab und fragt sie nach normalen und ungewöhnlichen Abläufen an den Montagen der vergangenen Wochen.

 

Deutschsprachige Ausgaben

6 Ausgaben - erste Ausgabe: 1976 - letzte Ausgabe: 2009

1976

Herr Montag
in »Neues von Maigret«
Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Barbara Klau-Wille

1977

Herr Montag
in »Neues von Maigret«
Ex Libris, Zürich
Übersetzung: Barbara Klau-Wille

1987

Herr Montag
in »Mit Charme, Schalk und Soutane«
Blanvalet
Übersetzung: Linde Birk/Ingrid Altrichter

1989

Herr Montag
in »Maigret und der hartnäckigste Gast der Welt«
Diogenes (detebe 21486)
Übersetzung: Gertrud Lehnert-Rodiek

1994

Herr Montag
in »Maigret. Seine großen Fälle«
Scherz
Übersetzung: Elfriede Riegler

2009

Herr Montag
in »Sämtliche Maigret-Geschichten«
Diogenes
Übersetzung: Gertrud Lehnert-Rodiek

Cinema & TV

Maigret chez le docteur
2004 - Frankreich
ein Film von Claudio Tonetti
mit Bruno Cremer [Kommissar Maigret],
Laurent Le Doyen [Dr. Baron]

Hörspiele & -bücher

Für dieses Werk liegen keine Informationen über Hörspiel- oder -buch-Bearbeitungen vor.